Süddeutsche Zeitung

Lügenexperte:"Viele gestehen bereits an diesem Punkt"

Ist der Partner treu? Nimmt das Kind womöglich Drogen? Und ist die neue Stelle wirklich so begehrenswert? Jack Nasher, Hochschulprofessor für Leadership & Organizational Behavior an der Munich Business School, ist ein Experte darin, Menschen zu durchschauen. In seinem neuen Buch "Entlarvt!" erklärt der Wirtschaftspsychologe, wie man im Gespräch an die ganze Wahrheit kommt. Und wie man den anderen der Lüge überführt, ohne ihm die Würde zu nehmen.

Von Violetta Simon

SZ.de: Selbst Kleinkinder sagen bereits den Satz: "Ich war's nicht!" Liegt die Lüge in unserer Natur?

Jack Nasher: Sie ist wichtig für die Entwicklung der Persönlichkeit. Mit dem Lügen bemerkt ein Kind, dass es ein Individuum ist, dass es also eine Welt gibt, in die nicht einmal die Eltern Einblick haben. Zunächst lügt es, um Strafe zu vermeiden - etwa, wenn es gefragt wird: "Hast du das kaputtgemacht?" Mit ungefähr zweieinhalb Jahren verstehen es Kinder, sich durch Lügen einen Vorteil zu erschleichen. Zum Beispiel, indem sie bewusst in die falsche Richtung zeigen, wenn ein anderes Kind nach einem Spielzeug fragt, das es nicht hergeben will.

Auch in der Politik gab es aufsehenerregende Lügen, wie etwa Clintons Erklärung zur Lewinsky-Affäre. Hätten Sie die Lüge erkannt?

Es ist nicht sofort zu sehen, nicht, während Clinton redet. Aber danach. Das ist wie bei einem schlechten Schauspieler, der während der Szene humpelt und dann plötzlich völlig normal von der Bühne spaziert. In dem Video ist es deutlich zu erkennen: Am Ende der Aussage fällt sein Gesicht zusammen. In dem Moment zeigt er eine typische Emotion, nämlich Trauer - ein Hinweis auf Schuldgefühle.

Schuldgefühle lassen sich am Gesichtsausdruck erkennen?

Ja, weil Schuld aussieht wie Trauer: Die Mundwinkel sind nach unten gerichtet, der Blick geht ins Leere.

Woran erkenne ich noch, ob jemand lügt?

Abgesehen von der Schuld: an der Angst. Beide Emotionen tauchen auf, ohne dass es einen offensichtlichen Grund dafür gibt. Sie sehen Angst relativ leicht im Gesicht eines Menschen: Die Augen sind aufgerissen, die Mundwinkel nach hinten gezogen - als ob ein Bus ins Gesicht fährt. Außerdem wird die Stimme höher. Das muss man sich gar nicht im Detail merken - wir erkennen instinktiv, ob ein anderer Menschen Angst fühlt oder nicht.

Wie reagiere ich, wenn ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber mich belügt. Gleich damit konfrontieren?

Generell sollte man es sich nicht gleich anmerken lassen, wenn man das Gefühl hat, belogen zu werden. Sondern erst einmal versuchen, im Gespräch die Wahrheit herauszufinden. Wenn genügend Lügenmerkmale erfüllt sind: Konfrontation ja - Unterstellungen wie "Du lügst doch!" muss man jedoch vermeiden. "Du hast gesagt" ist auf jeden Fall besser als "Du hast gelogen". Statt vorwurfsvoll zu fragen "Wer hat das gestohlen?" lieber offen fragen, zum Beispiel "Wer hat das genommen?"

Ist es ratsam, jemanden einzuschüchtern?

Erst, wenn nichts anderes mehr hilft. Solange man sich nicht sicher ist, sollte man nicht einmal zeigen, dass man jemanden verdächtigt.

Wie bringen Sie Ihr Gegenüber dazu, die Wahrheit preiszugeben?

Durch einen Bluff - zum Beispiel, indem ich vorgebe, über relevante Informationen oder Optionen zu verfügen. Nicht nur Kinder geben eher etwas zu, wenn sie glauben, die Eltern wissen bereits Bescheid. Auch für ein Bewerbungsgespräch eignet sich diese Methode gut. Will ich etwa wissen, ob der Bewerber bei seiner Firma rausgeflogen ist, deute ich an, dass ich demnächst mit seinem ehemaligen Personalchef zum Essen verabredet bin. Umgekehrt funktioniert es ebenso - man wird ja in solchen Gesprächen häufig angeflunkert, was die Aufstiegsmöglichkeiten oder Gratifikationen in einem Unternehmen angeht. In dem Fall kann der Bewerber den Eindruck erwecken, er habe Kontakt habe zu anderen Mitarbeitern. Sehr gut funktioniert die Methode auch bei Verdacht auf Diebstahl: Man behauptet bei der Befragung, dass sich die Sache ohnehin bald aufklären wird, weil es eine versteckte Kamera gibt, die noch ausgewertet wird.

Kann es nicht nach hinten losgehen, mit vorgespiegelten Tatsachen zu pokern?

Wenn man gar nichts hat, kann es natürlich peinlich werden, aber wenn man etwas nur vage andeutet, kann man es später immer noch relativieren. Eleganter geht es allerdings mit der Reflexfrage. Diese Methode macht nervös. Weil sie eine versteckte Anschuldigung enthält, die nur der Angesprochene als solche erkennt.

Nimmt die Tochter Drogen?

Können Sie uns diese Vorgehensweise an einer konkreten Situation erklären - etwa, wenn ich herausfinden will, ob meine Tochter Drogen konsumiert?

Dann könnte man ganz unverfänglich fragen: "Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Haschisch und Gras?" Wenn sie nur sagt "Puh, können wir mal googeln", ist es wahrscheinlich, dass sie nichts damit zu tun hat. Wenn sie es konsumiert, wird sie sie diese Frage als Vorwurf verstehen und mit den typischen Merkmalen eines Lügners - Schuld, Angst oder Wut - reagieren.

Ginge es auch ein bisschen unauffälliger?

Weniger aggressiv ist das so genannte Zickzack-Verhör. Dabei rede ich über alles Mögliche, kehre aber immer wieder auf den wunden Punkt zurück - und beobachte, wie der andere sich dabei verhält. Wenn er jedes Mal genau an derselben Stelle verändert wirkt, kann ich davon ausgehen, dass er mir etwas verschweigt.

Eine heikle Frage aus dem Alltag: Wie spreche ich die Reinigungskraft an, wenn ich immer wieder das Gefühl habe, sie geht früher als vereinbart, es aber nicht beweisen kann?

Sie stellen ihr eine sogenannte Testfrage, etwa: "Haben Sie um 12.45 Uhr auch den Feueralarm gehört?" Wenn sie sagt, "da war nichts", ist die Chance hoch, dass sie doch da war. Wenn sie sagt "ja, der war wirklich laut" oder auch nur nervös überlegt, wie sie hier antworten sollte, dann können Sie davon ausgehen, dass sie Ihnen etwas vormacht.

Aber wie bewege ich sie dazu, das vor mir zuzugeben?

Der nächste Schritt ist die so genannte Themenfindung. Dabei wird dem anderen eine goldene Brücke gebaut, über die dieser in Würde auf Sie zugehen kann. In Ihrem Fall führen Sie verschiedene Motive an, die der Grund dafür sein könnten, dass die Reinigungsdame zu früh geht, etwa: "Jeder, der nicht kontrolliert wird, geht doch etwas früher" oder "Sie haben ja gerade sehr viel um die Ohren mit Ihren Kindern" oder: "Sie haben so viele verschiedene Jobs, da ist es doch verständlich, wenn man irgendwann einfach fix und fertig ist". Dann beobachten Sie, bei welchem "Thema" die Person reagiert. Auch wenn Sie persönlich absolut nicht einverstanden sind mit den Motiven - das scheinbare Verständnis ist der beste Weg, um an die Wahrheit zu kommen. Viele gestehen an diesem Punkt bereits.

Und wenn der andere dazu schweigt?

Zum Reden bringen Sie jemanden mit der so genannten Alternativfrage. Sie fassen das infrage kommende Motiv mit einem Wort zusammen und stellen ihm eine abwegige Alternative gegenüber: "Gehen Sie früher wegen ihrer Kinder oder weil sie denken, die dumme Kuh merkt es eh nicht?" Ihr Gegenüber merkt in dem Moment, dass Leugnen bereits zwecklos ist, aber zumindest steht er mithilfe der Alternative nicht ganz so schlecht da. Damit werden zugleich die letzten Zweifel aus dem Weg geräumt. Jetzt hat man schonmal ein kleines Geständnis, und damit den Fuß in der Tür zur Wahrheit. Diese Methode ist übrigens so stark, dass es mitunter zu Falschgeständnissen kommt.

Durchschaut man Menschen, die einem nahe stehen, einfacher?

Sie lassen sich nicht so ohne Weiteres entlarven. Familienmitglieder oder Paare haben über die Jahre gelernt, den anderen zu täuschen - man weiß, worauf der andere reinfällt.

Was ist der größte Fehler, den ich bei der Wahrheitsfindung machen kann?

Druck auszuüben und zu drohen. Angenommen, ich vermute, dass mein Sohn Drogen nimmt, und sage: "Wenn du kiffst, das wäre eine Katastrophe!", ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Wahrheit erfahre, gering. Genauso wie mein Partner sicher nicht zugeben wird, dass er mich betrügt, wenn ich ihm zu verstehen gebe: "Wenn da was dran ist, ist alles aus!" Deshalb erst einmal, etwa dem Sohn, die vorhin beschriebenen Testfragen stellen. Dann das Thema entwickeln, um ihm eine Brücke zu bauen, wie zum Beispiel: "In deinem Alter habe ich auch hier und da mal gekifft, man raucht halt mal mit." Und schließlich die Alternativfrage: "Hast Du einfach mal mitgemacht - oder baust du dir jeden Tag nach dem Aufstehen einen Joint?"

Kann ich dem untreuen Partner auch so eine Brücke bauen - ohne dass ich von eigenen Fehltritten erzählen oder gar fabulieren muss?

In dem Fall ist das Thema natürlich ein anderes. Zum Beispiel "Mir ist klar, dass es zwischen uns in letzter Zeit nicht gut läuft" oder "Bestimmt fühlst du dich manchmal einsam, weil ich gerade sehr mit mir selbst beschäftigt bin".

Ich formuliere diese Optionen so lange, bis ich merke, der andere reagiert - richtig?

Genau. Wenn ich das Gefühl habe, das richtige Thema gefunden zu haben, der andere jedoch beharrlich schweigt, stellen Sie ihm schließlich eine Alternativfrage, etwa: "Bist du einmal schwach geworden oder hast du dich in sie verliebt?" Wie bei jeder zwischenmenschlichen Kommunikation benötigt man auch hier Fingerspitzengefühl, um die richtigen Worte für die jeweilige Person zu finden.

Und wenn der andere beides abstreitet?

Ganz wichtig: Wenn jemand anfängt zu leugnen, muss man ihn sofort stoppen. Hand heben und den Namen nennen - dann schaltet der andere um von Reden auf Zuhören. Tut man das nicht, müsste die Person doppelt gestehen: erst die anfängliche Lüge, dann das Leugnen - das macht die Wahrheitsfindung doppelt so schwer.

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