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Indianerdroge Ayahuasca:"Ich will bei den Bäumen sein"

Tag zwei. Frühstück, es gibt grüne Smoothies und ein paar Scheiben Vollkornbrot. Lara raucht eine Gauloises und tippt in ihr Handy, ihr Magen ist leer, die Pupillen sind groß. Es kommt zum ersten Streit: Der Systemadministrator will die Nacht in der freien Natur verbringen, wie im Zeremonie-Programm angekündigt. "Ich will bei den Bäumen sein", sagt er. Der Schamane will im Garten bleiben: "Das ist doch outdoor. Wir haben es hier wunderschön." Auch in seinem Garten könne man sich wie im Urwald fühlen.

Im echten Urwald war der Schamane noch nie, die Pflanzen für den psychedelischen Sud bestellt er im Internet. Doch er kennt sich aus. Sagt er. In den letzten zehn Jahren hat er " 300 oder 400 Mal" Ayahuasca getrunken. Alle zwei Wochen kommen Touristen aus Kroatien, Deutschland oder der Schweiz in seine Wohnung, und es werden immer mehr. Drei Nächte Seelenreise für 690 Euro. Er ist der Reiseleiter, seine Frau die Assistentin. Er trommelt, sie kocht die Liane aus.

AYAHUASCA SEMINAR

Die Zutaten für den psychedelischen Sud bestellt der Schamane im Internet.

(Foto: Veronica Laber)

Mit der "Liane der Geister" werden in einer Klinik in Peru Suchtkranke behandelt - auch wenn die heilende Wirkung wissenschaftlich nicht bewiesen ist. Schamanen im peruanischen Amazonas-Gebiet dürfen Ayahuasca als rituelle Medizin verabreichen. In Europa aber ist die Rechtslage komplizierter - weil die Blätter, die auch in den Trank gehören, DMT enthalten. Dieser Wirkstoff ist in den meisten Ländern verboten. Auch in Österreich.

Über die Liane spricht der Schamane wie über eine uralte, aber wunderschöne Frau: "Ayahuasca ist meine Liebe." Wenn es nach ihm geht, ist Ayahuasca keine Droge, sondern eine Heilerin; ein Mittel gegen Krebs, gegen Depressionen, und eben gegen die Sucht. Seinem eigenen Sohn hat er damit beim Heroin-Entzug geholfen. Sagt er. Von dem jungen Amerikaner, der nach einer Urwald-Zeremonie tot aufgefunden wurde, hat er auch schon gehört. Doch von den "Horrormärchen im Internet" will er nichts wissen. Er meint die Erfahrungsberichte, in denen Konsumenten beschreiben, wie sie auf dem Trip "sich selbst begegnet" und fast wahnsinnig geworden sind. Hier, in seinem Garten, da sei noch nie etwas passiert.

Ihr Körper ist auf Entzug

Während der Schamane redet und redet und redet, liegt Lara schon wieder im Bett. Ihr Körper ist auf Entzug, seit drei Tagen hat sie nichts mehr genommen. Sie wälzt sich hin und her, versucht zu schlafen. Crystal ist immer da, es besetzt ihren Kopf. Zwischendurch schreibt sie Whatsapp-Nachrichten an ihren Freund. "Ich bin richtig in den verliebt", sagt sie. "Das ist endlich mal einer, der gut zu mir ist." Einer, der sie nicht schlägt.

Lara wächst in einer Kleinstadt in Thüringen auf. Der Vater schlägt die Mutter, und ihr Bruder schlägt sie. Mit zwölf der erste Joint, mit 13 nimmt sie Pillen und Pilze. Als sie 15 ist, wird sie auf einer Party von einem Kumpel vergewaltigt. Sie fängt an, Crystal zu ziehen. Sie dealt, um ihren Konsum zu finanzieren, mit 17 macht sie den ersten Entzug. Es dauert nicht lange, und alles geht wieder von vorne los. "Man jagt immer dem ersten Mal nach, doch man kriegt das Gefühl nie wieder." Sie bricht ihre Ausbildung ab und landet wieder bei den alten Freunden, auf den alten Techno-Partys. Sie geht nach Berlin, doch da wird es nicht besser. "Überall ist Crystal", sagt sie. Wieder bricht sie ihre Ausbildung ab, prostituiert sich ein paar Monate, nimmt Heroin. Zweimal stirbt sie fast an Nierenversagen.

Viel Stoff für 22 Jahre Leben. Ein Leben, das keinen Absturz mehr verträgt. Und jetzt also Ayahuasca. Die Ausstiegsdroge?

Raus aus der Drei-Zimmer-Welt

Es wird Abend, sie warten auf den Lianentrank, der sie aus der Drei-Zimmer-Welt bringen soll. Wie Kinder bei der Einschulung sitzen sie in weißen T-Shirts auf dem Laminatboden im Wohnzimmer und schauen hoch zum Schamanen. Er trägt nun ein blaues Batik-Hemd, um seinen Hals hängt ein weißer Schal, die Bermuda-Shorts hat er immer noch an. Sie rauchen Wasserpfeife und reden über Blockaden und verlorene Seelenanteile. Alle wollen sie etwas in ihrem Leben ändern. Der Künstler will Klarheit über seine Sexualität. Der Systemadministrator will wissen, wohin mit seiner spirituellen Energie. Die Multimillionärin fühlt sich von ihrem Vater im Stich gelassen. Als sie 18 war, hat er ihr 6,5 Millionen Euro geschenkt, die Nachricht vom Reichtum überbrachte ein Banker. Ihr Geld gibt sie für Yoga-Retreats und Ayurveda-Kuren aus. Mit Ayahuasca will sie herausfinden, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll.

Und Lara? Vielleicht doch noch mal eine Ausbildung anfangen, ein Jahr nach Australien, um die innere Mitte zu finden. "Nicht dieses links, rechts, oben, unten."

Endlich schenkt der Schamane den heiligen Tee aus. "Spirit von Ayahuasca, wir bitten dich, dass du bei uns bist, dass du uns führst und leitest. Mögen unsere Seelen fliegen", ruft er. Sie sprechen im Chor: "Spirit von Ayahuasca, wir rufen dich." Der Schamane hebt sein Schnapsglas. "Auf eine gute Seelenreise", sagt er und trinkt auf ex. Vor Lara steht ein Becher mit 180 Millilitern Ayahuasca, der faulige Geruch steigt hoch, Lara hält sich die Nase zu und nimmt den ersten Schluck. "Widerlich", sagt sie. Dann setzt sie sich in den Garten, übergibt sie sich in ihren Eimer, einmal, zweimal, dreimal. Es dauert zwei Stunden, bis die Wirkung einsetzt. Lara schließt die Augen, sie sieht nun ein weißes Licht, irgendetwas zieht sie hoch in den Himmel. Dann schläft sie ein, mitten auf der Wiese.