Prominente Ministranten Vor dem Altar gestählt fürs Leben

Wie einst Joschka Fischer oder Stefan Raab: In Rom feiern 50.000 die Ministrantenwallfahrt. Ein Rückblick zeigt: Wer heute erfolgreich in Politik oder Showbiz ist, hat oft als Messdiener angefangen.

Von M. Drobinski

Sie sind begeistert, die Messdiener: Sogar der Papst hat sich das Halstuch umgelegt, das Erkennungszeichen der 50.000 Teilnehmer der Ministrantenwallfahrt nach Rom. Noch bis zu diesem Wochenende machen sie die Straßen Roms bunt; sie haben sogar die Piazza Navona in ein Seifenblasenmeer verwandelt. Sie haben Spaß, ungeachtet der Kirchenkrise daheim. Dort werden sie, wie der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst sagt, von ihren Altersgenossen oft belächelt: "Sie erleben sich im Alltag als Einzelkämpfer", so der Bischof.

Joschka Fischer, Jürgen von der Lippe, Thomas Müller: Messdiener waren sie alle.

(Foto: dpa)

Es stimmt: Wer in der säkularen Welt sagt, er sei Ministrant gewesen, der gilt schnell als ein bisschen verschroben.

Ministrant: Das sagt man über einen, der als harmlos gilt; Oberministrant, wenn sich einer mit geliehener Macht aufplustert. Dabei ist der Ministrantendienst eine Schule fürs Leben - sonst wären wohl kaum so viele Politiker, Künstler, Kabarettisten, Spitzensportler einst Ministranten gewesen. "Immer wieder melden sich Prominente bei uns und sagen, dass ihnen als Ministranten das erste Mal im Leben zugetraut wurde, öffentlich aufzutreten, dass sie Wertschätzung und Anerkennung erfuhren", sagt Peter Hahnen, Referent für die Ministrantenpastoral in Deutschland.

Das Rauchfass und die Politik. Bei Christdemokraten wie Helmut Kohl oder Norbert Blüm scheint der Zusammenhang klar zu sein. Sie haben den Lebensrhythmus der katholischen Kirche mit der Muttermilch aufgesogen, kamen über das Jugendzeltlager zur Jungen Union und schließlich zur Union. Dass dies heute nicht mehr so ist, ist für selbige durchaus ein Problem. Dass aber auch Andrea Nahles, die SPD-Linke, Ministrantin war, überrascht schon eher. Sie gehörte zu den ersten Mädchen, die von Mitte der siebziger Jahre an in Deutschland am Altar dienten; sie hat es durchgesetzt gegen die Alten in der Gemeinde. Für sie war das die politische Urerfahrung, sagt sie.

Franz Müntefering war am Altar dabei, und der einstige Bundesaußenminister Joschka Fischer von den Grünen erzählt, dass er - es war ein bisschen vor der Straßenkämpferzeit - als kleiner Joschka immer die Glocken zu läuten hatte und dies einmal versehentlich um sechs statt um sieben Uhr tat. Fischers Mutter war eine tief fromme Frau. "Bei uns regierte der Papst", erinnert er sich. Auf einem EU-Gipfel wollten die gastgebenden Franzosen jedes Mitglied nach ihren Sorgen befragen - Beichtstuhl-Verfahren nannten sie das; einer der Kollegen wollte wissen, was damit gemeint sei. "Sie müssen Protestant sein", soll Fischer geantwortet haben.

Für andere Kinder ist vielleicht die Wahl zum Klassensprecher der erste Schritt in die Öffentlichkeit, aber nirgendwo in Deutschland haben so viele Kinder und Jugendliche Repräsentationsaufgaben wie im katholischen Gottesdienst. Fast 440.000 Ministrantinnen und Ministranten gab es 2009 in Deutschland, ein Plus von mehr als 40.000 verglichen mit 2008; deutlich mehr als die Hälfte sind inzwischen Mädchen.

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