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Hell's Kitchen (XXVIII) :Home Center

Wenn unser Kolumnist etwas braucht, geht er ins West Side Home Center. Eigentlich geht er auch ins West Side Home Center, wenn er nichts braucht. Er hat es noch nie bereut.

Ein Leben in Hell's Kitchen wäre unvorstellbar ohne das "West Side Home Center". Der Laden ist nur so groß wie eine Eckkneipe, aber er beherbergt sämtliche nicht essbaren Produkte der Welt. Wann immer ich feststelle, dass in meiner bescheidenen Bleibe im 17. Stockwerk eines ehemaligen Schwesternwohnheims oder in meinem Leben etwas fehlt, schlendere ich die 9th Avenue hinauf bis zur 52nd Street und schreite durch die offenstehende Tür. Anfangs fragte ich noch höflich, ob sie Dosenöffner, italienische Kaffeemaschinen, Neonröhren, Grillkohle, Blumenerde, Schubladengriffe, Aufnahmegeräte, Regenschirme, Akkuschrauber, Wassergläser, Notizbücher, Adapter, Unterlegscheiben, Tischventilatoren oder Weinregale hätten. Heute frage ich nur noch, wo die Sachen stehen.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich in einem Laden, der alles hat, eine größere Bedeutung erkennen müsste. Ob es vielleicht ein Ort ist, an dem die Meridiane zusammenlaufen, so wie im Rudy's, einer exzellenten Schrottbar hier in der Gegend. Das West Side Home Center wird von einer iranischen Einwandererfamilie betrieben, deren ältere Mitglieder hinter den beiden Verkaufstresen herumlungern, während die jüngeren immer neuen Kram in die Regale räumen. Bleistiftspitzer. Schubladenauslagepapier. Incredibly Strong Gorilla 100 % Tough Super Glue. Brillenputztücher.

In diesem Laden finde ich die Dinge ebenso, wie sie mich finden

Zugegeben, ich gehe auch ins West Side Home Center, wenn ich nicht festgestellt habe, dass etwas fehlt. Dann quetsche ich meinen fülligen Leib durch die Gänge, blicke prüfend auf Moskitonetze, vergleiche Wandfarben und bringe ein wenig Ordnung ins Zahnstochersortiment. Ich tue das, weil ich weiß, dass ich die Dinge hier ebenso finde, wie sie mich finden: Spülmaschinenpulver (keine Tabs), grasfarbene Teppichstücke (ist eine längere Geschichte), Rückenkratzer, die Antwort auf die Frage, ob erst der Tee in die Tasse kommt oder erst die Milch.

In dieser Woche ließ ich mir im West Side Home Center neue Schlüssel machen, weil meine Schlüssel die Neigung haben, sich im Schloss zu verbiegen wie Knete. Der Schlüsselmacher trug ein Trikot von Borussia Dortmund. "Deutscher Klub", sagte ich. Er ignorierte mich und schliff den ersten Schlüssel. "Ich komme aus Deutschland", sagte ich. Er tat so, als hätte er nichts gehört. Ob ich vielleicht, fragte ich in vornehmsten Englisch, hier in Hell's Kitchen auf einen iranischstämmigen Anhänger des Ballspielvereins Borussia 09 e.V. aus Dortmund getroffen sei?

Er hielt inne und blickte auf. "Schlüssel alle Schlösser?", fragte er. Ich sah auf den halb fertigen Schlüssel. Ich sah die Reisebügeleisen auf den Regalen. Ich sah die Kühlschrankmagneten neben der Kasse, die Klebepistolen. Ich sah die grünen Gießkannen, die Handstaubsauger, und ich sagte, obwohl ich keine Ahnung hatte, was es bedeutete: "Ja. Schlüssel bitte alle Schlösser."