Magersucht bei Männern:Immer mehr Training, immer weniger essen

Sie fragen noch nach einem Vitaminpräparat, wenn sie kurz vor dem Zusammenklappen stehen. Experten schätzen, dass bis zu 25 Prozent aller Magersüchtigen Männer sind. Sich die eigene Essstörung einzugestehen, fällt den meisten sehr schwer. Auch Frank Menzel ließ sich erst behandeln, als er "psychisch völlig fertig" war.

Viktoria Großmann

Vier Treppen hoch, kein Aufzug. Es ist ein Altbau mit geschwungenem Geländer. Schön hier, mitten in der Stadt, nur über die Straße und man ist einer der schönsten Grünanlagen im Ort. Frank Menzel hatte an diesem Tag im Spätherbst 2010 keinen Sinn dafür. Er schaffte es kaum hinauf in seine Unterkunft. Er, der Sportler war zu schwach für die vier Treppen. Frank Menzel hatte Magersucht.

Frank Menzel,  38 Jahre

Schmal und nachdenklich, so wirkt Frank Menzel, 38, bei seinem Besuch im Redaktionsbüro der SZ.

(Foto: Carmen Wolf)

Athletisch hatte er sein wollen, attraktiv und stark, stattdessen wurde er immer schwächer. "Mein größter Wunsch war immer: Ich will schlank sein." Das Gefühl flüstert es ihm heute noch ein. Dass er nicht perfekt ist. Aber sein Verstand sagt ihm: Du willst nicht so schwach sein wie damals in diesem Treppenhaus. Nie wieder. Damals zog Menzel in eine therapeutische Wohngemeinschaft. Dort wollte er lernen zu essen. Die Kontrolle aufzugeben.

In seiner Wohngemeinschaft leben zeitweise bis zu acht Magersüchtige zusammen. Mindestens vier der Patientenplätze hier sollen immer mit Männern besetzt sein, aber wo gibt es schon magersüchtige Männer?

"Wenn der Hunger kam, bin ich rausgegangen, joggen"

Menzel tut sich bis heute schwer mit seiner Diagnose, lieber sagt er: "Ich habe eine Essstörung." Anorexia nervosa heißt seine Krankheit in der Medizin. "Man kann auch sagen: Anorexia athletica", fügt Menzel hinzu. Laienhaft ausgedrückt ist das Magersucht in Verbindung mit Sportsucht. Es ist die Form der Krankheit, die eher Männer heimsucht.

Erst immer mehr Training, dann immer weniger essen, bis sich der gewünschte Effekt - stark und athletisch auszusehen - in ein trauriges und gefährliches Gegenteil verkehrt. "Wenn der Hunger kam, bin ich rausgegangen, joggen", sagt Menzel.

Wie vielen Männern es so wie Menzel geht, wagt kein Arzt oder Psychologe genau zu sagen. Acht Prozent, zehn Prozent, vielleicht gar bis zu 25 Prozent aller Magersüchtigen seien Männer, heißt es. Insgesamt sollen etwa 100.000 Menschen in Deutschland an der Krankheit leiden. Eine Zahl, die schon die Zeitschrift Emma nannte, als sie 1984 zum ersten Mal über das Leiden berichtete. Eine andere Zahl haben die Experten bis heute nicht.

Dafür können sie recht konkret beschreiben, woran ihre Patienten leiden. Sie arbeiten in Kliniken in Prien am Chiemsee, in Bad Oeynhausen in Nordrhein-Westfalen, in Baden-Baden. Sie sagen Sachen wie: Fast jeder 20-jährige Mensch hat doch heute schon eine Diät gemacht. Und dass es nicht nur eine Krankheit des Überflusses sei, dass es sie als Form, sich selbst abzulehnen oder Kontrolle über sich zu bekommen, schon immer gegeben habe. Sie sagen, dass die Patienten spät zu ihnen kommen. Vor allem die männlichen kommen oft beinahe zu spät. Bis zu 17 Prozent der Betroffenen sterben an dieser Krankheit.

Nicht immer wird die Krankheit bei Männern gleich erkannt, dafür ist sie zu ungewöhnlich. Magersucht gilt als Frauenkrankheit. Zuvor haben Familie, Freunde und Kollegen lange nichts bemerkt oder sich nicht eingestanden, dass sie etwas bemerken. Daher die Schwierigkeit mit den Zahlen. Es gibt eine Dunkelziffer, eine Nicht-Hinseh-Ziffer.

Frank Menzel hatte sich vor seiner Diagnose schon einige Jahre lang isoliert. Es gab kaum jemanden, dem hätte auffallen können, wie dünn er ist, sagt er. Dünn heißt: 54 Kilo bei 1,81 Meter. "Ich habe mich nicht dauernd gewogen", sagt Menzel. Aber "leidenschaftlich" Kalorien gezählt. Es ging ihm um das Gefühl, leicht zu sein.

Festgestellt wurde seine Krankheit dann in einer Klinik, in die er ging, weil er "psychisch völlig fertig" war. Mit der Diagnose hatte er nicht gerechnet. "Typisch", sagen die Experten in Prien, Bad Oeynhausen und Baden-Baden. Männer kämen meist "unter fremdem Segel", die fragten noch nach einem Vitaminpräparat, wenn sie eigentlich kurz vorm Zusammenklappen stünden. Eine angebliche Frauenkrankheit will sich keiner eingestehen.

Zehn Kilo mehr, noch immer nicht genug

Frank Menzel wiegt heute zehn Kilo mehr, noch immer nicht genug. Die Wohngemeinschaft hat er seit fast einem Jahr hinter sich. Über seine Krankheit zu sprechen, gibt ihm Selbstbewusstsein, sagt er, und das ist es, was er sucht. Menzel möchte "eine gute Performance abliefern", das ist ihm wichtig. Deshalb nennt er seinen wahren Namen und lässt sich fotografieren. Seine Geschichte geradlinig und offen zu erzählen, das verlangt er von sich. "Meinen Hunger kontrollieren zu können, das war der einzige Erfolg, den ich noch hatte." Jetzt lernt er, Erfolge woanders zu suchen. Gerade baut er sich ein neues Berufsleben als Bürokaufmann auf.

Es ist eine lange Geschichte, die Menzel erzählt. Sie beginnt in seiner Kindheit, mit einer Haut- und Muskelentzündung, Bettlägerigkeit und Cortison, das ihn aufschwemmt und pummelig macht. Er probiert Diäten aus, hat irgendwann Erfolg und erreicht Normalgewicht. Menzel macht Abitur, beginnt ein Studium im gehobenen Dienst am Finanzministerium. Sein Studentenjob als Briefträger strengt ihn an, er glaubt, die Vorgaben nicht erfüllen zu können, ist frustriert. In der Erschöpfung kommt der erste "Fressanfall", so nennt es Menzel. Er bekommt ein schlechtes Gewissen und fastet - bis zum nächsten Fressanfall. Irgendwann hören die Fressanfälle auf, und Menzel fastet nur noch.

Das Leben birgt so viele Gefahren

Während Frank Menzel erzählt, sitzt er breitbeinig im Redaktionsbüro der SZ, wie einer, der größer ist und mehr Kraft hat als er. Dabei ist er schmal und nachdenklich, hat ein leises Lachen und eine Brille, die er sich immer wieder zurechtrückt, auch wenn sie nicht gerückt werden muss. Helle Hose, bunter Gürtel, Hemd, Turnschuhe - Menzel wirkt jünger als 38; man sieht, dass er sich über sein Äußeres Gedanken macht.

Ein Treffen bei ihm zu Hause ist zurzeit nicht möglich. Er hat keines. Menzel hat noch eine weitere therapeutische Wohngruppe ausprobiert, jetzt wohnt er zum Übergang in einem Heim für wohnungslose Männer. Irgendwann möchte er allein leben, aber noch traut er sich nicht. "Irgendwann", sagt er, "hätte ich schon gern eine Partnerschaft."

Menzel sucht. Das Leben birgt so viele Gefahren. Er kann damit umgehen, sagt er, dass Bekannte, bei denen er zum Essen eingeladen ist, anders kochen als er. Mehr Öl benutzen. Doch damit konnte er auch früher umgehen. Er hat mitgegessen und die Kalorien später wieder eingespart. Beim Frühstück schüttet sich Menzel nicht einfach sein Müsli in die Schüssel. Er zählt es ab, Löffel für Löffel. Normale Cola könne er auch heute nicht trinken. Nur die mit null Kalorien. Aber einen Fruchtsaft, das geht schon.

Einmal in der Woche trifft Menzel seinen Therapeuten. Es ist das erste Mal, dass er von einem Mann behandelt wird. Menzel wollte es so. Er sei fast immer nur unter Frauen gewesen. Ohne Vater aufgewachsen. Er habe sich sogar mit den dünnen Frauen verglichen. Frustrierend war das, denn ihm war klar, so dünn würde er nie werden. Menzels Verstand sagt: Such dir männliche Vorbilder! Auch in diesem Punkt hat er gesiegt, der Verstand.

Ab und zu blättert er durch Lifestyle-Hefte für Männer. Die Typen, die er da sieht, sind Ideale. Die Texte erklären, wie das geht, mit dem Abnehmen. "Ich muss mir dann sagen: Du bist nicht gemeint", sagt Menzel. Denn da ist dieses Gefühl, das ihm noch immer sagt: Du bist zu dick. "Hier so", sagt Menzel und formt eine hohle Hand auf dem Bauch. Aber da ist nichts.

© SZ vom 30.05.2012/jobr
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB