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Gesellschaft:Ein Lied wie ein Gebet

Wenn Fans "You'll Never Walk Alone" anstimmen, bekommen Fußballprofis feuchte Augen. Wie der Musicalsong zur besten Stadionhymne wurde.

Da stehen sie also in der Kurve, die Dortmunder Fans, die Kuttenträger und die Ultras, und singen vom süßen, silbernen Gesang der Lerche. Auch die Fans des Gegners AS Monaco stimmen mit ein, gleich wird an diesem Apriltag jenes Champions-League-Spiel angepfiffen, das am Tag zuvor nicht stattfinden konnte, weil Bomben am Dortmunder Mannschaftsbus explodiert waren. Der Chor Tausender Stimmen füllt das Stadion, von zerrissenen Träumen singen die Stimmen, von Hoffnung im Herzen, vom goldenen Licht am Ende des Sturms.

So viel zarte Poesie mag erstaunen an einem Ort, an dem Lieder Schlachtgesänge heißen und dem Gegner Verse gewidmet werden wie "Arschloch, Wichser, Hurensohn".

Das Lied "You'll Never Walk Alone", das die Dortmunder und Monegassen im April gemeinsam singen, ist alles andere als ein typischer Fangesang. Und doch ist aus ihm so etwas wie die internationale Hymne des Fußballs geworden. In Dortmund, Liverpool oder Glasgow intonieren die Fans das Stück vor jedem Spiel, anderswo in speziellen, emotionalen Momenten. Überall auf der Welt kennen Fußballfans diese Zeilen, den Refrain, das lang gezogene, trotzig schallende Neeeeever. Wie hat dieser Song das bloß geschafft?

Vielleicht muss man an dieser Stelle tatsächlich den ganz großen Bogen schlagen, so wie das der Dokumentarfilm über "You'll Never Walk Alone" tut, der seit Donnerstag im Kino läuft. Filmemacher André Schäfer beginnt diesen Film in maximaler Entfernung vom Bierdunst und Männerschweiß der Stehkurven, er schickt sein Publikum zunächst nach Wien und Budapest auf die Spuren des Schriftstellers Ferenc Molnárs. 1909 schrieb der Ungar das Theaterstück "Liliom". Jahre später, 1945, werden in New York die Musical-Produzenten Richard Rodgers und Oscar Hammerstein die tragische Geschichte des Antihelden Liliom in ihrem Musical "Carousel" neu erzählen. Den Schluss ändern die beiden, sie machen ihn hoffnungsvoller. Der Protagonist ist tot, hinterlässt Frau und Tochter, aber er hat sich reingewaschen von seinen Fehlern. Für diesen Moment schreiben Rodgers und Hammerstein ein Lied: "You'll Never Walk Alone".

Der kuriose Werdegang dieses Songs führt ins Liverpool der Sechzigerjahre. Die Beatles schicken sich an, aus der englischen Hafenmetropole eine Weltstadt der Musik zu machen. In dieser Zeit, so erzählt der heutige Stadionsprecher des FC Liverpool in Schäfers Film, hat auch "The Kop", die lärmende Stehplatztribüne im Stadion an der Anfield Road in Liverpool, plötzlich angefangen zu singen. Der Stadionsprecher füttert die neue Soundanlage mit den Top-Ten-Songs der National Charts. Und die Fans singen mit, vor allem bei "You'll Never Walk Alone". Gerry Marsden, Frontmann der Liverpooler Band Gerry and the Pacemakers, hatte "Carousel" im Kino gesehen, und das eine Lied am Ende hatte ihm so gut gefallen, dass er es selbst aufnehmen wollte. Anfield liebt seinen Song. "You'll Never Walk Alone" ist im Fußball angekommen.

You'll Never Walk Alone

When you walk through a storm

Hold your head up high

And don't be afraid of the dark

At the end of a storm

There's a golden sky

And the sweet silver song of a lark

Walk on through the wind

Walk on through the rain

Though your dreams be tossed and blown

Walk on, walk on

With hope in your heart

And you'll never walk alone

You'll never walk alone

Walk on, walk on

With hope in your heart And you'll never walk alone

You'll never walk alone

Jürgen Klopp, heute Trainer des FC Liverpool, darf als Kenner der Hymne bezeichnet werden, er hat sie nicht nur in Liverpool, sondern auch bei seinem Ex-Verein im Stadion gehört, bei Borussia Dortmund, wo die Fans das Lied seit 1996 regelmäßig anstimmen. Klopp sagt in Schäfers Film: "Die Hymne verbindet, sie vereint die Leute in diesem Moment. Alle denken das Gleiche. Wenn du nie allein gehst, dann geh auch ich nie allein." Das Lied ist ein gemeinsamer Weckruf, findet er, ein Signal, das leicht zu verstehen ist. "Und richtig intoniert und richtig gelebt, macht's den Unterschied."

Istanbul, 2005, Finale der Champions League. Es ist Halbzeit, ein übermächtiger AC Mailand hat den FC Liverpool in seine Einzelteile zerlegt. Spielstand 0:3. Luis García, spanischer Mittelfeldspieler bei Liverpool, wird später, nach dem Spiel, eine Erklärung suchen, nicht für die erste Halbzeit, sondern für die zweite. Er sagt: "Wir saßen in der Kabine und wir konnten den Gesang Tausender Fans von draußen hören. 'You'll Never Walk Alone'. Kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt?" Der FC Liverpool dreht in der zweiten Halbzeit das Spiel, kommt auf 3:3 heran und gewinnt das Finale im Elfmeterschießen.

Dass Fans ganze Lieder nationaler oder internationaler Stars intonieren, ist in Deutschland die Ausnahme. Fankurven haben ihre jeweils eigenen Fangesänge, Variationen der immer gleichen Melodien, sie haben Stadionhymnen, Schlachtrufe und Sprechchöre, euphorische, anfeuernde, solidarische, fordernde und huldigende, aber auch beschimpfende und ausgrenzende. Warum aber hört man diesen einen Chor heraus aus dem Singsang der Massen? Woher kommt die Tiefe, die emotionale Wucht?

Jürgen Klopp sagt, er wisse mittlerweile, wie die Leute beim FC Liverpool "ticken", und das hat auch mit der Geschichte des Vereins zu tun. Mit einem Tag im April 1989 vor allem. Die Polizei lässt damals zu viele Menschen ins Hillsborough-Stadion in Sheffield, eindeutig zu viele für den Block, der für die Liverpool-Fans vorgesehen ist. Niemand kann sich mehr bewegen. Bald können manche nicht mehr atmen. Zuschauer werden an den Zaun gepresst, andere niedergetrampelt. 96 Menschen sterben, fast 800 werden verletzt. Der FC Liverpool nimmt den Schriftzug "You'll Never Walk Alone" danach in sein Vereinswappen auf. Das Lied ist heute immer auch mit der Erinnerung an diese Katastrophe verbunden, an die Toten und die Überlebenden.

Behaltet den Kopf oben, sagt der Song, fürchtet euch nicht vor der Dunkelheit. Macht weiter. Ihr werdet niemals alleine gehen.

Schäfers Dokumentarfilm hat seine besten Momente, wenn er nah dran ist an diesen Zeilen und den Emotionen im Stadion. Man kann den Enkel von Ferenc Molnár befragen, ehemalige Balletttänzer und Lars Ricken - und natürlich auch Campino. Am meisten aber erzählt das Lied selbst, wenn es auf und neben dem Platz große Augenblicke schafft. Ein Lied wie ein Gebet.

You'll Never Walk Alone, Deutschland 2017 - Regie: André Schäfer, Buch: Hartmut Kasper, Produzent: Marianne Schäfer. Mit Joachim Król. Florianfilm Produktion, 100 Min.