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Hell's Kitchen (LXXXIX):Mikrowelle

Unseren Kolumnisten in New York und das Abnehm-Programm "Diet-to-Go" verbindet eine kurze, intensive Beziehung, die viel mit den angegessenen Kilos im Frühjahrslockdown zu tun hat. Doch dann beendete ein Teller Nudeln die Liason.

Von Christian Zaschke

Anfang der Woche bekam ich eine E-Mail von einer Firma namens Diet-to-Go. Darin hieß es, sie würden mir umgehend einen Scheck über 25 Dollar schicken, falls ich meinen Freunden das Abnehm-Programm empföhle. Den Teufel werde ich tun.

Mit Diet-to-Go verbindet mich eine kurze, intensive Beziehung. Die Sache war die: Ich hatte mir in der frühen Phase der Pandemie, als man in New York das Haus nicht verlassen sollte, eine veritable Plauze angefressen. Um diese wieder loszuwerden, rief ich bei den Leuten von Diet-to-Go an. Easy, sagten sie. Kriegen wir hin.

Daraufhin schickten sie mir zweimal pro Woche ein Essenspaket, alles vorgekocht, Frühstück, Mittagessen, Abendessen, zum Aufwärmen in der Mikrowelle. Nach Eintreffen der ersten Lieferung bemerkte ich, dass ich keine Mikrowelle besaß. Im West Side Home Center an der 52nd Street, Ecke 9th Avenue kaufte ich eine für 55 Dollar.

Drei Wochen lang wärmte ich in dieser Mikrowelle die gelieferten Gerichte auf. Der Trick war, dass man keine Kohlenhydrate essen durfte, sondern nur Proteine und Fett, und bald entwickelte ich einen enormen Hunger auf Reis, Nudeln und Brot. Wenn das Pling der Mikrowelle erklang, bekam ich sofort schlechte Laune. Mikrowellen sind Maschinen der Hölle. Ich verlor drei Kilogramm in der ersten Woche, zwei in der zweiten, und immerhin eines in der dritten. Ich passte wieder in den dunkelblauen Anzug, den ich mir in London habe maßschneidern lassen, und ich fühlte mich elend.

Dann, es war ein Montag, begann ich morgens, als die Sonne sich über dem East River erhob, eine Tomatensauce mit Pancetta und Chilis einzukochen. Später an diesem Montag, während die Sonne im Hudson versank, setzte ich die Pasta auf den Herd, Bucatini. Ich rührte die Nudeln in die Soße, das gesamte Pfund, und ich aß alles.

Anschließend lag ich auf dem Sofa und war glücklich wie lange nicht. Danach aß ich Tag für Tag, was ich wollte. Nach einer herrlichen Woche hatte ich mein altes Gewicht, und die Waage lächelte mich zufrieden an.

Mitte dieser Woche traf ich meinen grizzlygroßen Nachbarn Tracy Westmoreland in der Lobby des ehemaligen Schwesternwohnheims, in dem wir beide wohnen. "Du hältst die Fresse, Kleiner", sagte Tracy zur Begrüßung, "ich weiß, was du sagen willst." Er hatte zu Beginn der Pandemie 15 Kilo verloren. Die sind wieder drauf.

Ich erzählte ihm von der Diet-to-Go-Sache und sagte, dass wir uns den 25-Dollar-Scheck teilen könnten, falls er sich anmelde. Tracy lachte eine halbe Minute lang aus der Tiefe seines Leibs. "Scheiß auf die Diäten", sagte er schließlich, "aber heißt das nicht, dass ich deine Mikrowelle haben kann?" Wir fuhren in den 17. Stock, wo ich ihm die Höllenmaschine, ich möchte sagen: feierlich übergab. In seinen Händen wirkte sie so groß wie ein Toaster.

© SZ vom 17.10.2020
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