Lügenexperte:Nimmt die Tochter Drogen?

Können Sie uns diese Vorgehensweise an einer konkreten Situation erklären - etwa, wenn ich herausfinden will, ob meine Tochter Drogen konsumiert?

Dann könnte man ganz unverfänglich fragen: "Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Haschisch und Gras?" Wenn sie nur sagt "Puh, können wir mal googeln", ist es wahrscheinlich, dass sie nichts damit zu tun hat. Wenn sie es konsumiert, wird sie sie diese Frage als Vorwurf verstehen und mit den typischen Merkmalen eines Lügners - Schuld, Angst oder Wut - reagieren.

Ginge es auch ein bisschen unauffälliger?

Weniger aggressiv ist das so genannte Zickzack-Verhör. Dabei rede ich über alles Mögliche, kehre aber immer wieder auf den wunden Punkt zurück - und beobachte, wie der andere sich dabei verhält. Wenn er jedes Mal genau an derselben Stelle verändert wirkt, kann ich davon ausgehen, dass er mir etwas verschweigt.

lügenexperte jack nasher

Interessiert sich für die ganze Wahrheit: Jack Nasher.

(Foto: c quadrat photography; Campus Verlag)

Eine heikle Frage aus dem Alltag: Wie spreche ich die Reinigungskraft an, wenn ich immer wieder das Gefühl habe, sie geht früher als vereinbart, es aber nicht beweisen kann?

Sie stellen ihr eine sogenannte Testfrage, etwa: "Haben Sie um 12.45 Uhr auch den Feueralarm gehört?" Wenn sie sagt, "da war nichts", ist die Chance hoch, dass sie doch da war. Wenn sie sagt "ja, der war wirklich laut" oder auch nur nervös überlegt, wie sie hier antworten sollte, dann können Sie davon ausgehen, dass sie Ihnen etwas vormacht.

Aber wie bewege ich sie dazu, das vor mir zuzugeben?

Der nächste Schritt ist die so genannte Themenfindung. Dabei wird dem anderen eine goldene Brücke gebaut, über die dieser in Würde auf Sie zugehen kann. In Ihrem Fall führen Sie verschiedene Motive an, die der Grund dafür sein könnten, dass die Reinigungsdame zu früh geht, etwa: "Jeder, der nicht kontrolliert wird, geht doch etwas früher" oder "Sie haben ja gerade sehr viel um die Ohren mit Ihren Kindern" oder: "Sie haben so viele verschiedene Jobs, da ist es doch verständlich, wenn man irgendwann einfach fix und fertig ist". Dann beobachten Sie, bei welchem "Thema" die Person reagiert. Auch wenn Sie persönlich absolut nicht einverstanden sind mit den Motiven - das scheinbare Verständnis ist der beste Weg, um an die Wahrheit zu kommen. Viele gestehen an diesem Punkt bereits.

Und wenn der andere dazu schweigt?

Zum Reden bringen Sie jemanden mit der so genannten Alternativfrage. Sie fassen das infrage kommende Motiv mit einem Wort zusammen und stellen ihm eine abwegige Alternative gegenüber: "Gehen Sie früher wegen ihrer Kinder oder weil sie denken, die dumme Kuh merkt es eh nicht?" Ihr Gegenüber merkt in dem Moment, dass Leugnen bereits zwecklos ist, aber zumindest steht er mithilfe der Alternative nicht ganz so schlecht da. Damit werden zugleich die letzten Zweifel aus dem Weg geräumt. Jetzt hat man schonmal ein kleines Geständnis, und damit den Fuß in der Tür zur Wahrheit. Diese Methode ist übrigens so stark, dass es mitunter zu Falschgeständnissen kommt.

Durchschaut man Menschen, die einem nahe stehen, einfacher?

Sie lassen sich nicht so ohne Weiteres entlarven. Familienmitglieder oder Paare haben über die Jahre gelernt, den anderen zu täuschen - man weiß, worauf der andere reinfällt.

Was ist der größte Fehler, den ich bei der Wahrheitsfindung machen kann?

Druck auszuüben und zu drohen. Angenommen, ich vermute, dass mein Sohn Drogen nimmt, und sage: "Wenn du kiffst, das wäre eine Katastrophe!", ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Wahrheit erfahre, gering. Genauso wie mein Partner sicher nicht zugeben wird, dass er mich betrügt, wenn ich ihm zu verstehen gebe: "Wenn da was dran ist, ist alles aus!" Deshalb erst einmal, etwa dem Sohn, die vorhin beschriebenen Testfragen stellen. Dann das Thema entwickeln, um ihm eine Brücke zu bauen, wie zum Beispiel: "In deinem Alter habe ich auch hier und da mal gekifft, man raucht halt mal mit." Und schließlich die Alternativfrage: "Hast Du einfach mal mitgemacht - oder baust du dir jeden Tag nach dem Aufstehen einen Joint?"

Kann ich dem untreuen Partner auch so eine Brücke bauen - ohne dass ich von eigenen Fehltritten erzählen oder gar fabulieren muss?

In dem Fall ist das Thema natürlich ein anderes. Zum Beispiel "Mir ist klar, dass es zwischen uns in letzter Zeit nicht gut läuft" oder "Bestimmt fühlst du dich manchmal einsam, weil ich gerade sehr mit mir selbst beschäftigt bin".

Ich formuliere diese Optionen so lange, bis ich merke, der andere reagiert - richtig?

Genau. Wenn ich das Gefühl habe, das richtige Thema gefunden zu haben, der andere jedoch beharrlich schweigt, stellen Sie ihm schließlich eine Alternativfrage, etwa: "Bist du einmal schwach geworden oder hast du dich in sie verliebt?" Wie bei jeder zwischenmenschlichen Kommunikation benötigt man auch hier Fingerspitzengefühl, um die richtigen Worte für die jeweilige Person zu finden.

Und wenn der andere beides abstreitet?

Ganz wichtig: Wenn jemand anfängt zu leugnen, muss man ihn sofort stoppen. Hand heben und den Namen nennen - dann schaltet der andere um von Reden auf Zuhören. Tut man das nicht, müsste die Person doppelt gestehen: erst die anfängliche Lüge, dann das Leugnen - das macht die Wahrheitsfindung doppelt so schwer.

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