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Grimme Online Award für #Aufschrei:Diskussion auf Twitter schwappte auf Medien über

In der Begründung der Jury hieß es folgerichtig, erst durch Twitter habe die gesellschaftliche Diskussion über Sexismus an Dynamik gewonnen und sei dann in aller Breite auch in anderen Medien geführt worden. Ein Prozess übrigens, der (noch) selten vorkommt - allzu oft verhallen Netzdebatten in dem, was die Beteiligten halb zärtlich, halb selbstkritisch "Filterbubble" nennen.

Dabei spielt es im Prinzip auch keine Rolle, dass den harten Kern der Bewegung nur einige Dutzend Aktivistinnen ausmachten - was dem #Aufschrei bald den Vorwurf einbrachte, nicht repräsentativ zu sein. Da hätten, so monierten einige Kritiker, eben ein paar gut vernetzte und kommunikationstechnisch versierte Online-Profis der Mehrheit der Gesellschaft eine Debatte aufgezwungen, die diese eigentlich gar nicht führen wolle. Das könne man, so argumentieren die Gegner weiter, nicht zuletzt an den vielen kritischen Artikeln, Blogeinträgen und Tweets erkennen, die dem #Aufschrei so gar nichts abgewinnen konnten.

Was ist eine gesellschaftlich relevante Debatte?

Doch auch dieses Argument führt in die Irre. Denn wer sagt denn, dass eine Debatte nur dann gesellschaftlich relevant ist, wenn sie von der Mehrheit der Gesellschaft ausgeht? Um das naheliegendste aller Beispiele zu wählen: Auch die 68er Bewegung war keine Bewegung der Mehrheitsgesellschaft. Auch sie hat dem restlichen Deutschland eine Debatte aufgezwungen, die das Land zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht führen wollte. Und auch sie hat nach und nach Menschen mitgerissen, politisiert und schließlich Deutschland verändert.

Damit eine Debatte gesellschaftlich relevant ist, müssen auch nicht alle einer Meinung sein. Im Gegenteil: Zeigt nicht gerade die Vielzahl an unterschiedlichen Ansichten, die im Zuge von #Aufschrei den Weg in die Öffentlichkeit fanden, dass hier etwas noch lange nicht ausdiskutiert ist? Die Relevanz einer Aktion wie #Aufschrei ergibt sich deswegen nicht daraus, dass ihr alle Beifall klatschen. Sie braucht gerade das Aufeinanderprallen verschiedener Meinungen und Weltanschauungen, um überhaupt zu einer Debatte zu werden. Einer Debatte übrigens, die noch lange nicht zu Ende ist.

© Süddeutsche.de/rebr/gba
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