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Hässliches Kulturgut:Die Platte als Kulturgut

Das Image des jahrzehntelang als hässlich und uniform geschmähten Plattenbaus soll aufpoliert werden. "Die Platte ist in letzter Zeit zum Kulturgut geworden", versichert Pianka und zeigt auf ihrem Computer designte Plattenbau-Wohnungen mit amerikanischen Wohnküchen und nackten Betonwänden. Weil fast sämtliche Wände in Plattenbauwohnungen keine tragenden Wände sind, "können die Mieter sich ihre Wohnungen individuell gestalten".

90 Jahre Bauhaus

Wegweisende Architektur

Den Charme der Platte haben inzwischen auch vermögendere Menschen da und dort entdeckt. Am Gendarmenmarkt hat sich gerade erst ein Millionär eine 200-Quadratmeter-Plattenbauwohnung gestaltet, fast ganz ohne Wände. Und jüngst war eine Plattenbauwohnung in der Tucholskystraße zu vermieten nahe der Jüdischen Synagoge in der Oranienburger Straße - zu dem Termin kamen innerhalb weniger Stunden mehr als 60 Interessenten. "Das dreht sich jetzt", hofft Steffi Pianka. "Die Platte bekommt gerade einen guten Ruf".

In der Linienstraße am Rosenthaler Platz wird gerade ein Plattenbauensemble renoviert. Der Spritzbeton verschwindet, die alten Betonbalkone werden durch rote Metallzäune ersetzt. Als Arne Eberle vor ein paar Tagen die neuen Balkone in der Linienstraße zum ersten Mal zu Gesicht bekam, ist er erschrocken: "Die sind so hässlich, das tut richtig weh, wenn man sich das anschaut." Eberle hat nicht lange gezögert, seinen Frust öffentlich zu machen.

Er ging in den Keller, fand Stoff und eine Farbsprühdose und hängte sich ein Transparent an seinen Balkon. Seinem Haus gegenüber steht eines der letzten selbstverwalteten Gebäude Berlins. Die Bewohner dort haben den klassischen Besetzerspruch auf ihre Hausfassade gepinselt: "Soldaten sind Mörder". Arne Eberles Botschaft ist dezenter, auf seinem Transparent steht: "Rettet die Platte!"

"Plattenbauten haben etwas Erhaltenswertes"

Eberle ist kein Ostdeutscher, dessen Heimat beim Mauerfall abhanden kam. Er ist 37 Jahre alt, besitzt eine Agentur für Modedesigner, kommt aus der westdeutschen Kleinstadt Bad Camberg in Hessen - und liebt Plattenbauten. Die Sanierung des Hauses, in dem er seit vier Jahren wohnt, "tut mir richtig weh, das ist eine Verschandelung, was die hier machen". Plattenbauten, sagt er, "sollten unter Denkmalschutz gestellt werden, sie haben etwas Erhaltenswertes".

Wenn man noch nie bei Mieke Ulfig geklingelt hat, steht man erst einmal minutenlang vor dem Klingelbrett. 161 Namen muss man lesen, um ihren Namen zu finden. Ulfig wohnt zusammen mit ihrem Freund und zwei anderen Mitbewohnern in einer Wohngemeinschaft am Alexanderplatz. Zentraler kann man in Mitte nicht wohnen: den Fernsehturm als direkten Nachbarn, ein Blick in die Büros des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit vom Wohnzimmer im elften Stock aus - und ganz viel Himmel über Berlin.

Die Künstlerin Mieke Ulfig hat jahrelang in einem zweiten Hinterhof im Erdgeschoss gelebt, "wo man im Sommer bei 30 Grad draußen die Heizung in der Wohnung anschalten musste". Das Wohnen in einem Plattenbau möchte sie nicht mehr missen. Der Logenplatz im 11. Stock tröstet sie auch manchmal über die Betonwüste des Alexanderplatzes und das beständige Verkehrsrauschen hinweg. In Momenten, in denen sie sich nach Natur sehnt, nimmt sie ihr Fernglas und richtet den Blick auf den Turm des Roten Rathauses. Dort nisten Wanderfalken und füttern ihre Küken mit Spatzen und Tauben.

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