30 Jahre Billy So was von Regal

Ikeas "Billy" ist das bekannteste Möbelstück der Welt und ein großes Kunstwerk der Moderne. Jetzt wird es 30 Jahre alt - und muss vielleicht bald in Rente gehen

Von Gerhard Matzig

Wer erstmals Billy beim Namen genannt hat, ist nicht mehr zu klären. Auch bei Ikea in Schweden nicht. Dort heißt es, dass der Name "vermutlich" auf den Slogan bättre möbler billigare zurückgehe, der schon einen der ersten Ikea-Kataloge (1953) geziert habe. Auf Deutsch: Bessere Möbel zum günstigeren Preis. Billy käme demnach einfach von billiger. Es ist wie die Steigerung der Steigerung: billig - billiger - Billy.

Das bis heute erfolgreichste Wohnding der Welt, 41 Millionen mal verkauft in den 30 Jahren seit seiner Erfindung durch den Gestalter Gillis Lundgren, hat seine Verkäufer wenigstens zu Billyonären gemacht. Das ist eine Pointe der Designgeschichte, die jenen Menschen Trost spenden könnte, die mit einem eher unglamourösen, vielleicht sogar etwas billig wirkenden Vornamen durch die Welt gehen müssen. Andererseits: Auch aus einem gewissen Clinton und einem gewissen Gates konnte ja durchaus noch etwas werden.

Jedenfalls: Wer hätte damals, im Oktober 1979, als Gillis Lundgren ein an Simplizität kaum mehr überbietbares Regal in die Welt setzte, daran gedacht, dass die Nachgeborenen Billy zum Inbegriff der 68er-Revolte erklären würden? Wer konnte vermuten, dass sich einmal Helmut Schmidt für die Wiederaufnahme der vorübergehend eingestellten Billy-Produktion bei der Ikea-Konzernführung einsetzen würde ("Ohne Billy bleibt ihr auf eurem Kiefernplunder sitzen")?

Wer hätte vorausgesehen, dass es einmal Wettbewerbe im Billy-Schnellaufbau geben würde (aktueller Rekord: 4,21 Minuten)? Das eben zeichnet Phänomene aus: Sie sind nicht vorhersehbar, sie ereignen sich mit Naturgewalt. Und sei es als Folge des erfolgreichsten Plagiats aller Zeiten. Denn Billy fiel seinem geistigen Ursprung nach keineswegs vom schwedischen Himmel, sondern ist - vielleicht noch vor dem Bauhaus - das populärste, zugleich wirkmächtigste Kind einer Moderne, die zwar nur international begreifbar ist, aber auch deutsche Quellen kennt.

Schon vom Berliner Architekten Bruno Paul (1874 - 1968), der als "Wegbereiter der modernen Zweckarchitektur" bekannt wurde, ist ein "Systemmöbel" überliefert (Entwurf um 1900), das die Billy-Prinzipien vorwegnimmt: strenge Orthogonalität, versetzbare Einlegeböden, keinerlei Ornament oder gar repräsentative Ansprüche - und dazu billigste Materialien.

Pauls Sytemmöbel war gedacht für ein Massenpublikum. Von 41 Millionen verkauften Regalen konnte er allerdings nur träumen. Ikea war es, das heißt: der Begründer Ingvar Kamprad, wohnhaft auf Elmtaryd in Agunnaryd (I-K-E-A), der die Grundsätze der zunächst nur theoretisch glanzvollen Moderne in die auch finanziell glänzende Realität umsetzte. Kamprad aber kämpfte nicht gegen das Zuviel des Ornaments aus ästhetischer oder klassenkämpferischer Perspektive, sondern er kämpfte nur für weniger Material und weniger Konstruktionsaufwand, um billiger, letztlich also erfolgreicher und umsatzstärker sein zu können.

Kamprad hat die Ästhetik-Moderne eines Bruno Paul (Gropius, Corbusier, van der Rohe...) mit der Fließband-Moderne des Rationalismus eines Henry Ford schlicht kurzgeschlossen. Allerdings fehlte noch eine Kleinigkeit zum vollendeten Phänomen: ein Lebensgefühl. Hier kamen Kamprad und auch Billy die Sixties zugute: der Style der 68er, der sich ja erst ein Jahrzehnt nach 1968 als ästhetische Globalwährung etablieren konnte.

Billy wird in genau diesem Sinn etwa von Cherno Jobatey im Buch "Democratic Design" leicht verklärt: "Billy war die Antithese zur buddenbrookhaften Bleiernheit. Was hatten denn die Leute an Büchern in ihren Billys stehen? Den Brockhaus in Schweinsleder gebunden mit Goldschnitt? Sicher nicht! Schon eher das rote dtv-Lexikon und natürlich Aufwühlbücher: Bukowski, Kerouac, Handke, Adorno..." Und dann kommt Jobatey auch noch auf die Pink-Floyd-Platten zu sprechen. Billy sei daher der "Tod des Wohnkonservatismus" gewesen.

Das ist wahr und falsch zugleich. Natürlich lässt sich Billy rückblickend einordnen in die Beat-Generation. Aber schon die Vorstellung der Pink-Floyd-Platten macht deutlich, an welche Grenzen diese Zuschreibung mittlerweile stößt: Heute müsste man jungen Menschen - auch sie sind potentielle Billy-Käufer - erst mal vorsichtig erklären, wer oder was Pink Floyd ist und wer oder was Platten sind. Deshalb ist es gerade der im 68er-Bild gefrorene Wohnkonservatismus angeblicher Progressivität, der Billy das Gnadenbrot schenkt. Denn auch Billy, der Millionenseller der Dingwelt, ist vom Vorruhestand bedroht: Regale voller Bücher und Platten gehören zu den womöglich aussterbenden Daseinsformen.

Wer sich in den Wohntrends umsieht und die einschlägigen Zeitschriften studiert, der stößt immer seltener auf ein Regal - sei es Billy oder ein Exemplar der weitverbreiteten Verwandtschaft. Regale bedeuten Verwurzelung und Zeitaufwand, Regale bedeuten Materialität. All das also, was nicht zu den vordringlichsten Anliegen der Gegenwart zählt. Das Buchregal könnte daher den Weg der Fernsehtruhe und der Stereoanlage gehen: ins Abseits einer Wissensgesellschaft, die nicht vom Papier, sondern von der Information lebt (ob aber vom Wissen?) und die kein Regal und keine Einlegeböden benötigt, sondern Rechner und Highspeed-Anschluss. Wer also Billy begegnet, der sollte sich glücklich schätzen, wenn darin noch eine verstaubte buddenbrookhafte Bleiernheit lebt - neben den verstaubten Aufwühlbüchern. Im treuen Gedenken an eine aufregend gestrige Moderne, die schon bald nichts weniger sein wird als modern.