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Getötete Löwin in dänischem Zoo:Warum Tiere zerlegen als Unterrichtsinhalt falsch ist

Kinder wachsen mit Kuschel-Teddybären und Streichel-Haustieren auf. Dabei lernen sie nichts über die Biologie der Tiere. Aber müssen sie wirklich miterleben, wie ein Tier seziert wird?

Von Markus C. Schulte von Drach

Ein junger Löwe, getötet und öffentlich seziert vor den Augen von Kindern. Was der Zoo im dänischen Odense vergangene Woche veranstaltet hat, löste international heftige Diskussionen und Proteste aus. Ähnlich war es, als der Zoo in Kopenhagen im vergangenen Jahr die Giraffe Marius tötete und den zerlegten Kadaver an die Raubtiere verfütterte. Tierschützer weltweit kritisieren die Aktion, daran Beteiligte erhielten sogar Drohbriefe.

In Dänemark dagegen herrscht Unverständnis gegenüber der Empörung der Kritiker. Wie etwa Peter Sandøe, Bioethiker an der Universität von Kopenhagen, dem britischen Guardian sagte, sei es ganz normal, dass man mit Schulkindern einer solchen Zerlegung beiwohne. Es gehe nicht darum, zu provozieren. Vielmehr könnten solche Veranstaltungen den Kindern "die Augen öffnen für die Welt der Wissenschaft".

Gegen dieses Ziel lässt sich nichts einwenden. Aber wird es so erreicht?

Kinder wachsen mit kuscheligen Teddybären und kleinen Elefanten auf, mit sprechenden Bienen, die Maja heißen, und mit einem feigen Löwen, der eine Dorothy zum Zauberer von Oz begleitet. Falls der Nachwuchs dabei positive Assoziationen zu unseren Mitgeschöpfen entwickelt, macht das auch Sinn. Irgendwann müssen Kinder aber lernen, dass die Realität anders aussieht. Der Versuch, mit Bären zu kuscheln, ist lebensgefährlich. Bienen kommunizieren nur mit Ihresgleichen. Und Löwen sind als Reisebegleiter eher ungeeignet.

Kinder nehmen reale Tiere vor allem noch in drei Kategorien wahr:

  • Es gibt niedliche Streicheltiere wie Kaninchen und Hamster, außerdem Hunde, Katzen und Pferde. Die mag man und genießt die Unterhaltung, die sie bieten.
  • Außerdem gibt es Tiere wie Schweine, Rinder und Schafe, die uns mit Fleisch, Leder und Wolle versorgen. Was mit diesen Tieren passiert, nehmen Kinder kaum wahr und sie stellen keine Verbindung her zwischen der Wurst einerseits und dem Leid in Massentierhaltungsbetrieben und -schlachtereien andererseits.
  • Und dann gibt es noch Wildtiere, angefangen von Mücken, Schmetterlingen, Vögeln in Gärten und Parks bis zu Löwen und Elefanten in Zoos. Sie werden als Teil der einheimischen Natur wahrgenommen oder stehen für die exotische Umwelt in fernen Ländern. Auch diese Tiere wissen wir vor allem aufgrund ihres Unterhaltungswertes zu schätzen, wenn wir sie nicht - wie im Falle der Mücken - sogar als lästig empfinden.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist das alles unbefriedigend. Tiere können uns viel sagen über das Leben, seine Entstehung, seine Evolution. Tiere sind wertvolle Teile der Ökosysteme unserer Erde. Viele von ihnen sind leidensfähige Mitgeschöpfe. Kinder sollten über diese Dinge möglichst viel erfahren. Sie sollten lernen, wie Lebewesen aufgebaut sind und wie ihre und unsere Organe funktionieren. Wie wichtig etwa die Beziehungen sind zwischen Insekten, Vögeln und Pflanzen. Dass Löwen Zebras jagen, mitleidlos töten und fressen. All das lässt sich in der Schule beibringen - und steht auch auf den Lehrplänen. Es wird erklärt, an Bildern veranschaulicht, bei Exkursionen vor Augen geführt. Der Biologieunterricht ließe sich optimieren, aber er findet statt. Darüberhinaus gibt es etliche großartige Dokumentarfilme über Tiere.

Wissen, woher das Schnitzel kommt

Kinder sollten aber auch lernen, dass zum Beispiel in Deutschland jeden Tag fast 170 000 Schweine geschlachtet werden, um uns den Luxus täglichen Fleischkonsums zu ermöglichen - und dass Schweine ähnlich sensibel und intelligent sind wie Hunde, die wir nicht essen. Vielleicht sollte ihnen sogar zugemutet werden, sich das eine oder andere Bild von einem Schlachthof anzuschauen, damit sie wissen, woher das Schnitzel auf ihrem Teller kommt.

Was aber lernen Kinder, wenn ein junger Löwe öffentlich seziert wird? Zum Beispiel, dass auch ein Löwe in einem Zoo in Dänemark innere Organe hat?

Das dürfte sie nicht überraschen. Was sie aber auf jeden Fall lernen, ist: Tiere stehen uns zur Verfügung. Wir können sie essen. Wir können sie auch nach Lust und Laune einsperren, um uns unterhalten zu lassen, und wir können sie sogar umbringen, wenn wir sie nicht mehr brauchen - und aus ihrem Tod können wir sogar noch eine Schau machen.

Als omnivore Menschenaffen töten und verzehren wir Tiere wie Löwen es mit Giraffen tun, und Katzen mit Mäusen. Wir können wichtige Erkenntnisse gewinnen, wenn wir andere Lebewesen sezieren oder Experimente mit ihnen machen. Und vielleicht nutzen Zoos tatsächlich dem Erhalt der Artenvielfalt.

Auf der anderen Seite zeichnet uns eine große Empathiefähigkeit aus. Unser Mitgefühl ist eines unserer wichtigsten Talente, um Konflikte, Gewalt und Kriege zu vermeiden. Wir können dieses Mitgefühl auch im empathischen, respektvollen Umgang mit Tieren üben.

Die Lektion, die die öffentliche Zerlegung eines Löwen im Zoo von Odense für Schulkinder bedeutet, dürfte eine andere sein.

© SZ.de/olkl/rus

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