bedeckt München 11°

Parapsychologie:Jeder Sechste glaubt an Geister

Kramer, Mulacz, Lucadou - sie alle haben seltsame Dinge gesehen. Wenn andere die Decke über den Kopf ziehen oder die Koffer packen, halten sie es mit dem verblichenen David Bowie: "Turn and face the strange". Da ist die Wohnung, in der die Bilder an der Wand hin und her pendelten (Magnetfeld). Da ist der Geist, dessen Stimme aus einem Spucknapf in einer Regensburger Zahnarztpraxis drang und Patienten mit allerlei Zoten und Hinweisen auf mangelnde Dentalhygiene bedachte (Schwindel). Und dann ist da das Mädchen, das ein ganzes Besteckset des österreichischen Heeres binnen Sekunden zu einem silbernem Knäul bog. Oder der Gasthof, in dem das Mobiliar zu Bruch ging und Messer durch die Luft flogen - immer dann, wenn der Ehemann der Wirtin nicht zugegen war. Erklärung: Die überforderte Frau selbst habe die Phänomene ausgelöst - um ihren Gatten nach Hause zu holen.

Geht es nach den Experten, dann ist ein Spuk vergleichbar mit dem Geschehen auf einer Theaterbühne: Eine Person in einer seelischen Krise will ihre Umwelt auf ein Problem aufmerksam machen. Sie tut das unbewusst - mit psychokinetischen Fähigkeiten. "Stellen Sie es sich vor wie Bauchweh, das sich außerhalb des Körpers manifestiert", sagt Lucadou. Wohl wissend, dass er den meisten seiner Wissenschaftskollegen mit solchen Ausführungen, nun ja, auf den Geist geht. Denn so ein Spuk lässt sich schwer ins Labor holen. Wie will man seelische Ausnahmezustände reproduzieren? Genauso gut könnte man bei Windstille einen Drachen steigen lassen.

Natürlich haben es ein paar Unerschrockene trotzdem versucht - Psi sichtbar, messbar, nutzbar zu machen. In den Kellerräumen des altehrwürdigen Princeton College gingen Mitarbeiter jahrelang der Frage nach, ob der Mensch kraft seines Geistes die Prozesse einer Maschine beeinflussen kann. Auch an anderen Universitäten ist endlos auf fallende Würfel gestarrt worden, um statistische Abweichungen mittels Gedankenkraft zu erzeugen. Als RAF-Terroristen 1977 den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführten, befragte die Polizei den niederländischen Parapsychologen Gerard Croiset. Nachdem der Hamburger Gemüsehändler Süleyman Taşköprü 2001 durch die Rechtsterroristen des NSU erschossen worden war, nahmen Ermittler die Dienste eines iranischen Geisterbeschwörers in Anspruch. Der Mann beschrieb den Täter als dunkelhäutig.

Wer sich mit Parapsychologie beschäftigt, erfährt weniger über die Existenz von Zwischenwelten als über Zwischenmenschliches. Einer Allensbach-Umfrage zufolge wollen 73 Prozent aller Deutschen schon ein- oder mehrmals im Leben ein "subjektiv paranormales Erlebnis" gehabt haben; jeder Sechste glaubt an Geister.

Ach, du Schreck: Plötzlich hängen im Altersheim Leichen hinter den Gardinen

Pause auf Puchberg. Es gibt Schnittchen und Zeit, sich auszutauschen. Über die neueste Ouija-App und darüber, dass jetzt, wo nicht nur Bowie, sondern auch Leonard Cohen tot ist, ein heißer Draht ins Jenseits eine prima Sache wäre. Die Tagung richtet sich an Psychologen, Sozialarbeiter, Mediatoren. Sie glauben nicht an Wunderwasser oder die Heilkraft von Rosenquarz, aber alle erinnern sich an diesen Moment, als sie sich nicht mehr sicher waren, womit sie es eigentlich zu tun hatten. Da ist der Gerichtspsychologe, dessen Mandantin davon überzeugt war, ihr indischer Ex-Mann habe ihr einen Dschinn auf den Hals gehetzt. Da ist das Paartherapeutenpaar, das manchmal eben Dinge weiß. Wo er den Autoschlüssel hingelegt hat. Nach welchem Wort sie sucht. Beide sind überzeugt, etwas Besonderes zu sein, und vermutlich sind sie es auch: nach 50 Jahren Ehe.

Und dann ist da noch Andrea Weilguni, weiße Bluse, Schreibblock unter dem Arm. Sie arbeitet als Psychologin in einem Altenheim in Salzburg. An solchen Orten ist der Tod näher als anderswo. Weilguni erzählt von Menschen, die den Krieg erst überlebt, dann verdrängt haben und nun hinter den Gardinen Leichen hängen sehen. Alte Männer, die wimmernd in ihren Betten liegen und im Schützengraben. "Die Gespenster der Vergangenheit sind das eine", sagt Weilguni. Oft aber berichten auch die Angehörigen verstorbener Heimbewohner von sonderbaren Dingen: Schritte, die sich vom Bett des Vaters entfernten, nachdem dessen Brust sich das letzte Mal hob. Ein Traum, in dem die Mutter flüsterte: "Mach's gut." Weilguni erzählt von einem Patienten, dessen Datensatz noch Wochen nach seinem Tod ohne ihr Zutun auf dem Computerbildschirm aufblinkte. "Vielleicht sollten wir uns einfach darauf einlassen, dass da etwas ist?"

Am Ende des Tages ist da nur: Dunkelheit. Im Schlossgarten schwingt trotz Windstille eine Schaukel hin und her. Irgendwo zupft jemand eine Akustikgitarre (Leonard, bist du das?). Und dann denkt man an diese Familie und den Brief, den sie schrieb. Über den Besucher, der durch Wände ging. Nach anfänglichem Schreck hatten Mutter, Vater und Tochter einen Weg gefunden, mit dem Unerklärlichen umzugehen: Sie sagten dem Geist guten Tag und auf Wiedersehen.

© SZ vom 17.12.2016/feko
Zur SZ-Startseite