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Luft und Liebe:"Fettsack!" - "Dumme Kuh!"

Immer wieder liest man in Beziehungsratgebern außerdem, die Partner sollen ihre Gefühle für den anderen aktiv mitteilen. Sicherlich ein kluger Ansatz. Doch gilt das auch für jene Momente, in denen man sich wünscht, der andere möge sich innerhalb einer Sekunde in Luft auflösen, von einem Mähdrescher überfahren oder unter seiner Videosammlung begraben werden? Darf man so etwas überhaupt denken, geschweige denn aussprechen?

Ja, darf man! Wenn man eine weitere Regel in der Paarkommunikation beachtet: die sogenannte 5:1-Formel von John Gottman. Der Paartherapeut aus Seattle, Washington hat herausgefunden, dass es weniger darauf ankommt, wie oft ein Paar streitet, sondern in welchem Verhältnis diese negative Kommunikation zur positiven steht. Die perfekte Mischung besteht nach Ansicht von Gottman, wenn auf einen Streit fünf Nettigkeiten kommen. Es ist also völlig in Ordnung, seinem Partner zwischendurch Beleidigungen an den Kopf zu werfen, solange man anschließend wieder lieb zu ihm ist.

Allerdings geht die Rechnung nicht immer auf: Es gibt Gemeinheiten, die lassen sich auf diese Art keineswegs aus der Welt schaffen. Helga zum Beispiel hatte den Sinn dieser Formel ganz offensichtlich missverstanden, als sie Bruno ins Gesicht sagte, er rieche unangenehm, sei viel zu stark behaart und außerdem zu fett. Anschließend wollte sie sich mit einem süßlichen Lächeln und ein paar Muffins aus der Affäre ziehen.

Bruno nahm Helga die Sache übel. Er verstand nun, warum die meisten Paare im Durchschnitt nur noch zehn Minuten miteinander sprechen. Wenn eine Frau den Mund aufmacht, gibt es automatisch Ärger. Wenn ein Mann ihr das ins Gesicht sagen würde, erst recht. Deshalb war es besser, die Kommunikation auf das Nötigste zu beschränken. Und so schwieg Bruno - was ihm bedeutend leichter fiel als ihr.

Versuch's mit Streitkultur

Auch Helga sah ein, dass sie es übertrieben hatte. Sie nahm sich fest vor, beim nächsten Mal die Regeln der Streit-Etikette zu befolgen. Beim Abendessen wagte sie einen Versuch - ohne Du-Botschaft, höflich und offen: "Meine Nase sagt mir, ich lebe mit einem Puma in einem Käfig. Das Wesen, mit dem ich mir die Wohnung teile, sieht jedoch aus wie eine Kreuzung aus Gorilla und Michelin-Männchen."

Bruno verstand kein Wort und kaute erst mal weiter. Helga war verunsichert. Vorsichtshalber schob sie noch ein paar positive Interaktionen nach: "Ich finde es bewundernswert, dass du bei deiner Ernährungsweise so alt geworden bist." Bruno lachte gequält, Helga fuhr fort: "Es ist schon erfreulich, dass auch Menschen mit deinem Humor noch etwas zu lachen haben." Fragender Blick von Bruno. "Ich weiß deine tolerante Art zu schätzen - sicher tun es drei Nettigkeiten auch, oder?", schloss Helga gereizt.

Jetzt hatte Bruno genug: "Was zum Teufel soll das?" "Ich versuche gerade, eine Streitkultur zu etablieren." "Und ich finde, du redest nur Stuss." "Ich wollte dir eben meine Meinung sagen, ohne dich zu beleidigen." "Pah! Du wolltest mich nur beleidigen, ohne dass ich es merke." "Denkst du, das habe ich nötig? Fettsack!" "Dumme Kuh! Und deine Muffins schmecken grässlich." Die beiden standen sich gegenüber und starrten sich schweigend an. Plötzlich fing Helga an zu prusten, schließlich klopften sich beide grölend auf die Schenkel.

Bruno und Helga haben nun ihre ganz eigene Streitkultur. Wenn die Luft mal wieder dick ist, beschimpfen sie sich erst und halten sich anschließend den Bauch vor Lachen. Paartherapeutisch vielleicht nicht perfekt. Aber im Gegensatz zu Martha und George wird ihnen das Lachen wenigstens niemals im Halse stecken bleiben.

Die Kolumne "Luft und Liebe" erscheint jeden Mittwoch auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/luftundliebe