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Gleichstellung:Harmonie und Hormone

SAP SE co-CEO Morgan and co-CEO Klein attend the company's annual results press conference in Walldorf

Co-Chefs bei SAP: Jennifer Morgan und Christian Klein.

(Foto: Ralph Orlowski/Reuters)

Bei SAP, den Grünen, der SPD und der Berlinale agiert eine männlich-weibliche Doppelspitze. Was verrät uns das über die Gesellschaft?

Vielleicht ist im Ideenhimmel, von dem der antike Philosoph Platon sprach, ein Engel dazu bestellt, eine traurige Geige zu spielen, wenn schöne Ideen einen Knacks bekommen. Falls es diesen Engel geben sollte, dürfte er ein Begleitstück zu einem Interview gespielt haben, das Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek kürzlich dem Spiegel gaben.

Das Gespräch fand kurz vor Beginn der Berlinale statt, Deutschlands wichtigstes Filmfestival, das die beiden seit diesem Jahr gemeinsam leiten - und so priesen sie, wie sich das seit einiger Zeit gehört, zunächst doppelstimmig die Vorzüge einer Doppelspitze.

Trotz der Probleme der Berlinale wie abgesprungene Sponsoren oder ein Festivalkino, das überraschend schließt, sei genug Zeit für die Filmauswahl geblieben, sagte Rissenbeek. Darum habe sich Chatrian gekümmert, sie sei für das Organisatorische und Geschäftliche zuständig. "Mariette hielt mir den Rücken frei", pflichtete Chatrian seiner großzügigen Partnerin bei.

Das klang nun weniger nach Gleichberechtigung, sondern nach einer ziemlich klassischen Aufteilung der Aufgaben zwischen Mann und Frau. Sie räumt die Probleme weg, ärgert sich mit Sponsoren und Behörden herum, wacht über Excel-Tabellen, damit er, ganz und gar über profanem Krempel schwebend, der Berlinale die "Handschrift" verpassen kann, die von Kritikern seit Jahren so sehr vermisst wird. Auf dem roten Teppich am Eröffnungsabend des Festivals erzählte Chatrian, was für ein Chaot er sei; er könnte das ja gar nicht, was seine Co-Direktorin mache.

Viele Frauen werden dieses Argument von Männern in Bezug auf sogenannte niedere Tätigkeiten kennen. In Privathaushalten, die von einer männlich-weiblichen Doppelspitze geführt werden, wird es inzwischen mit mindestens zehnmal Altglaswegbringen bestraft.

Faire Partnerschaft im Tagesgeschäft testen

Rissenbeek und Chatrian demonstrieren, dass Doppelspitzen nicht schon per se die Antwort auf die Fragen der Geschlechtergerechtigkeit bei der Ausübung von Macht sind - ans Eingemachte geht es erst dann, wenn das Duo die Arbeit aufnimmt und die Idee der fairen Partnerschaft im Tagesgeschäft an ihre Grenzen stößt. Man konnte das in letzter Zeit leicht mal vergessen, so vertraut, fast geschwisterlich, wie Annalena Baerbock und Robert Habeck als Vorsitzende der Grünen auf Fotos die Köpfe zusammenstecken, lächelnd und leicht.

Wie sich bisweilen scheinbar zufällig ihre Körperhaltungen ähneln, wie der eine den anderen in Interviews ergänzt und in Schutz nimmt. Wahrscheinlich ist diese Harmonie mehr als nur Schauspielerei, zumindest solange die Wahlergebnisse stimmen; trotzdem steckt dahinter sorgsame Inszenierungsarbeit. Die männlich-weibliche Doppelspitze transportiert, nicht nur für die Grünen, eine politische Botschaft: die Utopie eines Raums ohne Machotum und ohne Machtgefälle.

Habeck hat dem ZDF einmal gesagt, die Doppelspitze verkörpere "ein neues Verständnis von Macht", nämlich, "dass nicht einer der große Zampano ist". Bezogen auf das Geschlechterverhältnis bedeutet das eine Kompromisslösung: Statt das Patriarchat durch das Matriarchat zu ersetzen und den (vormals einzigen) Chefposten zur Abwechslung mal mit einer Frau zu besetzen, was eventuell die Männer nicht so gut finden könnten, wird die Macht gerecht aufgeteilt.

"Doppelspitze heißt für mich doppelt stark"

Damit haben beide gewonnen, so zumindest die Hoffnung: Der Kuchen wird nicht durch zwei geteilt, vielmehr gibt es plötzlich zwei Kuchen. "Doppelspitze heißt für mich doppelt stark", sagte Baerbock der Welt am Sonntag. Natürlich nur, sofern man nicht untereinander wetteifere, "wer der Schönste und Beste im Raum ist". Zumindest dieses Problem haben sie bei der SPD derzeit nicht, die sehr bemüht, aber nicht unbedingt sexy wirkende Doppelspitze aus Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans hat es eher mit den Krümeln eines Kuchens zu tun.

Auch andere Organisationen und Unternehmen haben das "Topsharing" für sich entdeckt, das die Grünen schon seit 1991 betreiben: in jüngerer Zeit etwa der Dax-Konzern SAP. Es passt zur politischen Kultur in einer komplexen Welt, in der die Macht der einsamen Leitwölfe infrage steht, auch wenn Friedrich Merz in der CDU gerade ein Comeback versucht.

Die männlich-weibliche Doppelspitze ist gewissermaßen die große Koalition der Geschlechter. Anstatt den Job in Gottes Namen einer Frau zu geben, setzt man beide Geschlechter in die Verantwortung, auf dass sie alles Weitere unter sich ausmachen. Die Entscheider dahinter verlegen die grundlegende Weichenstellung damit in den alltäglichen Nahkampf. Und diejenigen, die den Nahkampf führen, sind fortan damit beschäftigt, zu dokumentieren, wie friedlich und symbiotisch doch alles läuft.

Die Frau steht dann, wie Mariette Rissenbeek auf dem roten Teppich bei der Berlinale, lächelnd daneben, während der Mann Geschichten erzählt. Auch eine Art Jobsharing.

© SZ vom 29.02.2020/lot
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