Magersucht bei Männern:Zehn Kilo mehr, noch immer nicht genug

Frank Menzel wiegt heute zehn Kilo mehr, noch immer nicht genug. Die Wohngemeinschaft hat er seit fast einem Jahr hinter sich. Über seine Krankheit zu sprechen, gibt ihm Selbstbewusstsein, sagt er, und das ist es, was er sucht. Menzel möchte "eine gute Performance abliefern", das ist ihm wichtig. Deshalb nennt er seinen wahren Namen und lässt sich fotografieren. Seine Geschichte geradlinig und offen zu erzählen, das verlangt er von sich. "Meinen Hunger kontrollieren zu können, das war der einzige Erfolg, den ich noch hatte." Jetzt lernt er, Erfolge woanders zu suchen. Gerade baut er sich ein neues Berufsleben als Bürokaufmann auf.

Es ist eine lange Geschichte, die Menzel erzählt. Sie beginnt in seiner Kindheit, mit einer Haut- und Muskelentzündung, Bettlägerigkeit und Cortison, das ihn aufschwemmt und pummelig macht. Er probiert Diäten aus, hat irgendwann Erfolg und erreicht Normalgewicht. Menzel macht Abitur, beginnt ein Studium im gehobenen Dienst am Finanzministerium. Sein Studentenjob als Briefträger strengt ihn an, er glaubt, die Vorgaben nicht erfüllen zu können, ist frustriert. In der Erschöpfung kommt der erste "Fressanfall", so nennt es Menzel. Er bekommt ein schlechtes Gewissen und fastet - bis zum nächsten Fressanfall. Irgendwann hören die Fressanfälle auf, und Menzel fastet nur noch.

Das Leben birgt so viele Gefahren

Während Frank Menzel erzählt, sitzt er breitbeinig im Redaktionsbüro der SZ, wie einer, der größer ist und mehr Kraft hat als er. Dabei ist er schmal und nachdenklich, hat ein leises Lachen und eine Brille, die er sich immer wieder zurechtrückt, auch wenn sie nicht gerückt werden muss. Helle Hose, bunter Gürtel, Hemd, Turnschuhe - Menzel wirkt jünger als 38; man sieht, dass er sich über sein Äußeres Gedanken macht.

Ein Treffen bei ihm zu Hause ist zurzeit nicht möglich. Er hat keines. Menzel hat noch eine weitere therapeutische Wohngruppe ausprobiert, jetzt wohnt er zum Übergang in einem Heim für wohnungslose Männer. Irgendwann möchte er allein leben, aber noch traut er sich nicht. "Irgendwann", sagt er, "hätte ich schon gern eine Partnerschaft."

Menzel sucht. Das Leben birgt so viele Gefahren. Er kann damit umgehen, sagt er, dass Bekannte, bei denen er zum Essen eingeladen ist, anders kochen als er. Mehr Öl benutzen. Doch damit konnte er auch früher umgehen. Er hat mitgegessen und die Kalorien später wieder eingespart. Beim Frühstück schüttet sich Menzel nicht einfach sein Müsli in die Schüssel. Er zählt es ab, Löffel für Löffel. Normale Cola könne er auch heute nicht trinken. Nur die mit null Kalorien. Aber einen Fruchtsaft, das geht schon.

Einmal in der Woche trifft Menzel seinen Therapeuten. Es ist das erste Mal, dass er von einem Mann behandelt wird. Menzel wollte es so. Er sei fast immer nur unter Frauen gewesen. Ohne Vater aufgewachsen. Er habe sich sogar mit den dünnen Frauen verglichen. Frustrierend war das, denn ihm war klar, so dünn würde er nie werden. Menzels Verstand sagt: Such dir männliche Vorbilder! Auch in diesem Punkt hat er gesiegt, der Verstand.

Ab und zu blättert er durch Lifestyle-Hefte für Männer. Die Typen, die er da sieht, sind Ideale. Die Texte erklären, wie das geht, mit dem Abnehmen. "Ich muss mir dann sagen: Du bist nicht gemeint", sagt Menzel. Denn da ist dieses Gefühl, das ihm noch immer sagt: Du bist zu dick. "Hier so", sagt Menzel und formt eine hohle Hand auf dem Bauch. Aber da ist nichts.

© SZ vom 30.05.2012/jobr
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