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Little Britain:Die fast perfekte Wohnung

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Eine perfekte Wohnung zu finden, ist nicht leicht, weiß unser Kolumnist.

(Foto: complize / photocase.com)

Eine Wohnung ist viel mehr als ein Ort zum Leben. Sie ist ein Zuhause. Unser Kolumnist erfährt, wie schmerzhaft es sein kann, wenn man dieses Zuhause verlässt. Trotz Vogelscheiße und Ameisen.

Von Christian Zaschke, London

Es ist nicht so, dass ich mit der neuen Wohnung unzufrieden bin. Gut, die Fenster sind nicht dicht, aber sie sind auch nicht so undicht, dass die Zugluft sämtliche Kerzen unmittelbar nach dem Anzünden löscht. So war es in der alten Wohnung, einem Schmuckstück im obersten Geschoss eines kreuzfahrtschiffgroßen Backsteinhauses, das an einer vielbefahrenen Straße liegt. Ich hatte mich dort heimisch gefühlt.

Trotz der Ameisen-Kohorte, die eines Tages beschlossen hatte, mit mir eine Wohngemeinschaft zu gründen. Damals kannte ich noch nicht so viele Leute in London und fühlte mich fast ein bisschen geehrt. Ich mochte die Wohnung trotz der Besuche des Inspekteurs, der alle paar Wochen im Auftrag der Besitzerin prüfte, ob ich das Schmuckstück nicht doch einen Tick zu exzessiv bewohnte. Trotz des unentfernbaren Vogelscheißflecks auf dem Schlafzimmerfenster, das sich nur nach außen öffnen ließ.

Die neue Wohnung hat einen kleinen Balkon. Von dort sehe ich an wolkenlosen Abenden den Flugzeugen dabei zu, wie sie in einem sehr weiten Bogen gen Heathrow fliegen. Sie hat eine Dusche, aus der das Wasser nicht als Niesel fällt, sondern als rauschender Bach. Sie ist beinahe perfekt.

Mehrere Kilogramm Zeitungen

Vielleicht vermisse ich die Busse, die spätabends durch die Straße rumpelten und ihre Türen genau vor unserer Haustür mit einer fein abgestimmten Mischung aus Fauchen und Zischen öffneten. Vielleicht vermisse ich den Zeitungsmann, dessen mit Druckerzeugnissen bis unter die Decke vollgestopftes Lädchen genau eine Minute und 48 Sekunden von der alten Wohnung entfernt lag. Jeden Morgen kaufte ich dort um kurz vor 8.02 Uhr mehrere Kilogramm Zeitungen. Wenn ich zu spät kam, fragte der Newsagent, was denn los sei. Wenn ich eine Weile gar nicht kam, war er kurz davor, einen Suchtrupp zusammenzutrommeln.

Vielleicht vermisse ich den Krieg gegen die Ameisen, den ich trotz eines importierten italienischen Mittels namens SUPERKILL, das Leser M. empfohlen hatte, nie gewinnen konnte. Es waren Londoner Ameisen, da können sich südamerikanische oder afrikanische Ameisen in punkto Widerstandskraft noch ein paar Scheiben abschneiden. In Gloucestershire haben sie vor einigen Tagen eine Schule geschlossen, weil dort ein paar Giftspinnen der Sorte "Falsche Witwe" entdeckt wurden. Mit denen war ich in meiner alten Wohnung auf Du und Du. Und ja: Ich vermisse den unentfernbaren Vogelscheißfleck.

Nachdem ich ausgezogen war, konnte die Wohnung vier Monate lang nicht vermietet werden. Ich ahne, warum das so ist. Seit einer Woche brennt dort wieder Licht, und ich allein weiß, dass den neuen Mietern die Zeit ihres Lebens bevorsteht.

© SZ vom 26.10.2013/ahem
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