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Nesthocker in Italien:Abschied vom Hotel Mama

Wohl nirgends leben so viele junge Erwachsene bei ihren Eltern wie in Italien, nun denkt ein Minister über Auszugsprämien nach.

Andrea Bachstein

Bamboccioni werden sie in Italien genannt, Nesthocker. Ein Heer längst erwachsener Kinder, die bei Mama und Papa wohnen bleiben. Der Minister für Öffentliche Verwaltung und Reformen, Renato Brunetta, möchte sie gerne aus dem Kinderzimmer scheuchen. Im Falle eines Auszugs, so schlägt er vor, sollten sie monatlich 200 bis 500 Euro staatliche Unterstützungen erhalten.

Hotel Mama; iStock

Kochen, Waschen, Putzen - in Italien genießen viele junge Erwachsene den Service im "Hotel Mama". Und zwar ausgiebig.

(Foto: Foto: iStock)

Etwa zinslose Darlehen, Stipendien oder Wohngeld. Im Gegenzug solle man bei den Pensionen einsparen. Doch sofort wurde er von seiner eigenen Regierung hart ausgebremst - es handle sich nur um eine persönliche Idee Brunettas, teilte der Ministerrat mit.

Das Phänomen der Nesthocker ist nicht neu, doch sind die Dimensionen in Italien unverändert eindrucksvoll. 2003 hatte das nationale Statistikinstitut Istat festgestellt, dass die Hälfte der Italiener und Italienerinnen zwischen 18 und 39 Jahren noch mit mindestens einem Elternteil zusammenlebte. 2007 schauten die Statistiker wieder nach bei den 10000 Befragten - fast 73 Prozent der Nesthocker von 2003 waren immer noch nicht ausgezogen.

Minister Brunetta, 59, bekennt, dass er selbst ein Bamboccione war. Erst mit 30 habe er das Elternhaus verlassen - und beschämt festgestellt, dass er nicht mal ein Bett machen konnte.

Von Mama betüteln lassen

Die Italiener machen sich gerne lustig über den anhänglichen Nachwuchs, besonders über junge Männer, die draußen den großen Max geben, sich zu Hause aber von der Mama betüteln lassen. Was natürlich wunderbar korrespondiert mit dem alten Klischee der italienischen Mama, die nie loslässt.

Doch die Erscheinung der Nesthocker ist kein nationales Phänomen. In Italien wie anderswo wurde der kostbare Nachwuchs in den Jahrzehnten sinkender Geburtenraten oft mehr verwöhnt als zur Selbständigkeit erzogen, auch sind die Generationenkonflikte milder geworden. Das Kinderzimmer mit Komplettservice gegen ein Appartement ohne Komfort zu tauschen, ist für viele nicht attraktiv. 44,8 Prozent der von Istat Befragten, gaben zu, dass sie der Bequemlichkeit wegen das Elternhaus nicht verlassen.

Das ist aber nur ein Aspekt der Nesthockerei. Viele packen zu Hause mit an oder wollen einfach hilfsbedürftige Eltern nicht allein lassen. Und fast die Hälfte der Befragten gab an, aus finanziellen Gründen zuhause wohnen zu müssen. 60 Prozent aller Arbeitslosen in Italien sind jünger als 30 Jahre.

Geld für Auszugsprämien ist in Italien nicht da. Und von der Umverteilung der Renten dürften die Pensionäre nichts halten. Da beherbergen sie lieber Erwachsene im Kinderzimmer.

© SZ vom 26.01.2010/pfau

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