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Hell's Kitchen (XC):Indian Summer

Während der Balkon unseres New Yorker Kolumnisten mit dem Presslufthammer bearbeitet wird, macht er selbst einen Spaziergang durch den Central Park - und sein Freund V. kommt dort zu einer überraschenden Erkenntnis.

Von Christian Zaschke

Das Bürotelefon klingelte. Es ist schwarz. Ich ließ es eine Weile klingeln, während ich dem Dröhnen der Presslufthämmer lauschte, mit denen zwei Männer Löcher in meinen Balkon bohrten. Es klang, als wollten sie durch den Balkon und durch alle 17 Stockwerke des Gebäudes bis tief ins Herz der Felsen vordringen, auf denen Manhattan gebaut ist.

Ich war mir sicher, dass mein Freund V., der Fremdenführer, in der Leitung wartete, denn nach meiner Berechnung musste er gerade aus New Hampshire zurück sein. Dorthin war er mit seiner Freundin R. gefahren, wo die beiden sich den Indian Summer hatten ansehen wollten.

"Den Indian Summer kannste dir auch im Central Park ansehen", hatte ich gesagt, "da brauchste nicht fünf Stunden im Auto sitzen." V. hatte mich mit der Art von Schulterzucken bedacht, das er sonst für Leute reserviert, die ihr Bier mit Limo schänden. Dann mietete er ein Auto und steuerte es auf die Interstate 95, die von Florida rauf nach Maine führt und die unbestritten furchtbarste Straße Amerikas ist.

Ich nahm den Hörer von der Gabel.

"V. hier", sagte V., "bin gerade aus New Hampshire zurück."

"Ich weiß", sagte ich.

Wir schwiegen eine Weile. In der Leitung hörten wir Fetzen von anderen Gesprächen von anderswo im Land. Vielleicht aus Kansas oder aus Idaho. Amerikanisches Festnetz.

"Trage gerade ein Trikot der Los Angeles Dodgers", sagte ich schließlich, um irgendwas zu sagen.

"Ah", sagte V., "interessant."

Ich legte auf.

Das Telefon klingelte erneut. Ich hob ab.

"Wir treffen uns in zwei Stunden am Columbus Circle. Spaziergang durch den Central Park. Große Runde. Keine Widerrede", sagte V.

Zwei Stunden später begannen wir unseren Marsch. Wir ließen die Sheep Meadow rechts liegen und überquerten die Bow Bridge, wo ausnahmsweise keine Hochzeitsgesellschaft posierte, und wir grüßten das Belvedere Castle, an dessen Spitze eine Wetterstation verborgen ist, in der die offizielle Temperatur Manhattans gemessen wird. Die Bäume erstrahlten in allen Farben des Feuers, wir liefen und liefen, nordwärts, und wir ruhten erst, als wir das Harlem Meer erreicht hatten, den See am oberen Ende des Parks.

"Pause", sagte ich.

Wir setzen uns auf eine Bank. V. wirkte nachdenklich.

"Was?", fragte ich.

V. räusperte sich.

"Also, ich muss sagen ...", hob er an.

"Was?", sagte ich.

"... den Indian Summer kannste dir auch im Central Park ansehen. Da brauchste nicht fünf Stunden im Auto sitzen."

Ich bedachte ihn mit der Art von Schulterzucken, das ich für Fremdenführer reserviert habe.

© SZ vom 24.10.2020
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