Kolumne: Die Paar Probleme (6):Früher warst du toller

Er leidet, weil sie ihn nicht nimmt, wie er ist. Sie, weil er nicht mehr der ist, in den sie sich verliebt hat. Ein Gespräch über Erwartungen.

Violetta Simon und David Wilchfort

Manchmal braucht die Liebe Unterstützung, das gilt auch - oder gerade - für "alte Hasen". Der Paartherapeut David Wilchfort und die suedeutsche.de-Redakteurin Violetta Simon suchen im gemeinsamen Gespräch Antworten auf Beziehungsfragen unserer Leser - und zwar immer für beide Partner.

Kolumne: Die Paar Probleme

Der Lack ist ab: Im Laufe der Jahre entpuppt sich so mancher attraktive Charmebolzen als zerquetschte Couchpotato.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Adam: Seit wir zusammenwohnen, hat sie pausenlos etwas an mir auszusetzen. Ich sei unordentlich, würde mich komisch anziehen und zu viel fernsehen - ich kann ihr nichts recht machen. Ich frage mich: Warum ist sie überhaupt mit mir zusammen ?

Eva: Als ich ihn kennenlernte, war er sportlich, strotzte vor Unternehmungslust, zeigte sich aufmerksam und witzig. Inzwischen ist ihm alles zu viel, und ein Gespräch muss immer von mir ausgehen. Wenn ich ihm dann meine Meinung sage, antwortet er nur: "Wenn du einen Supermann willst, such dir jemand anderen!"

sueddeutsche.de: Herr Wilchfort, wenn ich die Situation mal zusammenfassen darf: Er ist wütend, weil sie ihn nicht nimmt wie er ist. Sie fühlt sich hintergangen, weil er nicht mehr der ist, in den sie sich verliebt hat. Kann man da was machen?

Wilchfort: Wir nicht, aber dieses Paar sehr wohl. Natürlich nur, wenn sie auch beide dazu bereit sind, etwas zu verändern, und es nicht nur vom anderen erwarten. Sonst bleibt es beim Tauziehen, das keiner gewinnen kann.

sueddeutsche.de: Dann ist doch die Hälfte bereits geschafft! Ihrer Meinung nach hat er sich bereits komplett verändert. Kann sie nicht einfach ihre Bedürfnisse an seine Gewohnheiten anpassen?

Wilchfort: Ich glaube, wir sollten erst einmal feststellen, was die beiden wirklich sagen, und nicht nur, welche Worte sie sich aus Wut gegenseitig an den Kopf werfen.

sueddeutsche.de: Ist das nicht offensichtlich? Sie ärgert sich, dass er sich gehen lässt, und er hasst ihre Nörgelei.

Wilchfort: Im ersten Moment hört es sich tatsächlich so an. Ich glaube aber hinter den Worten noch etwas anderes zu hören. Diese Botschaft müssten die beiden erst einmal wahrnehmen, damit sie aus ihrem festgefahrenen Streit herauskommen können.

sueddeutsche.de: Was, glauben Sie, steckt denn Geheimnisvolles dahinter?

Wilchfort: Der Grund, warum die Verliebtheitsphase so ein tolles Gefühl vermittelt, ist das erhöhte Selbstwertgefühl. Es fußt auf der Erkenntnis: "Jemand, den ich attraktiv finde, findet mich attraktiv." Wenn Verliebtsein in den Alltag übergeht, bröckelt mit jedem Konflikt von dieser Selbstsicherheit etwas weg. Eva spürte früher, dass sie ihm wichtig war, da er sich für sie ins Zeug legte. Jetzt, wo es ihr scheint, dass er es nicht mehr versucht, glaubt sie, auch für ihn nicht mehr attraktiv zu sein.

sueddeutsche.de: Damit überträgt sie die Zuständigkeit ihres Selbstwerts an Adam. Ich fände es besser, sie würde sich nicht von Adams Aufmerksamkeit abhängig machen. Sonst ist sie lebenslänglich darauf angewiesen, ob er sie eines Blickes würdigt oder nicht.

Wilchfort: Ich befürchte, da gibt es kein Entkommen. Wenn uns jemand etwas bedeutet, dann ist uns auch wichtig, dass er uns wichtig nimmt. Der einzige Trost: Dasselbe gilt auch für Adam. Auch er sagt, er hätte sich die Beziehung anders vorgestellt.

sueddeutsche.de: Sie meinen, auch ihm ist Evas Anerkennung abhandengekommen.

Wilchfort: Ich vermute, auch er hat es genossen, als Eva ihn noch witzig und sportlich fand. Jetzt ist er wütend, weil er die Bewunderung schmerzhaft vermisst.

sueddeutsche.de: Nun gut. Nehmen wir an, Sie haben richtig zwischen den Zeilen gelesen. Was sollen die beiden nun tun?

Nächste Seite: Was können Adam und Eva nun tun?

Wilchfort: Als Erstes könnten die beiden ihr Spiel umdrehen. Statt zu fragen: "Was hat er/sie schon wieder falsch gemacht oder worin hat der/die andere Unrecht?", sollte jeder für sich überlegen: "Ist da was dran an den Dingen, die den anderen stören? Was bin ich bereit zu ändern, zu akzeptieren? Was nicht?"

sueddeutsche.de: Aber kann man nicht einfach akzeptieren, dass man nicht ein Leben lang auf Hochtouren laufen kann wie in der Balzphase?

Wilchfort: Es stimmt, man lässt sich mit der Zeit gehen. Aber ist das gut so?

sueddeutsche.de: Natürlich nicht, aber wie kann man diesen trägen inneren Schweinehund besiegen?

Wilchfort: Indem jeder sich selbst fragt: "Wie habe ich mich damals gefühlt, als sich mein Partner für mich begeistert hat, hat mir das an mir selbst auch gefallen?"

sueddeutsche.de: Und wenn man nur den immer gutgelaunten, stets ausgeruhten Tausendsassa gemimt hat, um den anderen rumzukriegen?

Wilchfort: Falls man dem Partner am Anfang etwas vorgemacht hat, dann ist es jetzt Zeit, zu gestehen: "Ich habe dich auf Partys mitgenommen, um dich zu beeindrucken, aber eigentlich schaue ich lieber fern." Oder man kommt zur Überzeugung: "Ich gefiel mir besser, als ich noch unternehmungslustiger war."

sueddeutsche.de: Mal angenommen, die beiden haben erkannt, dass sie sich nun lange genug angeödet haben und sich wieder so gut fühlen wollen wie am Anfang. Wie kann überhaupt eine Gesprächssituation entstehen, in der beide ihre Bedürfnisse artikulieren, ohne sich gleich anzugreifen ("Nie machst du ...!") oder zu verteidigen ("Immer willst du ...!")?

Wilchfort: Offensichtlich findet Eva, dass Adam durchaus in der Lage ist, aufmerksam und witzig zu sein. Dann könnte sie versuchen, diese Fähigkeiten bei ihm wieder zum Leben zu erwecken. Wenn man eine Vision davon hat, wie der Partner sein kann, lassen sich solche Totschlag-Formulierungen wie "nie machst du" besser vermeiden. Dann sagt man eher "mach doch wieder mal!"

sueddeutsche.de: Stimmt schon, doch welche Vision könnte Adam von Eva haben - außer, dass sie eine keifende Meckerliese ist?

Wilchfort: Wenn Adam erkennt: "Hey, meiner Frau ist wichtig, wie ich mich anziehe", statt sich nur darüber zu ärgern, dass sie seinen Geschmack kritisiert, dann ändert sich seine Vision von ihr automatisch.

sueddeutsche.de: Dann wird aus der Keifzange eine verantwortungsbewusste Modeberaterin?

Wilchfort: Könnte man so sagen. Adam könnte sie zumindest einladen, gemeinsam im Kleiderschrank nach Kompromissen zu suchen. Und es wird ihm gefallen, dass er ihr gefällt.

sueddeutsche.de: Klingt nach einer vernünftigen Lösung. Natürlich nur, wenn im Schrank kein Liebhaber steht.

Haben auch Sie und Ihr Partner ein Problem, das Sie uns gerne - jeder aus seiner Perspektive - mitteilen möchten? Schreiben Sie uns per E-Mail an leben@sueddeutsche.de. Beachten Sie bitte, dass nur Zuschriften beantwortet können, in denen beide Partner ihr Anliegen formulieren. Die Besprechung erfolgt anonym, für eventuelle Rückfragen benötigen wir eine gültige E-Mail-Adresse.

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