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Hell's Kitchen (CI):Vergiss es

Unser Kolumnist lässt noch einmal das wunderliche Jahr 2020 Revue passieren und wundert sich über die vielen weißen Flecken in seinem Kalender - den er zusammen mit seinen Schreibblöcken dann feierlich der Altpapiertonne übergibt.

Von Christian Zaschke

Das Jahr 2021 ist jetzt schon ein paar Tage alt, aber ich war während der ganzen Woche noch immer damit beschäftigt, 2020 zur Ruhe zu legen. Ich las in den Schreibblöcken, die überall in meinem Büro herumliegen. Aus Gründen, die sich auch mir nicht vollends erschließen, liegen hier immer fünf, sechs Blöcke, und ich schreibe mal in diesen, mal in jenen, und wenn ich in den Blöcken hin und wieder nach einer bestimmten Notiz suche, finde ich vieles, aber nicht diese Notiz.

Zudem las ich in meinem 2020er-Kalender. Ja, ich führe einen Kalender auf Papier. Ich las den Januar nach, den Februar, als die Isländerin zuletzt hier war, von Barbados kommend auf dem Weg nach Rom, sie hatte 15 Stunden Aufenthalt am Flughafen, JFK, und war deshalb kurz rüber nach Hell's Kitchen gefahren. Ich las den März nach. Dann schaute ich auf all die durchgestrichenen Termine, und schließlich blickten mich so viele weiße Seiten an, als hätten Teile dieses Jahres gar nicht stattgefunden.

Es gibt in meinem Kalender eine eigene Rubrik für Besucher, die bei mir übernachten. Die ist nötig, weil in normalen Jahren mehr als 60 Millionen Touristen nach New York kommen, von denen zirka ein Drittel in meiner bescheidenen Bleibe nächtigt. Als ich die Einträge für April und für Mai durchging, las ich die Namen von Menschen, die ich seit viel zu langer Zeit nicht gesehen habe. Am 8. April wollte die Isländerin kommen, mit diversen Kindern im Schlepptau. Ich erinnerte mich, dass ich für diesen Besuch eine halbe Tonne Bolognese vorgekocht und eingefroren hatte.

An Silvester war ich, dies nebenbei, bei Heidi P., und ihr schottisch-philippinischer Freund R., dessen Leben im allgemeinen und dessen Trinkverhalten im besonderen sie sonst überwacht wie eine Löwin das Rudel, hatte die Gelegenheit genutzt, sich so schwer einen anzubrennen, dass er seiner Muttersprachen verlustig ging. Heidi verstand, dass das am Ende dieses Jahres okay war.

Ich selbst hatte den Abend abstinent verbracht. Aus Gründen, die sich auch mir nicht vollends erschließen, wollte ich klaren Geistes in dieses neue Jahr schreiten. Am Neujahrstag klingelte mein Telefon, nicht das im Büro, das private. Ich hob relativ schnell ab, die Isländerin war dran, und wir sprachen drei Stunden lang über das Nordmeer, das Licht und über Kaffee.

2020 war kein verlorenes Jahr, eh klar, denn das gibt es ja gar nicht. Aber als ich in dieser Woche fertig war mit dem Lesen der Blöcke und des Kalenders, nahm ich eben diese Blöcke und eben jenen Kalender, stieg in den Aufzug, fuhr runter ins Untergeschoss, wo die Mülltonnen stehen, und übergab das Ensemble der Altpapiertonne.

Dann stieg ich erneut in den Aufzug und fuhr rauf, nach ganz oben, in den 17. Stock, und, wie mir schien, noch ein bisschen darüber hinaus.

© SZ vom 09.01.2021
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