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Hell's Kitchen (LII):Die Briefe

Unser Kolumnist erholt sich zu Hause von einer Rücken-OP, erkennt seltsame Botschaften im Himmel und wundert sich, als er sein Postfach öffnet.

Da ich derzeit wegen eines kleineren Eingriffs am Rücken nicht sonderlich beweglich bin, verbringe ich viel Zeit in der bescheidenen Bleibe, die ich im 17. Stock eines ehemaligen Schwesternwohnheims in Hell's Kitchen gefunden habe. Das ist nicht weiter schlimm, im Gegenteil, die Ruhe tut gut und der Ausblick ist herrlich, denn anders als James Stewart in Alfred Hitchcocks "Das Fenster zum Hof" blicke ich durch ein Fenster zum Himmel.

Besorgte Freunde bringen fortwährend Essen vorbei, was einerseits rührend ist, aber andererseits auch absurd, da man in New York bekanntlich ausnahmslos alles zur sofortigen Lieferung bestellen kann. Ich esse, ich bin, ich schaue aus dem Fenster, und manchmal glaube ich, in den Wolken Botschaften derer zu erkennen, die jüngst von uns gegangen sind, aber das liegt wohl an den Medikamenten.

Ich war nach dem Eingriff zwischenzeitlich schon deutlich mobiler, hatte mich dann jedoch in die Hände des Physiotherapeuten K. begeben, der mich zweimal so durchwalkte, als wolle er die Knochen in meinem Körper neu sortieren. Mein Körper reagierte darauf wie auf jede versuchte Neusortierung, nämlich mit Totalverweigerung.

Anfang der Woche humpelte ich rüber zum Fahrstuhl, fuhr ins Erdgeschoss und holte die Post aus dem Briefkasten. Es waren ausschließlich Briefe für meine Nachbarn. Ungewöhnlich, ich hatte noch nie Post für die Nachbarn bekommen. Ich fuhr wieder rauf in den 17. Stock und legte ihnen die Briefe auf die Fußmatte. Dabei sah ich, dass die Tür einen Spalt offenstand. Ich klopfte. Keine Antwort. Ich klopfte lauter. Keine Antwort. Ich humpelte zurück in meine Wohnung und legte die Kette vor.

Mein von Medikamenten umwölktes Gehirn entwickelte die mir vollkommen einleuchtende These, dass ein Serienkiller die Post der Nachbarn in meinem Briefkasten deponiert hatte, um mich in deren Wohnung zu locken. Dort würde ich erst eines Massakers gewahr und dann hören, wie die Tür ins Schloss fiele. "Welcome to Hell's Kitchen", würde eine Stimme aus der Tiefe des Flures sagen.

Ich informierte Hausmeister Giovanni Colon per SMS über den Sachverhalt. Giovanni schrieb: "Du hast sie nicht alle." Ich kontrollierte stündlich über den Türspion, was sich bei den Nachbarn tat. Absolut nichts.

Nachts fiel ich in eine Welt der Träume, die aus Macheten und Schrotflinten gemacht war. Tags blickte ich aus dem Fenster zum Himmel und suchte in den Wolken nach Zeichen. Schließlich nahm ich allen Mut zusammen. In meinem Gewand verbarg ich das frisch geschärfte Haiku Kurouchi, ich humpelte rüber zu den Nachbarn, die Post lag unberührt. Ich klopfte. Keine Antwort. Ich klopfte lauter. Keine Antwort. "Hilft ja nichts", presste ich zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor, stieß die Tür auf und trat ein.

© SZ vom 18.01.2020
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