Helge Malchow über Autoren

Der Verleger von Kiepenheuer & Witsch ist eine rheinische Frohnatur, 'ne Kölsche Jung. Helge Malchow mag auch nicht in seinem Büro bleiben, ihn drängt es in die Frühlingssonne.

Interview von Christian Mayer

Man hört es sofort: Der Verleger von Kiepenheuer & Witsch ist eine rheinische Frohnatur, ne Kölsche Jung. Helge Malchow mag auch nicht lange in seinem Büro bleiben, ihn drängt es in die Frühlingssonne. Beim Italiener ums Eck bestellt er einen Teller Hühnersuppe: Das ist leicht und gehaltvoll zugleich.

SZ: Herr Malchow, lassen Sie uns über Autoren reden.

Helge Malchow: Oh, gut, auch wenn das nicht ganz ungefährlich ist. Die Beziehung zu den Autoren ist ja der Kern der Sache für einen Verleger. Deswegen bin ich auch nicht auf Facebook aktiv. Diskussionen darüber, mit wem ich "befreundet" bin und mit wem ich gerade kommuniziere: besser nicht.

Sind Schriftsteller so eifersüchtig?

Eifersüchtig nicht, aber jeder Autor hat eine gesunde, notwendige Egozentrik. Das schließt auch die absolut berechtigte Idee ein, dass der Verlag jederzeit für ihn oder für sie da ist und sonst für niemanden. Der Verlegerberuf bringt es mit sich, dass ständig an einem gezerrt wird.

Was braucht ein guter Verleger, dem die Autoren vertrauen?

Zunächst mal ist es der Respekt vor der Leistung der Autoren, bei literarischen Autoren vor ihrer Leistung als Sprachkünstler. Es geht um die literarische Gestalt, um die Inhalte, um die geistigen Debatten, die Bücher auslösen können. Das ist natürlich immer verbunden mit persönlichen Themen, psychologische und strategische Dinge spielen hinein, man kann sich als Mensch ja nicht aufspalten. Insofern ist man als Verleger bisweilen auch Berater, und wenn man etwas älter ist als viele Autoren, auch väterlicher Berater. Außerdem wird man zum Halbjuristen, wenn es um Persönlichkeitsrechte, Urheberrecht geht oder die Freiheit des Wortes auf dem Spiel steht und man mit Autoren vor Gericht ziehen muss - im Fall von Maxim Biller und seinem Roman "Esra" leider bis vors Bundesverfassungsgericht.

Die Karlsruher Richter urteilten 2008, dass der Roman verboten bleibt, weil der Autor Persönlichkeitsrechte seiner früheren Lebensgefährtin verletzt hatte.

Ja, eine 4:3-Entscheidung der Verfassungsrichter, eine Stimme mehr für uns, und die Sache wäre ganz anders ausgegangen. Ich halte das immer noch für einen großen Fehler. Ein Roman ist ein Roman, Literatur hat ihre eigenen Regeln.

Ihre Fürsorge für hilfsbedürftige Autoren scheint doch recht weit zu gehen. Sie waren sogar mal Telefonjoker bei "Wer wird Millionär?" für Cordula Stratmann. . .

Oh ja, wann war das - 2007?

Erzählen Sie doch bitte mal.

Als Cordula, deren Bücher ich sehr liebe, mich fragte, habe ich natürlich gerne zugesagt und mich auf dieses gemeinsame kleine Abenteuer gefreut. Anschließend kamen mir dann heftige Zweifel, nach dem Motto: "Was passiert, wenn du rausfliegst, weil ich eine einfache Frage nicht beantworten kann? Wo bleibt da meine Reputation als Verleger in diesem Land? War ich dann geliefert?"

Was passierte dann?

An dem Abend waren befreundete Autoren bei uns zu Hause zum Essen, es war so lustig und laut, dass wir das Klingeln des Telefons total überhört haben. Als ich zur Toilette ging, hörte ich plötzlich das Telefon: "Ja, hier Günther Jauch. . ." Er hatte schon vorher angerufen, der Anrufbeantworter war angesprungen. "Aha, Ihr Joker ist nicht zu Hause", hatte Jauch in der Sendung verkündet. Er war total sauer, als ich beim dritten Versuch endlich am Telefon war. So richtig Spaß versteht er, glaube ich, nicht. Gott sei Dank konnte ich die Frage beantworten, außerdem ging es ja um viel Geld! Thema war ein Kunstwerk von Beuys. Monatelang war das der Lacher im Freundeskreis und im Verlag: "Herr Malchow, Herr Malchow, sind Sie da?"

Mal abgesehen von solchen Noteinsätzen: Wie oft rufen Ihre Autoren an, wenn sie Rat, Hilfe und Trost brauchen?

Schon öfter, für einige bin ich ja nicht nur der Verleger, sondern auch der Lektor, beides auch außerhalb der Geschäftszeiten. Das kennen alle Lektoren bei uns. Manche Autoren rufen immer dann an, wenn man sich gerade ein Glas Rotwein eingeschenkt hat und Real Madrid gegen Barcelona angepfiffen wird. Sie wollen sofort den Verleger oder Lektor sprechen - und mal kurz oder länger aus ihrem Text vorlesen.

Sie selbst profitieren ja auch von Ihren persönlichen Beziehungen zu den Autoren. Die englische Originalausgabe des Leitfadens für britische Soldaten in Deutschland 1944 haben Sie auf dem Nachttisch Ihres Autors Christian Kracht gefunden.

Ja, bei einem Arbeitsbesuch in Florenz. Als ich darin herumblätterte, war ich sofort elektrisiert und sagte: "Das müssen wir auf Deutsch herausbringen." Christian Kracht hat das Büchlein entdeckt und genau richtig platziert. Und jetzt ist es seit Monaten auf der Bestsellerliste. Viele gute Tipps kommen von Autoren.

Zur Person

Helge Malchow, 64, kam als Nachkriegskind in Bad Freienwalde an der Oder zur Welt. 1953 flüchtete seine Familie nach Westdeutschland. Malchow wuchs in Düsseldorf/Neuss auf und machte dort 1969 Abitur. Nach einer kurzen Zeit als Gymnasiallehrer kam er 1983 zum Verlag Kiepenheuer & Witsch, dort wurde er 1993 Cheflektor und 2002 als Nachfolger von Reinhold Neven DuMont verlegerischer Geschäftsführer. 2005 erhielt Malchow, der als begnadeter Netzwerker des Literaturbetrieb gilt, die Auszeichnung Verleger des Jahres. Mit seiner Frau, der Jugendbuchautorin und Dokumentarfilmerin Regina Schilling, lebt er in Köln.

Sie haben sich 2012 schützend vor Christian Kracht gestellt, als er in einem Spiegel-Artikel für sein Buch "Imperium" angegriffen wurde, der Kritiker hatte ihm eine Nähe zu rechtem Gedankengut unterstellt. Gehört das auch zum Job?

An sich verbietet es sich für einen Verleger, sich in die Rezeption der Bücher einzumischen. Für mich war hier allerdings eine Grenze überschritten, weil der Vorwurf des Rassismus gegenüber dem Roman völlig absurd war - genauso wie der Versuch, Christian Kracht in die Nazi-Ecke zu stellen. Das ging weit über eine Rezensionsmeinung hinaus. Damit war auch der Verlag angegriffen. Es gibt Unterstellungen, von denen man sich nie wieder ganz befreien kann, im Internet zirkulieren solche Dinge immer weiter. Man kann so die Biografie eines Künstlers zerstören - deshalb habe ich eingegriffen und unsere Gegenposition im Spiegel veröffentlicht.

Ist eine solche Debatte nicht auch positiv für den Verlag? Weil man so eine Menge Aufmerksamkeit bekommt?

Das ist eine zynische Betrachtung, die dieser Autor nicht nötig hat. Christian Kracht ist für mich einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er schafft es, Erfahrungen in große Literatur zu verwandeln.

Auch Ihr Autor Dave Eggers hat ein Gespür für aktuelle Themen - in seinem Bestseller "Der Circle" beschreibt er ein Szenario, das fast schon Wirklichkeit ist: die totalitäre Herrschaft der Internetkonzerne, die unser Bewusstsein manipulieren.

Für uns war es 2014 das Buch des Jahres. Nicht, weil wir fast 200 000 Exemplare verkauft haben, sondern weil es intensive Debatten über die Abgründe des digitalen Kapitalismus befördert hat. So erfolgreich wie in Deutschland war "Der Circle" übrigens nirgendwo - auch nicht in den USA.

Dave Eggers zählt zu den scheuen Literaten, Fernsehinterviews gibt er in der Regel gar keine. Muss man manche Autoren zu ihrem Glück zwingen und sie in die Talkshows oder auf Lesereise schicken?

Auf gar keinen Fall: Lesereisen sollten nur diejenigen Autoren machen, die das wirklich wollen. Heikler ist das Thema bei autobiografischen Büchern, weil hier inzwischen Talkshows oft der entscheidende Faktor sind, um ein Buch ins Gespräch zu bringen. Wenn sich da ein Autor aus guten Gründen weigert, muss man das auch verstehen - selbst wenn die Verkaufszahlen erheblich niedriger liegen.

Bei keinem Buch war der Hype zuletzt so extrem wie bei "Darm mit Charme". Eine 26-jährige Medizinstudentin, die auch noch gut aussieht, erobert die Bestsellerliste im Handstreich. Aber erst, nachdem sie bei Markus Lanz in der Sendung war.

Ja, ein Medienphänomen. Wenn der Schneeball rollt, ist er oft nicht mehr aufzuhalten. Aber auch das ist Gott sei Dank keine Verkaufsgarantie, wie man vor Kurzem bei Bettina Wulffs Buch gesehen hat.

Es gab mal eine Zeit, da durften ernsthafte Literaten allerhöchstens in eine ernsthafte Literatursendung gehen, sonst drohte die Verbannung aus dem Feuilleton. Der Boulevard war tabu.

Richtig, es gab eine regelrechte Firewall zwischen der literarischen Hochkultur und der profanen Medienzivilisation. Man grenzte sich ab- in der einen Welt saßen die Schriftsteller vor ihren Bücherregalen, rauchten Pfeife und äußerten sich zur Lage des Abendlandes, in der anderen Welt machte Harald Schmidt Witze darüber. Das hat sich verändert. Verlage sind heute nicht mehr ausschließlich Kulturträger, sondern auch Teil der Medienindustrie, genauso wie Zeitungen, Fernsehsender und Internetplattformen. Bei Kiepenheuer & Witsch zeigt sich das symbolisch: Bis vor fünf Jahren saßen wir noch in einer lauschigen Villa am Stadtrand, wo die Autoren mit dem Fernglas die Großstadt beobachten konnten. Heute sitzt der Verlag zwischen Kölner Dom, Hauptbahnhof und WDR.

Bei Ihnen im Verlag sind die Grenzen fließend. Sie haben auch Bücher von Comedians und Schauspielern im Programm.

Aber ja. Nehmen Sie Mario Adorf, ein begnadeter Erzähler, der unfassbar viel erlebt hat in seinem Leben. Kulturgeschichte pur. Auf seine Bücher sind wir alle hier genauso stolz wie auf das literarische Programm, die politischen Bücher etwa von Günter Wallraff oder auf Frank Schätzing.

Der könnte den Lesern doch auch Gebrauchtwagen verkaufen, oder?

Nein, Frank Schätzing ist so etwas wie der deutsche Michael Crichton. Er beherrscht die Genres Science-Fiction, Krimi, Thriller und fügt diesen in jedem seiner Bücher einen entscheidenden Mehrwert zu. Außerdem ist er ein genialer Selbstvermarkter.

Der Autor von "Der Schwarm" und anderen Bestsellern präsentiert sich in Hochglanzanzeigen sogar gelegentlich als Unterwäschemodell, die Figur hat er ja . . .

Das war nicht die Entscheidung des Verlages, aber auch das hat ihm nicht geschadet.

(Foto: Martin Lengemann/laif)

Etwas promigeil sind Sie schon, was die Auswahl der Autoren angeht.

Danke für dieses Adjektiv. Aber erstens werden viele Autoren durch herausragende Bücher überhaupt erst so prominent, was ja nicht verboten ist. Nehmen Sie 2014 Joachim Meyerhoff oder Thomas Hettche. Und zweitens schützt Prominenz nicht vor Können, oder? Denken Sie an die großartigen Bücher von Helge Schneider, Oliver Polak, Günter Lamprecht, oder an die Bücher von Patti Smith, Nick Cave, Eric Clapton. Warum sollen Schauspieler, Filmregisseure oder Musiker nicht auch gute Buchautoren sein?

Nun gibt es ja nicht nur gute Bücher. Wie erklären Sie einem bewährten Autor, wenn sein Manuskript nichts taugt?

Tja, wenn es geht: keine Feigheit vor dem Freund! Ich gebe zu, das ist schwer, da die richtigen Worte zu finden. Manchmal muss man den Autoren einfach ehrlich sagen: Ich kann dir nicht empfehlen, das zu veröffentlichen. Es gibt aber Situationen, in denen der Autor insistiert, dann hat man immerhin eine Warnung ausgesprochen.

Kann man den Beruf des Schriftstellers noch empfehlen, angesichts der viel zu vielen Autoren auf einem immer schnelllebigeren Markt? Wenn man nicht gerade Regionalkrimis schreibt, kämpft man da doch ums nackte Überleben.

Das stimmt, die Genre-Literatur sorgt für hohe Umsätze und hohe Auflagen, auch bei uns. Die literarischen Autoren tun sich oft schwerer. Deshalb müssen manche von diesen Autoren zusätzlich von Lesungen leben, sie sind oft das ganze Jahr über unterwegs, werden Stadtschreiber oder Stipendiat. Selbst wenn man zu den bekannteren Schriftstellern in Deutschland zählt und 20 000 bis 30 000 Exemplare verkauft, kann man davon nicht leben, wenn man alle zwei Jahre ein Buch schreibt. Für diese Autoren, die oft abseits des Mainstreams großartige Literatur produzieren, ist es sicher gut, dass es in Deutschland Lesungen, Festivals und auch Preise gibt.

Warum sind Sie nicht Lehrer geblieben?

Es hat mir eigentlich Spaß gemacht, etwa im Deutschunterricht Literatur zu unterrichten. Ich hatte aber ein zu großes Interesse an den Themen, es hat mir nicht gereicht, nur zu vermitteln - mich hat Literatur über den Schulstoff hinaus fasziniert.

Mit 31 haben Sie den Lehrerberuf an den Nagel gehängt, dabei war es gar nicht so leicht, Beamter zu werden, bei Ihrer Vergangenheit als früheres DKP-Mitglied. . .

Ja, diese Anhörungsverfahren! Ich bin ehrlich gesagt auch noch nach über 30 Jahren über diese juristischen Spitzfindigkeiten zwischen "verfassungsfeindlich" und "verfassungswidrig" empört. Das war ein Anschlag auf das Grundgesetz. Allerdings kam zur gleichen Zeit der verdiente Rauswurf aus der Partei dazu, als die Gewerkschaft Solidarność in Polen ihre Streiks begann. Ich fand das völlig richtig und begrüßte das öffentlich, aber für Kommunisten durfte es im Sozialismus natürlich keine Streiks geben, deshalb war meine Äußerung parteischädigendes Verhalten.

Wie sind Sie damals zur DKP gekommen?

Das war auch ein Kampf gegen meinen Vater, der klassische Achtundsechziger-Konflikt. Mein Vater war Offizier gewesen im Zweiten Weltkrieg, mit seiner Rolle hat er sich nie kritisch auseinandergesetzt. Ich bin mit meinen Versuchen, ihn zum Reden zu bringen, immer gegen eine Wand gelaufen. Wir waren eine Flüchtlingsfamilie, die aus der DDR in den Westen geflohen war, ein Kalter-Kriegs-Haushalt. Für mich war das eine innere Rebellion, zu sagen: Gott sei Dank sind die Großgrundbesitzer in der DDR als Kriegsverbrecher enteignet worden, während in der Bundesrepublik die alten Nazis in Führungspositionen saßen.

Fühlen Sie noch den alten Impuls, die Gesellschaft zu verändern, auch mit den Büchern, die Sie herausgeben?

Auf jeden Fall. Nur sind die Fragen nach sozialer Gerechtigkeit oder nach Freiheits- und Menschenrechten viel komplizierter zu beantworten als in der Vergangenheit. Ich verstehe Verlagsarbeit aber heute noch mehr als früher als sorgfältige Pflege der literarischen Kultur. Deshalb ist mir die Zusammenarbeit mit Autoren wie Uwe Timm, Dieter Wellershoff, Peter Härtling so wichtig wie die Pflege unserer Klassiker Heinrich Böll oder Erich Maria Remarque. Seit einiger Zeit ist mir aufgefallen, wie viel mir die Nähe und der Austausch mit älteren Autoren bedeutet hat und bedeutet, die jahrelange Zusammenarbeit mit Peter Zadek zum Beispiel, deren Ergebnis seine dreibändige Autobiografie war.

Dann stimmt es wohl, dass Rheinländer wie Sie nicht nur gerne reden, sondern auch zuhören können.

Kann sein, dass diese älteren Schriftsteller so etwas wie Ersatzväter für mich waren. Ich habe unendlich viel von ihnen gelernt. Ein solches Privileg haben wenig Menschen in ihrem Beruf.