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Kinder von Samenspendern:Könnten wir Halbschwestern sein?

Mein Vater ist Samenspender

Der Vater dieser beiden Frauen ist Samenspender - womöglich sind sie Geschwister.

(Foto: Hannes Jung)

Jule und Elisa wurden durch Samenspenden gezeugt - in derselben Klinik. Seit sie sich begegnet sind, stellen sie sich eine Frage.

Von Verena Mayer

Die beiden sehen sich oft an. Während Elisa ganz offen Jules Augen mustert und die dunkelblonden Haare, kommt Jules Blick von der Seite und wandert verstohlen über Elisas Finger, die auf den Tisch trommeln, über die helle Haut mit den Muttermalen. Alle Blicke haben etwas Suchendes, fast Drängendes. So, als wäre irgendwo am Körper der anderen die Lösung eines Rätsels verborgen.

Ein Rätsel hat Elisa und Jule vor drei Jahren zusammengebracht. Ihre ungeklärte Herkunft, eine der drängendsten Fragen, die ein Mensch haben kann. Jule und Elisa wurden durch Samenspenden gezeugt, vor 34 Jahren. Bis heute wissen sie nicht, wer ihre biologischen Väter sind. Jule sagt, immer wenn sie in den Spiegel gucke, sehe sie "ein Loch, eine Lücke". "Ich frage mich, woher kommt diese Nase, wo sind meine Wurzeln?" Wie bei einem Dreisatz, den man nicht lösen kann. Weil einfach ein Wert fehlt.

Nur dass bei Elisa und Jule noch ein Rätsel hinzukommt. Jule und Elisa verdanken ihr Leben derselben Praxis in Düsseldorf. Sehr modern, aber auch sehr klein, mit zwei Fluren. Den einen gingen die Frauen entlang, die sich ein Kind wünschten, den anderen die Männer mit einem Töpfchen. Die Samenspende erhielten die Mütter von Jule und Elisa 1981, die Reproduktionsmedizin war damals noch ein sehr junges Fach. Die Zahl der Spender war überschaubar, Jule und Elisa wurden in kurzem Abstand hintereinander gezeugt. Deswegen ist es möglich, dass der Samen dazu von ein und demselben Mann kam. Jule und Elisa, deren Wege sich vor zwei Jahren zufällig kreuzten, könnten Halbschwestern sein.

Das Recht auf Gewissheit

Seit 1978 das erste Retortenbaby gezeugt wurde, wirft das Thema Fragen auf. Wie und wo darf Leben entstehen? Welchen Einfluss darf der Mensch darauf nehmen? Spenderkinder gingen an die Öffentlichkeit, viele Fragen wurden inzwischen juristisch geklärt. Zuletzt etwa, ob auch minderjährige Kinder von Samenspendern ein Recht darauf haben, ihre Abstammung zu kennen, so wie alle anderen Menschen auch. Ja, sagte dieses Jahr der Bundesgerichtshof. Zwei Mädchen, 12 und 17, hatten eine Reproduktionsklinik verklagt, die ihnen den biologischen Vater nicht nennen wollte. Und doch hören die Fragen nie auf. Schätzungsweise 100 000 Menschen wurden seit den Siebzigerjahren in Deutschland durch Samenspenden gezeugt. Was, wenn da draußen Geschwister sind, von denen noch keiner etwas ahnt?

Jule und Elisa sind an einem heißen Sommertag in ein Straßencafé in Berlin-Charlottenburg gekommen. Sie wollen ihre Namen nicht öffentlich machen, in beiden Familien wissen nur wenige von ihrem Rätsel. Elisa erfuhr mit 13 davon, als ihre Mutter sich von dem Mann scheiden ließ, der sie aufgezogen hatte. Die Mutter wollte nicht, dass Elisa ihn weiterhin trifft, und sagte: Das ist doch sowieso nicht dein Vater. Elisa verlor den Kontakt zu ihm.

Jule wurde hingegen eines Tages von ihrer Mutter zum Kaffee gebeten. Es war ein Tag im November, die Mutter sagte: Übrigens, heute vor 24 Jahren bist du entstanden. "Ich dachte, wow, die weiß noch, wann meine Eltern miteinander im Bett waren. Doch meine Mutter sagte: Es ist nicht so, wie du denkst." Jules sozialer Vater war unfruchtbar, die Mutter wollte unbedingt Kinder. Sie bekamen Jule mithilfe der Ärzte in der Düsseldorfer Praxis. Geredet wurde darüber nicht, in der Familie musste der Schein gewahrt bleiben.

Jule sagt, sie sei nach dem Gespräch mit ihrer Mutter an den Rhein gerannt, Chaos im Kopf. "Da ist man mit Wurzeln aufgewachsen, und von einer Sekunde auf die andere wird einem alles genommen." Aber sie sei auch erleichtert gewesen. Als Kind habe sie sich oft fremd in ihrer Familie gefühlt. "Ich dachte, ich bin im Krankenhaus vertauscht worden. So wusste ich immerhin, dass mein Gefühl mich nicht getrogen hat." Sie guckt über die Straße, ein Spielplatz liegt gegenüber. Jules Blick hängt an Kindern und ihren Eltern fest. Wenn sie intakte Familien sieht, denkt sie: Das hätte ich auch gern. Mit der Mutter war es schwierig nach jenem Tag im November. Erst jetzt nähern sich die beiden wieder an.

Auch die Geschwister wurden im Labor gezeugt

Wenn man den beiden jungen Frauen gegenübersitzt, fängt man selbst an, sie ständig zu mustern. Sie sind fast gleich groß, haben dunkelblondes Haar und diese helle Haut mit den Muttermalen. Jule wirkt gefasst, so, als habe sie jeden Satz schon im Kopf formuliert, bevor sie ihn ausspricht. Elisa braust manchmal auf, und man merkt sofort, wie gern sie Jule hat. Die beiden haben sich zufällig kennengelernt, bei einem Treffen des Vereins Spenderkinder, in dem Menschen zusammenfinden, die durch Samenspenden gezeugt wurden. Sie hätten sich sofort zueinander hingezogen gefühlt, sagt Elisa, in ihrer Stimme liegt etwas sehr Warmes. Sie zieht ihr Handy hervor, zeigt Bilder ihrer beiden Geschwister. Die wurden ebenfalls im Labor gezeugt. Sie wissen nicht, ob sie alle denselben Vater haben. Elisas Bruder, ein junger Mann, dunkel, groß. Elisa zoomt das Bild heran. Sieht sie Jule nicht viel ähnlicher als ihrem Bruder?

Jule wiederum erzählt, dass sie sofort einen Draht zu Elisas Bruder hatte, als die beiden sich auf einer Feier kennenlernten. Könnten Jule und Elisas Bruder ebenfalls Geschwister sein? Elisa runzelt die Stirn. Da ist es wieder, dieses Rätsel, das sie fast verzweifeln lässt. Letztens stürmte sie in der U-Bahn auf einen jungen Mann zu, weil sie dachte, er ist ihr Bruder. Erst kurz bevor sie ihn ansprach, merkte sie, dass es ein Fremder war. Elisa sieht schon Geschwister, wo gar keine sind.

Lachen über das Absurde

Jule und Elisa müssen oft lachen, weil die Situation so absurd ist. Dass sie hier sitzen und vielleicht miteinander verwandt sind. Im Café liegen Zeitungen aus, sie sind an diesen Sommertagen voll mit Berichten über die Berlinerin, die mit 64 Jahren Vierlinge bekam, gezeugt durch Ei- und Samenzellenspenden aus der Ukraine. Ein weiteres Kapitel aus der Reproduktionsmedizin, das Fragen aufwirft. Die Geschichte geht den beiden Frauen nahe, vor allem wegen der Kinder. Die werden irgendwann vor einem noch größeren Rätsel stehen als sie selbst. Weil sie weder ihren biologischen Vater noch die biologische Mutter kennen.

Elisa und Jule haben versucht, einen Gentest machen zu lassen. Sie haben einer amerikanischen Firma aus dem Internet Speichelproben geschickt, aber dabei kam nichts heraus. Sie könnten sich an ein Labor in Deutschland wenden, in dem man die Wahrscheinlichkeit einer Halbgeschwisterschaft ausrechnen lassen kann. Aber solche Tests sind aufwendig, und Elisa sagt, sie sehe nicht ein, warum sie für die Informationen über ihre Herkunft, die ihr eigentlich zustehen, auch noch zahlen solle. "Hauptsache ist doch, wir haben uns." Man hat den Eindruck, dass sie es vielleicht gar nicht so genau wissen will. Um nicht auch noch diese neue Vertraute zu verlieren, die ihre Schwester sein könnte.

Die Suche geht weiter

Doch ihre Suche geht weiter. Zwar kreise nicht jeder Gedanke darum, sagt Jule. Sie hat eine Führungsposition im Gesundheitswesen, Elisa ist Übersetzerin, "wir sind beide bodenständig, haben unseren Alltag."Aber das Rätsel ist nun in ihrem Leben. Mal als Schmerz, mal als Hoffnung, mal sei da einfach nur das Traumbild eines Vaters. Sie würde den Spender nicht als Ersatzvater ansehen, sagt Jule, nur als das fehlende Teil, um die Lücke zu schließen. "Ich will einfach wissen, ist das ein cooler Typ, hat er studiert, passt er in das Bild des Wunschvaters, das ich mir mache".

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Die Nachforschungen waren ernüchternd. Die Gemeinschaftspraxis in Düsseldorf gab es nicht mehr. Jule telefonierte sämtliche Behörden ab, die kassenärztliche Vereinigung, keiner konnte ihr helfen. Jede Frage führte zu noch mehr Fragen. Die Mütter wussten auch nichts mehr und hatten vieles wohl verdrängt. Eine erinnerte sich noch an Holzkästen mit Karteikarten, auf denen vermutlich die Namen der Spender notiert wurden. Irgendwann erreichte Jule einen der früheren Ärzte am Telefon. Ein alter Herr, er hatte den Krieg erlebt. Er sagte: Sie haben zwei Hände und zwei Beine, seien Sie froh, dass Sie am Leben sind. Jules Stimme zittert ein wenig, als sie das erzählt. Andererseits kann sie ihn verstehen. Er spricht aus der Zeit, in der die ersten Spenderkinder gezeugt wurden. Man wollte, dass es neues Leben gibt, Wunschkinder. "Dass die eines Tages reife Erwachsene sind und Fragen stellen - diese Weitsicht hatte man damals nicht."

Die Spur führt zum Sohn

Jule zeigt auf ihrem Handy E-Mails und Schriftwechsel ihrer Suche. Irgendwann stieß sie auf einen Reproduktionsmediziner in Hamburg mit demselben Nachnamen wie einer der Ärzte aus der Düsseldorfer Praxis. Jule ruft die Homepage auf. Man sieht ein lachendes Kind, liest von Kinderwunschbehandlungen wie In-vitro-Fertilisation und donogener Insemination. "Da ist einer in die Fußstapfen seines Vaters getreten", sagt Jule. Es klingt zugleich nüchtern und wehmütig, aber auch nach einem Funken Hoffnung. Wo ein Sohn ist, ist auch ein Vater.

Weiß dieser Arzt vielleicht, was mit den Unterlagen aus der Praxis in Düsseldorf geschah?

Anruf bei Markus S. Kupka vom Kinderwunschzentrum Altonaer Straße. Eine ruhige, ärztliche Stimme. 1000 Reagenzglasbefruchtungen im Jahr führe man in dem Zentrum durch, erzählt Kupka, dazu 300 bis 400 Spendersamenbehandlungen. Die Bereitschaft von Männern, Samen zu spenden, sei trotz der neuen Rechtslage ungebrochen. Kupka fragt sich manchmal, wer die Männer sind, die ihren Samen zur Verfügung stellen. Er persönlich würde wohl nicht Spender werden, "da wäre mir die Verantwortung zu groß".

Keine Informationen, der Vater verstorben

Stimmt es denn, dass sein Vater ebenfalls Reproduktionsmediziner war? Ja, sagt Kupka, von ihm habe er gelernt, "dass man mit mutigem Nachdenken etwas weiterbringen kann". Weiß er vielleicht, wo die Karteikarten aus der väterlichen Praxis sind? Nein, sagt Kupka. Seit 2007 müsse man Unterlagen über eine Samenspende 30 Jahre lang aufbewahren. Davor lag diese Frist bei zehn Jahren. Er verstehe das Anliegen von Elisa und Jule, aber die Unterlagen seien wohl vernichtet. "Ich habe keine Informationen, und mein Vater ist verstorben."

Elisa und Jule wollen nicht hinnehmen, dass die Suche nach ihrem Vater bei einem Sohn enden soll. Sie hätten das Recht, ihre Herkunft zu kennen, sagen sie und überlegen, ob sie jemanden auf Herausgabe von verbliebenen Akten verklagen sollen, wie es andere Spenderkinder getan haben. Oder einfach das Gespräch mit dem Sohn suchen.

Generell fordern Elisa und Jule ein zentrales Register wie in Großbritannien, in dem Kinder von Samenspendern Auskünfte über Verwandtschaftsverhältnisse einholen können. Und dass die Informationen nicht nur in den Händen von Ärzten sind, denjenigen, die schon die Entstehung ihres Lebens möglich gemacht haben.

Es ist spät geworden im Berliner Straßencafé. Die Familien am Spielplatz packen zusammen, auch Elisa muss weiter. Als Übersetzerin ist sie manchmal auf Botschaftsempfängen. Bevor sie hingeht, werden ihre Personalien gecheckt. Elisa sagt, das sei schon komisch, "da wird man bis aufs Letzte vom Staat durchleuchtet, aber seinen Vater finden kann man nicht." Sie muss lachen.

Bis ihr Blick wieder auf Jule fällt, ihre Haare, ihre Haut. Und sie wieder an das Rätsel ihres Lebens erinnert wird, das sich vielleicht niemals lösen lässt.

© SZ vom 19.09.2015

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