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Hell's Kitchen (CIV):Simon & George

Der Friseur Juri ist schuld daran, dass unser New Yorker Kolumnist derzeit auffallend gut aussieht. Als er ihn nun ein weiteres Mal aufsuchen wollte, hatte Juri allerdings sehr überraschende Neuigkeiten.

Von Christian Zaschke

In Rafik's Barber Shop schnitt mir früher Robert die Haare, mein zitternder Stammfriseur. Er ist verschwunden, ich vermisse ihn. Ich weiß nicht, wie oft er mir erzählt hat, dass er im November 1978 die Band Foreigner im Madison Square Garden gesehen hat. An Thanksgiving.

"Weißt du, was sie als Erstes gespielt haben?", fragte er jedes Mal. Obwohl ich es ab dem zweiten Mal wusste, sagte ich stets: "Keine Ahnung." Er sagte dann feierlich: "Cold as Ice", worauf ich ebenso feierlich erwiderte: "Das tut mir leid."

Als ich vor ein paar Wochen in Rafik's Barber Shop war, schnitt mir Juri, bis dahin der Zweitfriseur, die Haare. Robert sei weg, beschied er, auf Nimmerwiedersehen. In dieser Woche ging ich wieder in den Laden, weil Juri zwar ein Knurrsack ist, dafür aber ein exzellenter Friseur. Er ist so gut, dass die Leute ihren Blick nicht von meiner Frisur wenden können und daher übersehen, dass ich noch immer mit einer leichten Corona-Wampe durch Hell's Kitchen spaziere.

"Hi Juri", sagte ich.

"Mein Name ist George", sagte er.

Ich sah ihn an.

"Juri", sagte ich, "die letzten drei Jahre war dein Name Juri."

"Die letzten 44 Jahre, um genau zu sein", sagte er, "aber jetzt heiße ich George."

Er zeigte auf den neuen Zweitfriseur. "Und das ist Simon", sagte er.

Ich kannte "Simon". Er war früher der Drittfriseur und hieß Anatoli.

"Ihr verarscht mich", sagte ich, "oder ist das ein Spiel?"

Juri und Anatoli schauten mich mit ernsten Blicken an.

"Okay, okay", sagte ich, "ihr habt eure Namen geändert."

George und Simon nickten.

"Warum?", fragte ich.

"Zwei Gründe", sagte George: "Wir sind jetzt Amerikaner und außerdem die Bosse hier im Laden."

Er erzählte mir, dass sie beide kürzlich amerikanische Staatsbürger geworden seien, und dass sie, nachdem Robert gegangen war, beschlossen hätten, den Laden zu übernehmen.

"Simon & George", sagte ich, "woran erinnert mich das?"

Simon & George schauten mich verständnislos an.

Ich sagte: "Falls ihr mal 'ne Band gründen wollt, in der einer Gitarre spielt und etwas knödelig singt und der andere die Stimme eines Engels hat, hätte ich da schon einen ganz guten Namen für euch."

Simon & George schauten mich an, als hätte ich einen kompletten Dachschaden.

"Und vielleicht tretet ihr unter diesem Namen eines Tages an Thanksgiving im Madison Square auf", sagte ich.

Jetzt grinste George. Er nahm die Schere aus seinem Halfter, das er wie einen Pistolengürtel trägt, er begann zu schneiden und sagte: "Wenn schon, dann im Central Park."

© SZ vom 30.01.2021
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