Hell's Kitchen (XXI):Kummerbund

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Unser Autor wird auf einer New Yorker Künstlerparty für einen Spanier gehalten und lernt dort eine schlanke Frau kennen, die ihn auf keinen Fall heiraten möchte.

Von Christian Zaschke

Zum ersten Mal traf ich A., die mit vollem Vornamen so heißt, wie eine Stadt in Australien, auf der Party einer Künstlerin im Greenwich Village. Die Künstlerin ließ alle Gäste fortwährend von einem Fotografen ablichten. Die Männer sollten, so stand es in der Einladung, einen Smoking tragen, und die Frauen Abendkleider, aber da dies New York ist, kamen die meisten Männer in schlecht sitzenden Anzügen, in zu engen Hemden und ohne Krawatte. Die Frauen kamen wie immer.

Als Europäer, der zum Teil in London sozialisiert wurde, hatte ich die Einladung wörtlich genommen und war im Smoking erschienen, mit Fliege, Einstecktuch und Kummerbund. Den Kummerbund trug ich vor allem, um die Plauze des mittelalten Mannes zu verbergen. Mein makelloses Outfit führte dazu, dass ich in dem Kunstprojekt, das aus dem Abend erwuchs (verknappt gesagt ein Fotobuch über Partygäste in New York damals und heute), reichlich überrepräsentiert bin. Allerdings firmiere ich in dem Buch als Spanier, was ich im Detail noch immer nicht begriffen habe, was mich aber auch nicht weiter stört. Sollten Sie, verehrte Leserin, geschätzter Leser, demnächst in einem New Yorker Kunstbuch mit Partyfotos blättern, in dem etwas zu oft ein "Spanier" auftaucht, der seine Plauze mittels Kummerbund zu verbergen sucht: nicht in die Irre führen lassen. Das bin ich. Auf manchen Bildern ist auch A. zu sehen. Sie hat keine Plauze, und sie kommt aus Manchester in England, so wie die Band Elbow, die ich einen Tick zu gern mag, so wie eine exzellente, aber leider vollkommen unbekannt gebliebene Combo namens The Smiths, oder so wie die tolle und pubertäre Band The Chameleons, die ich als meine Jugendliebe bezeichnen möchte.

Zum zweiten Mal traf ich A. in dieser Woche am Montag im Carlyle Hotel an der Upper East Side. Ich hatte gerade meinen Bart abrasiert. Das Hotel hat eine Bar, in der Woody Allen manchmal montags mit einer Band spielt.

"Sind Sie wegen Woody Allen hier?", fragte der Portier. "Mit Sicherheit nicht", sagte ich. Aus vielerlei Gründen halte ich nicht viel von Woody Allen. Ich durchschritt das Hotel und fand A. in der Bar, und natürlich fragte ich, um die Stimmung gleich etwas aufzuhellen, ob wir nicht sofort heiraten sollten. Sie sagte: "Ach, vielleicht nein." Das war okay. Sie ist aus Manchester.

Wir tranken zwei Wein zu 21 Dollar das Glas, und dann kam die Band ohne Woody Allen, und A. fand, dass das ein bisschen schade sei. Sie sei doch schließlich nur wegen Woody Allen hier. Klar, sagte ich. Sie zahlte die Rechnung, wir gingen nach draußen, 76th Street, ich zündete mir eine Zigarette an. "Oh Gott, du hast deinen Bart abrasiert", sagte sie. Ja, sagte ich, und sicherheitshalber, da sie es nun endlich bemerkt hatte, fragte ich, ob wir nicht doch sofort heiraten sollten. Sie lächelte sehr schön. Sie sagte: "Nein."

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