Porträt Der Schlingel vom Bodensee

Peter Lenk provoziert als Bildhauer heftige Reaktionen, ob mit der "Imperia" in Konstanz oder dem "Pimmel über Berlin". Sein neuer Streich: eine Abrechnung mit Stuttgart 21.

Von Josef Kelnberger

Drei Weisheiten hat Bildhauer Peter Lenk zu Leitlinien seines Lebens erkoren. Die erste stammt, sinngemäß, von Pablo Picasso: "Kunst und Freiheit muss man wie das Feuer des Prometheus rauben, um es gegen die bestehende Ordnung einzusetzen." Dann wäre da, zweitens, ein Satz von Friedrich Dürrenmatt: "Man kann das Leben nur als Komödie ertragen." Schließlich Albert Camus: "Die Fantasie tröstet die Menschen darüber hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind."

Drei Weisheiten, die reichen für ein Künstlerleben. Lenk zitiert sie immer wieder gern. Er hat aber noch ein viertes, pragmatischeres Motto: "Freiheit oder Stundenlohn." Beides zusammen sei nicht zu haben im Leben, sagt er beim Gespräch in seinem Atelier in Bodman am Bodensee. Als Journalist, der sich im weitesten Sinn für den Stundenlohn entschieden hat, blickt man demütig auf das Werk, an dem Lenk gerade arbeitet, vor allem, auf ein großes, nun ja: Gemächt. Es hat, davon wird noch zu reden sein, mit dem neuen Stuttgarter Bahnhof zu tun.

Peter Lenk, 71, ist kein Künstler für subtile Seelen. Er setzt der Freiheit, die er vor vielen Jahren anstelle des Stundenlohns als Kunstlehrer gewählt hat, wuchtige, viele Tonnen schwere, viele Meter hohe drastische Denkmäler, mit Figuren, die er auf listige Weise im öffentlichen Raum platziert. Seinen Ruhm begründete die Imperia, zehn Meter hoch, 18 Tonnen schwer, die Lenk 1993 bei Nacht und Nebel auf den Pegelturm im Konstanzer Hafen platzieren ließ. Die Kurtisane aus Beton balanciert auf der einen Hand ein nacktes Königlein, auf der anderen ein nacktes Päpstlein, Erinnerung an das Konzil im Konstanz des 15. Jahrhunderts, dessen Hauptdarstellerinnen Prostituierte gewesen sein sollen. Das Bürgertum empörte sich, Lenk sollte die Figur abbauen, jetzt ist Imperia zum Wahrzeichen aufgestiegen, als Freiheitsstatue vom Bodensee.

Wer Peter Lenks Skulpturengarten in Bodman am Bodensee besucht, trifft einen humorvollen Künstler, der viel zu erzählen hat.

(Foto: Ines Njers)

Seine Ehefrau Bettina, sagt Lenk, habe ihn seinerzeit vor der Nacht- und Nebelaktion gebeten, doch einmal im Leben vernünftig zu sein und die Imperia auf dem von der Stadt Konstanz angebotenen Ersatzstandort aufzustellen, sagt Lenk. Er habe ihr geantwortet: "Ich habe ja auch nicht eine Ersatzfrau geheiratet, sondern die richtige. Damit war das Thema erledigt." Freiheit gibt es nur ganz oder gar nicht.

Peter Lenk ist eine große, hagere Erscheinung. Die blonde, schütter gewordene Mähne und der besenartige Schnauzer sind sein Markenzeichen. Der Pullover, den er an diesem Tag trägt, leuchtet im gleichen Hellblau-Ton wie seine Augen. Anarchist, Provokateur, Skandalkünstler, Eulenspiegel vom Bodensee. Das sind die Klischees, die über ihn kursieren, spätestens seit er im Jahr 2000 nachts seine "Alte Nixe" auf die Expo in Hannover schmuggelte, seit er 2009 am Haus der taz den "Pimmel über Berlin" inszenierte, mit Friede Springer und Bild-Chefredakteur Diekmann in den Hauptrollen. Wer mit Lenk über solche Zuschreibungen reden will, über seine Kunst, sein Verhältnis zur Macht - und warum er so viele Geschlechtsteile zeigt -, muss ein paar Umwege in Kauf nehmen.

Er wolle sich strikt auf sein neues Werk beschränken, die Figur mit dem Gemächt, sagt Lenk zu Beginn des fünfstündigen Gesprächs, wolle nicht wie üblich ziellos durch Werk und Vita mäandern. Aber dann ist er nach zehn Minuten bei der Imperia gelandet, ein Fluss an Anekdoten, schwer zu steuern, jederzeit vergnüglich, nach weiteren zwanzig Minuten gelangt er zu den "Global Players", einem Relief in Ludwigshafen, das die kapitalistische Gier anprangert.

Figuren, die als Hans Eichel, Gerhard Schröder, Edmund Stoiber, Guido Westerwelle und Angela Merkel zu identifizieren sind, fassen einander fröhlich an die Geschlechtsteile. Wie er das Werk seinem Enkel erklären solle, fragte ihn damals ein Bauer. Lenk sagt, er habe geantwortet: Politiker seien eben wie Elefanten, die würden einander am Schwanz festhalten und im Kreis herumlaufen. So würden auch Kinder die Politik verstehen.

Das ist die Gelegenheit, Peter Lenk zurück zu lotsen zum aktuellen Werk. Es handelt von Stuttgart 21, dem tragisch-komischen Milliardenprojekt, das wegen immer neuer technischer Probleme und Kostensteigerungen keiner mehr will, das aber nach Angaben der Politik nicht mehr gestoppt werden kann - und laut Prophezeiung der Projektgegner nie zu Ende gebaut wird. Die Rolle der Grünen, die den Bau verhindern wollten und nun als Regierungspartei sich verpflichtet fühlen, ihn zu Ende zu bringen, bietet ihm ebenso Stoff für Spott wie der religiöse Furor im S21-Widerstand. Das Opus besteht aus mehreren Teilen, auf Reliefs sind Protagonisten des Streits dargestellt und auch Lenks Vision vom Ende des Projekts: ein Schwimmbad in den Tunneln unter Stuttgart.

Er stürzt sich mal wieder ins Getümmel, dieses Mal mit einem riesigen Laokoon

Im Zentrum steht eine acht Meter hohe Laokoon-Figur. Laokoon ist jener trojanische Priester, der vor dem Pferd warnte, das die Griechen bei ihrem angeblichen Abzug als Geschenk hinterließen. Göttin Athene schickte zur Strafe Schlangen, die ihn töteten. Lenks schwäbischer Laokoon wird von einer Schlange in Form eines ICE angegriffen. Wessen Gesicht er trägt, dürfe nicht verraten werden, sagt Lenk, er fürchte Unterlassungsklagen. Und das Gemächt des wirklich prominenten Mannes will er den Stuttgartern zumuten? Werde man gar nicht zu Gesicht bekommen, sagt Lenk grinsend. Er hält ein Feigenblatt in der Hand, das an der betreffenden Stelle angebracht werden soll. Natürlich weiß er, dass dieses Feigenblättchen schon am allerersten Tag geklaut wird, wenn das Werk seinen Platz gefunden haben wird.

Das pralle Leben mit Lendenschurz: Skulpturen im Garten von Peter Lenk.

(Foto: Ines Njers)

Lenk hat kein Problem damit zuzugeben, dass er gerade PR braucht für sein Projekt. Schließlich erhält er keinen Stundenlohn, sondern geht mit großen Summen in Vorleistung. Er verweist auf ein paar Teile der Skulptur, die im Atelier herumliegen: Silikon für mehrere Tausend Euro habe er da verbaut. Er muss Geld auftreiben, und zu klären ist auch noch, wo das Werk stehen soll, wenn es nächstes Jahr fertig wird. Die Projektgegner, die Lenk zu dem Werk animierten, haben eine Spendenaktion gestartet und trommeln für einen prominenten Standort in Stuttgart. Stadt und Land zieren sich. Lenk stürzt sich mal wieder ins politische Getümmel, ein ewiger Kindskopf, rauflustig wie eh und je.

Lenk war von Anfang an Außenseiter, Einzelkämpfer. Der Vater, ein fränkischer Unternehmer, von zwei Weltkriegen gezeichnet, delegierte die Erziehung des schwer zu bändigenden Juniors an die evangelische Internatsschule Urspring in der Nähe von Ulm. Er galt als schräger Vogel, auch an der Kunstakademie in Stuttgart. Die figürliche Kunst, wie Lenk sie betrieb, galt aus der Zeit gefallen, ja nazi-verdächtig, deshalb ging er in die Provinz, wo er in Ruhe arbeiten konnte. Lenk kann sich noch immer über den Kunstbetrieb aufregen, der "jeden Scheißhaufen" zur Kunst erkläre, nur weil es dazu tolle Theorien mit vielen Fremdwörtern gebe. Der Name Beuys fällt in dem Zusammenhang. Immer wieder bekam er zu hören, er sei kein Künstler, nur Handwerker. Dabei ist es sein Kunsthandwerk, das ihn stolz macht. Stolz, wenn ein Guss funktioniert, wenn die Drehscheibe, auf der Imperia rotiert, viele Jahre lang nicht den Geist aufgibt.

Man hat das Atelier verlassen und wandert durch den Skulpturengarten auf dem "Lenk-Buckel", wie man in Bodman den Ort nennt, wo Peter Lenk wohnt, arbeitet und ausstellt. Engel mit Gasmasken. Joschka Fischer mit praller Wampe. Rudolf Scharping, auf einem U-Boot salutierend. Karl-Theodor zu Guttenberg als Gorilla. Besucher stehen am Zaun, fotografieren den Meister und sein Werk. Lenk bringt es fertig, die Leute zurechtzuweisen - er wolle nicht in sozialen Medien herumgereicht werden - und sie im nächsten Moment einzubinden in den Vortrag über sein Werk.

Lenks Frau Bettina im Atelier.

(Foto: Ines Njers)

Auf die Anfänge verweisen riesenhafte Kentauren, die über die Zäune und Hecken aufragen, als suchten sie einen Weg in die Freiheit. Lenk hatte der Gemeinde Bodman Anfang der Siebziger angedroht, zu jedem Neubau, der den Ort verschandle, werde er in seinem Garten einen "Protestgott" aus Ton und Beton bauen, das tat er auch nach dem Motto: "Je langweiliger der Bau, desto länger der Götterschwanz". Spießer regten sich auf, Behörden forderten den Abriss, Lenk pochte auf die Freiheit der Kunst und setzte sich durch. Der Mechanismus funktioniert bis heute.

Den Vorwurf, er lebe von der Provokation, weist Peter Lenk zurück. Er spiegle nur Provokationen in Politik und Gesellschaft, sagt er. Und die Skandale rührten daher, dass Humor in der deutschen Kunst als verdächtig gelte. Wie im Streit um den "Pimmel über Berlin". Das Relief war gedacht als Attacke auf Springer, aber der mehrere Stockwerke hohe Penis sorgte für Ärger vor allem bei der taz. Die Chefredakteurin attestierte Lenk, er habe ein "Männerproblem": Wer hat den längsten? Dabei sei er von seiner Frau und den Töchtern - die eine Bildhauerin, die andere Kostümbildnerin - doch feministisch erzogen worden, erwidert Lenk. Die hätten ihn ermuntert, das Ding noch etwas länger darzustellen.

Zum Abschluss des Gesprächs ein kleiner Ausflug, Essen am Seeufer. Man ist mit dem Fahrrad gekommen, mittleres Tempo, um Magen und Kreislauf von Lenks Hund "Anawak" zu schonen, einem japanischen Akita. Er verdanke seinen Gegnern doch sehr viel, sagt Peter Lenk mit Blick auf den Bodensee, über den er gerne segelt, leider hat er kaum Zeit. Die Gegend am Bodensee ist zum Lenk-Land geworden. Die Mächtigen, die ihn früher ablehnten, umarmen ihn nun. Mancher Bürgermeister rechtfertigt die Zusammenarbeit mit Lenk damit, die Besuchermassen würden mit ihren Strafzetteln die Gemeindekasse aufbessern. Lenk kringelt sich vor Lachen, als er davon erzählt, aber vereinnahmen lässt er sich nie. Er ist so frei.

Als vor Jahren die Gemeinde Überlingen ein Werk in Auftrag gab, schuf Lenk den "Bodenseereiter". Zu sehen ist der Gemeindebewohner Martin Walser, verkniffen auf einem störrischen Gaul mit eingezogenem Schwanz reitend, an den Füßen trägt der Schriftsteller Schlittschuhe. Der Dichter sei ein "Eiskunstläufer zu Pferde auf den zugefrorenen Seen deutscher Geschichte", erklärte Lenk damals. "Er steigt erst ab, wenn das Eis gefährlich dünn wird, dann dreht er seine Pirouetten." Eine Anspielung auf Walsers Paulskirchenrede. Walser sei ihm bis heute beleidigt, sagt Lenk, es scheint ihn doch zu bekümmern.

Die Freiheit hat ihren Preis, aber Peter Lenk will nicht klagen. Er lebe in privilegierten Zeiten, und er wolle sich selbst nicht überhöhen. Eine Weile schweigt er, dann räsoniert Lenk, was wohl aus ihm geworden wäre zwischen 1933 und 1945. Staatskünstler oder Widerstandskämpfer? Wer, sagt er, könne die Frage schon guten Gewissens beantworten?