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Hell's Kitchen (CVI):Enddarm

In der liebsten Radiosendung unseres Kolumnisten sprechen Menschen über ihre schrecklichen chronischen Erkrankungen. Er hat den Finger schon am Ausschaltknopf, aber dann ...

Von Christian Zaschke

Bei meinem New Yorker Lieblingsradiosender WNYC hatten sie sich in dieser Woche überlegt, ihr Publikum einen Vormittag lang mit einer Sendung über chronische Krankheiten zu behelligen. Eigentlich bin ich sehr gut darin, das Radio laufen zu lassen und es nur wahrzunehmen, wenn mich etwas interessiert. Chronische Krankheiten mir unbekannter Leute zählten bisher nicht dazu. Aus irgendeinem Grund konnte ich trotzdem nicht weghören.

Zugeschaltet war eine Frau, die detailliert davon erzählte, dass ihr immer wieder und oft in unpassenden Momenten die Kontrolle über ihren Enddarm abhandenkomme, was zu unschönen Ergebnissen führe. Falls die Hörerinnen und Hörer es nicht richtig verstanden hätten, sagte sie, zu sehr unschönen Ergebnissen.

Sie habe ein Buch darüber geschrieben, und da sie der Ansicht sei, dass möglichst viele Menschen über diese unschönen Ergebnisse Bescheid wissen sollten, habe sie sich dazu entschlossen, auch im Radio in aller Deutlichkeit darüber zu sprechen und nichts zu beschönigen. Im Detail sei es nämlich so, dass ...

Ich drehte den Ton ab und beschloss, an diesem Vormittag von meinem zweiten Frühstück abzusehen, das ich sonst gegen halb elf zubereite. Das erste Frühstück, das aus zwei Knäckebroten mit Frischkäse sowie einem zu großen Becher Espresso bestanden hatte, rumorte in meinem Magen. "Habt ihr nicht mehr alle Perlen auf der Kette?", fragte ich das Radio. Das Radio schwieg.

Eine Stunde später drehte ich den Ton wieder an. Die Frau war immer noch zugeschaltet. Sie beantwortete jetzt Hörerfragen. Bevor die Hörer Fragen stellten, erzählten sie erst einmal von ihren eigenen chronischen Krankheiten. Von angeborenen Leberschäden, die zur Dialyse und zu Amputationen von Gliedmaßen führten. Von immer wiederkehrenden Killer-Kopfschmerzen, gegen die keine Behandlung hilft. Von Gewebeschwächen, die Gewitter von Bandscheibenvorfällen zur Folge haben. Von Nerven, die ohne erkennbaren Grund extreme Schmerzbotschaften ans Hirn senden.

Mein erster Impuls war, den Ton gleich wieder abzudrehen. Ich hatte die Hand schon am Radio, aber ich hielt inne. Ich hörte zu. Ich lauschte den Geschichten, eine schlimmer als die andere. Ich fühlte mit der Frau, die mit einem Loch im Herzen geboren wurde. Ich zitterte innerlich mit dem Mann meines Alters, dessen Hände so stark zittern, dass er kaum alleine essen oder trinken kann.

Ich ahnte, ohne dass ich das genauer erklären könnte, dass es wichtig war, all diesen Menschen jetzt zuzuhören, und ich dachte, in Demut, was für ein unverschämtes Glück es ist, in Hell's Kitchen und gesund zu sein.

Zweites Frühstück also. Ich schlug drei Eier in die Pfanne und schnitt den Speck in Scheiben.

© SZ vom 13.02.2021
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