Geschichtspolitik:Sturzgefährdet

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Geschichtspolitik: Runter vom Sockel? Das Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark in Hamburg.

Runter vom Sockel? Das Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark in Hamburg.

(Foto: Peter Burghardt)

Auch in Hamburg steht Otto von Bismarck nicht mehr hoch im Kurs. Doch sein Denkmal wird gerade für viel Geld renoviert.

Von Peter Burghardt

"Runter vom Sockel", empfehlen Zettel an dem Bauzaun mit Nato-Stacheldraht oben drauf, "Bismarck bye bye." Der Bismarck ist trotzdem noch da, er soll sogar bald wieder ganz gerade stehen. Er wird derzeit aufwendig verarztet auf seinem Podest im Alten Elbpark. Wie endet die Operation?

Das ist die Frage in Hamburg, wo der weltgrößte Otto von Bismarck thront. Inklusive Sockel 34,3 Meter hoch und 625 Tonnen schwer, enthüllt im Jahre 1906. Er trägt keine Pickelhaube, sondern ist in dieser Version barhäuptig, der Kopf misst 1,83 Meter. Der Eiserne Kanzler stützt sich in Form einer Rolandstatue, dem Sinnbild für Marktrecht und Freiheit, auf ein acht Meter langes Schwert. Ungefähr zwischen der Hauptkirche Michel und den Tanzenden Türmen von St. Pauli wacht er in der Pose des Feldherrn über den Hafen. In Folge von Kriegsleiden hatte er sich allerdings offenbar ganz leicht Richtung Osten geneigt, interessante Geste. Eine Art schiefer Bismarck, passend zur wackligen Reputation.

Für mehrere Millionen Euro wird der Gigant saniert, weil Risse und Feuchtigkeit im Fundament seinen Stand gefährden. Nicht auszudenken, wenn Bismarck umfiele. Oder wäre das die Lösung für diesen Streit? Die Bautafel "Instandsetzung Bismarck-Denkmal" ist mit dunkelroter Farbe bekleckst, unten liest man in schwarzen Buchstaben: "Black Lives Matter". Im Zuge der Debatten über Rassismus und Kolonialismus hat sein Image schwer gelitten, viele Hamburger waren schon früher nicht begeistert von dem Koloss, einst finanziert von hanseatischen Kaufleuten. "Peinvoll stilisiertes Götzenbild", soll es der Kunsthistoriker Alfred Lichtwark genannt haben, "eine Scheußlichkeit sondergleichen" der Komponist Rolf Liebermann. Kurios genug, dass Bundeszuschüsse für die Renovierung nicht zuletzt vom ehemaligen Hamburger SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs besorgt wurden, obwohl Bismarck zwar einst Sozialgesetze auf den Weg brachte, die Sozialdemokraten aber als "Reichsfeinde" bekämpfte.

Ein anderer, kleinerer Bismarck wurde im Hamburger Viertel Altona mit blutroten Farbbeuteln beworfen. Über die Reparatur des Granitfürsten wird gezankt. Das Denkmal hätte "sich selbst zur Ruhe gelegt, wenn nicht die Stadt beschlossen hätte, es wieder aufzustellen", sagte Jürgen Zimmerer, Professor für die Geschichte Afrikas, dem Hamburger Abendblatt. "Überall werden Denkmäler entfernt, wir bauen es für Millionen wieder auf." Dass Bismarck "persönlich gegen ein koloniales Engagement war, es aber aus innenpolitischen Gründen aktiv forcierte", wie früher oft zu lesen war, sei keine Entschuldigung, sondern Zynismus. Bismarck habe Deutschland "auf den Weg geführt, der dann in dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts gipfelte".

Andere halten dagegen: "Bismarck war kein Ideologe, sondern Realpolitiker", schreibt in derselben Zeitung Professor Ulrich Lappenküper, der zum Vorstand der Bismarck-Stiftung gehört. Der "ehrliche Makler" habe Deutschland "Einheit und Frieden gebracht" - "und Hamburg Wohlstand und Weltgeltung". Seine Schattenseiten seien bekannt, "ein Mann mit Widersprüchen in einer Epoche voller Umbrüche". Bismarck habe sogar dafür plädiert, die Herero im Schutzgebiet in Südwest-Afrika mit Waffen auszustatten, um sie "gegen Überfälle anderer Stämme zu sichern".

Ein Hamburger Notar möchte den Reichskanzler gerne mit einem Lichtschwert ausrüsten

Während seiner Amtszeit als Reichskanzler von 1871 bis 1890 erklärte das Kaiserreich das heutige Gebiet Namibias zur deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, nach seiner Ära ermordeten Deutsche dort Zehntausende Herero und Nama. Er rief auch zur Kongokonferenz, in deren Folge Afrika zwischen Kolonialmächten aufgeteilt wurde. Hamburger Unternehmer waren am Kolonialismus nicht uninteressiert.

Die Initiativen "Intervention Bismarck-Denkmal Hamburg" und "Decolonize Hamburg" fordern den Senat nun auf, die Pflege des Bismarck-Riesen zu stoppen. Was meint die rot-grüne Stadtregierung? "Das Bismarck-Denkmal repräsentiere "eine autoritäre und koloniale Vergangenheit, die im Widerspruch zu unseren heutigen Vorstellungen einer offenen, demokratischen und vielfältigen Gesellschaft steht", sagt Kultursenator Carsten Brosda, SPD. Geplant sei "eine kommentierende Ausstellung im Sockel der Statue"sowie "ein deutliches Signal im öffentlichen Raum, damit jeder, der an dem Denkmal vorbeigeht, nicht einfach ungerührt weitergeht, sondern weiß, dass es hier etwas gibt, womit er sich auseinandersetzen muss". Geklärt werden soll das mit dem Beirat zur Dekolonisierung Hamburgs und einem "künstlerischen Wettbewerb".

Der Hamburger Notar Jens Jeep regt an, den Reichskanzler aus dem Alten Elbpark mit einem Lichtschwert zu versehen, "um der Ambivalenz seiner Persönlichkeit und Historie Ausdruck zu verleihen". Es gibt dazu eine Petition, Motto "Bismarck reloaded". Mit rot, blau oder grün leuchtendem Schwert ähnelt der Bismarck reloaded den Jedi-Rittern aus "Star Wars".

Der Pastor Ulrich Hentschel, Experte für Gedenkkultur, schlug wiederum im NDR vor, rückwärts das zu wiederholen, was sich vor der Einweihung des Monuments ereignet hatte: Damals soll der Bismarck-Kopf mit einem Pferdewagen angeliefert worden sein. Warum den Schädel nicht wieder abholen? "Die Wucht muss gebrochen werden", findet Hentschel. Ein kopfloser Bismarck? Im Hamburger Architektursommer 2015 setzten Wiener Künstler der Statue einen Steinbock aufs Haupt. Damit werde der Kult "ironisch und subversiv unterwandert", teilten sie mit, "oder besser gesagt: überwandert".

Otto von Bismarck, von 1871 an Fürst von Bismarck, ruht derweil wie gehabt in Friedrichsruh am Rande von Hamburg, wo er 1898 im Alter von 83 Jahren starb. Sein Mausoleum ist für Besucher derzeit geschlossen. Aber seine Nachkommen mussten nach einem ausgedehnten Gerichtsstreit ihre Jagdgatter im Sachsenwald öffnen. Auch die Museen sind offen. Dabei wollte Bismarck jeden "zu seinem Todfeinde erklären", der ihm ein Museum errichte, soll er 1889 kurz vor seiner Entlassung als Reichskanzler gesagt haben.

Im Historischen Bahnhof Friedrichsruh werden "Otto von Bismarck und seine Zeit" in einer Dauerausstellung der Bismarck-Stiftung erläutert. Um die Ecke steht das Bismarck-Museum, in dem zum Beispiel ein geschnitzter Elfenbeinzahn auf Ebenholzfuß zu besichtigen ist, Geschenk der Kaiserin von China. Die Postkarten am Ein- und Ausgang darf man umsonst mitnehmen. Eine davon schmückt dieses Zitat von Bismarck: "Der Deutsche hat an und für sich eine starke Neigung zur Unzufriedenheit."

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