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Porträt:Alles aus dem Leben herausholen

Almila Bagriacik

Sie kann mehr als nur „Tatort“: Almila Bagriacik.

(Foto: Mathias Bothor)

Im Filmdrama "Nur eine Frau" spielt die deutsch-türkische Schauspielerin Almila Bagriacik die 2005 von eigenen Bruder ermordete Hatun Sürücü.

Ein weißes Tuch auf dem Boden, unter dem eine blutige Hand hervorschaut. Eine Stimme sagt: "Das bin ich. Ich bin tot. Ich war ein Ehrenmord, der erste, der fett Presse hatte. Aber eines ist gut: Ihr sitzt hier und hört zu." Selbstbewusstsein liegt in dieser Stimme und die Wut darüber, dass eine junge Frau nicht so leben durfte, wie sie wollte.

Die Szene ist aus dem Film "Nur eine Frau", in der die reale Geschichte einer jungen Deutsch-Türkin erzählt wird, die von ihrem Bruder getötet wurde. Die markante Stimme kommt von Almila Bagriacik. Bagriacik ist im deutschen Film bekannt dafür, Menschen darzustellen, die sonst nicht gehört würden. Sie hat Semiya Şimşek gespielt, die Tochter des Blumenhändlers, der 2000 zum ersten Opfer des NSU wurde. In der Serie "4 Blocks" verkörpert Bagriacik die Schwester eines arabischen Clan-Chefs, die ihr kriminelles Umfeld in Frage stellt und deswegen von der Familie auf Schritt und Tritt kontrolliert wird. Und jetzt ist sie die 23-Jährige Hatun Sürücü, die 2005 von ihrem jüngeren Bruder an einer Bushaltestelle in Berlin erschossen wurde. Weil Sürücü aus einer Zwangsehe ausgebrochen war und als Elektroinstallateurin arbeitete. Weil sie kein Kopftuch tragen wollte und einen Deutschen liebte.

Ihr Fall beschäftigt die Stadt bis heute. Immer wieder wird das Beispiel der Sürücüs zitiert, um über so genannte Parallelgesellschaften zu diskutieren oder gar die Integration einer ganzen Bevölkerungsgruppe in Frage zu stellen. Justizbehörden in Deutschland und der Türkei befassten sich mit dem Verbrechen, angeklagt waren mehrere Brüder, die den Mord gemeinsam geplant haben sollen, womöglich auch mit Billigung des Vaters. Am Ende musste nur der Jüngste eine Jugendstrafe verbüßen, er lebt wie der Rest der Familie inzwischen in der Türkei. Die einzige, die nie zu Wort kommen durfte, war Hatun Sürücü.

Das will Bagriacik nun nachholen. Als Treffpunkt schlägt sie ein Café zwischen wuchtigen Wohnblöcken in Berlin-Mitte vor, wo sie lange gewohnt hat, ihre Eltern leben noch immer hier. Sie guckt die grauen Fassaden hoch, ganz so, als suche sie die Vertrautheit und Nähe ihrer Familie, um über das Thema zu sprechen. Bagriacik, 28, ist als Kind türkischer Eltern aufgewachsen, die als Korrespondenten in der deutschen Hauptstadt gearbeitet haben. Sie bekam fast tagesaktuell mit, was in der Welt passierte, die Eltern nahmen sie mit ins Theater oder zur Berlinale. Und es war in ihrer Familie wichtig, dass man sich in so vielen Sprachen wie möglich ausdrücken kann. Bagriacik spricht neben Deutsch und Türkisch auch Englisch, Spanisch und Französisch, ihre Schwester geht auf ein französisches Gymnasium. Die Unterschiede zu Hatun Sürücü, die als eines von neun Kindern einer ostanatolischen Gastarbeiterfamilie in einer Vierzimmerwohnung in Kreuzberg aufwuchs, könnten nicht größer sein. Und dennoch fühle sie sich Hatun Sürücü nahe, sagt Bagriacik. Sie bewundere ihre Lebenslust und ihre Energie, wie Sürücü sich in einem Männerberuf durchsetzte und allein ihr Kind großzog, der Junge lebt heute in einer Pflegefamilie. Aus der Rolle habe sie mitgenommen, dass "ich ebenso hart arbeiten, alles aus meinem Leben herausholen will".

Zum Film kam sie früh. Bagriacik hat an einer privaten Schule Regie studiert und einen Abschlussfilm gedreht. Sie spielte in Krimi-Serien, seit 2017 ist sie im Kieler Tatort die Kommissarin Mila Sahin. Stört es sie nicht, ständig als Deutsch-Türkin besetzt zu werden? Überhaupt nicht, sagt Bagriacik, "solange es nicht um einen Migrationsvordergrund geht". Im Gegenteil. Sie sei sogar froh, im Tatort einem so großen Publikum zeigen zu können, dass türkische Wurzeln etwas Alltägliches seien, "etwas, das bei einem Menschen nebenbei läuft, wie Musikgeschmack oder Humor".

Findet sie das gesellschaftliche Klima gerade aufgeheizter als früher? Nein, sagt Bagriacik, aber sie habe das Gefühl, dass sich die Leute eher trauen würden, ihren Unmut zu artikulieren. Als sie unlängst in einer Schlange am Berliner Flughafen auf einen Flug nach New York wartete und einen Mann, der sich vordrängte, höflich fragte, was er da vorhat, habe der sie nur angeblafft: "Woher kommen Sie eigentlich?" Vielleicht liege das es auch nur daran, dass die Leute sich früher eher politisch korrekt zurückgehalten hätten.

Das wiederum gefalle ihr an dem Film "Nur eine Frau": Indem sie aus der Perspektive einer Toten erzähle, könne ihre Hatun Sürücü unverblümt sprechen, gerade heraus sagen, was sie von ihrer Familie halte, die lieber den Tod einer jungen Mutter in Kauf nimmt als von überholten Traditionen abzuweichen. Hat sie denn keine Sorge, dass ein solcher Film in Zeiten wie diesen von den Falschen instrumentalisiert werden könnte? Almila Bagriacik winkt ab. "Es gibt nie den richtigen Zeitpunkt. Man muss damit umgehen und miteinander kommunizieren."