Regeln des Ramadan:Zeit für Essen, Soaps und Eheleben

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Besonders opulent und weniger nach innen gewendet ist der Ramadan bei den genusssüchtigen Ägyptern. Sie verfallen nach dem stundenlangen Essen mit Großfamilie, Nachbarn oder Freunden die halbe Nacht lang den berühmten RamadanSoaps im TV, um am nächsten Morgen wie gerädert weiterzufasten. Einige der Serien sind Blockbuster, fromme Geschichten aus der Zeit des Propheten, am Fließband verfilmt, Helden mit angeklebten Bärten und schneckenhausartig aufgetürmten Turbanen.

Und wenn es nicht die Soap sein soll: Auch Eheleben darf nach dem Fastenbrechen stattfinden. "Freigegeben sei euch in der Fastenzeit die Nacht zum Verkehr mit euren Weibern. Sie sind euch ein Gewand, ihr seid ihnen ein Gewand", so der Prophet in göttlich poetischen, aber auch eher männlich formulierten Worten.

Der Ramadan ist der Monat, in dem der alleinige Gott seinem allerallerletzten Propheten vor 1400 Jahren den Koran und damit sein gesprochenes Wort offenbart hat: Mit Hilfe des Erzengels Gabriel oder des Heiligen Geistes, der Islam bedient sich beim Kernpersonal der anderen Buchreligionen, dem Juden- und dem Christentum.

Fasten ist im Sommer härter als im Winter

Weil der Prophet den Arabern nicht nur die Botschaft überbracht, sondern auch weite Teile ihres Alltagsleben entlang der Grundsätze des Korans organisiert hat, wurde der starre altarabische Kalender zu einem flexiblen Mondkalender: Deshalb wandert der Ramadan in der Welt des gregorianischen Kalenders durch das Jahr. Das Fasten kann im Früh- oder Hochsommer anstehen, das trifft die Gläubigen weit härter als Enthaltsamkeit im Winter. Das Wort Ramadan kommt wohl vom arabischen Wort für "Brennen": Weil durch Fasten die Sünden weggesengt werden oder weil er in die heiße Jahreszeit fallen kann.

Wann das große Fasten beginnt, darüber wird zwischen Kairo, Istanbul, Riad, Teheran von den Neu- und Sichelmondexperten unter den Theologen jedes Jahr aufs Neue eifersüchtelnd gerichtet: Wann ist der Mond mit bloßem Auge zu sehen? Was im Zeitalter des Computerteleskops leichter zu haben wäre, bleibt politisch. Sunniten und Schiiten streiten seit Mohammeds Tod um dessen Nachfolge, die Sunniten gönnen sich den globalen Führungsanspruch untereinander nicht. Es geht auch beim Ramadan ums letzte Wort.

Mit Wohltaten vom Ramadan freikaufen

Mitmachen können, dürfen und müssen fast alle. Ausnahmen gibt es wenige: die Kranken, Siechen und Schwangeren, o.k. Die Menstruierenden, auch noch o.k. - aber nur, wenn die fehlenden Tage nachgefastet werden. Die Reisenden, die länger als drei Tage unterwegs sind, dito. Den Kindern wird die Enthaltsamkeit von der Pubertät an nähergebracht. Wer nicht fasten will, hat eine Alternative, sie hat etwas vom katholischen Ablass. Wer jeden Tag des Fastenmonats 30 Bedürftige speist, kann den Ramadan Ramadan sein lassen: Da der soziale Gruppendruck hoch ist, wird selbst der übelste Gierschlund zögern.

Auch für zugereiste Nicht-Muslime kann der Ramadan sehr besonders sein. Der Moment des Fastenbrechens ist der bei Weitem berührendste Moment in Kairo, einem Moloch, der mit schönen Momenten knausert. Früh am Morgen, vor Sonnenaufgang, hat sich der Ramadan-Schreier durch die Straßen gelärmt, ein Oskar Matzerath des Glaubens. Er trommelt und ruft die Schlafenden zum ersten Gebet.

Aber wenn die Fastenden am Abend ihre Schuhe noch im Laufen abstreifen auf dem Weg durch das Moscheetor für das Gebet vor dem Essen, dann dringt Stille ein, füllt für wenige Minuten eine ganze 15-Millionen-Stadt. Vögel sind zu hören - es gibt sie in Kairo -, ein einsames Taxi schnurrt durch die Straßen. Am Steuer ein Christ, der an der Dattel lutscht, die ihm ein Muslim durchs Autofenster geworfen hat, ein Symbol des Fastenbrechens. An den Straßen und unter den Brücken füllen sich die Bänke vor langen Tischen, die Reichen richten Bankette für die Armen aus, der Geldsack sitzt kurz neben dem Habenichts.

Weil Mohammed die trockene Kehle predigte, wird es mit dem Alkohol im Ramadan jedoch schwierig. Restaurants schenken nicht aus, die von den Christen betriebenen Eckläden machen zu, die Spelunken verdunkeln. Aber am Ende des Fastenmonats, nach dem dreitägigen Zuckerfest als letzter Großoffensive an den Tischen der islamischen Welt, ist alles wieder so, wie es vor dem Ramadan war: laut, hektisch, geschäftig, genussvoll.

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