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Gefahrentrainings an US-Schulen:Manche Eltern fordern Schusswaffen für die Lehrer

Wer mal bei so einer Übung dabei gewesen ist, der weiß, dass es nichts mit dem gemein hat, was man als ehemaliger Schüler eines bayerischen Gymnasiums unter "Probealarm" versteht. An dem Zaun, über den mein Sohn klettern will, steht ein Polizist mit gezogener Waffe und dirigiert die Schüler nach draußen. Er zeigt ihnen, wo sie sich verstecken können und wohin sie laufen sollen. Die Kinder machen mit, es ist mehr Spiel als Ernst, auch wenn ihnen bei der Präsentation davor eingetrichtert wurde, dass ihr Leben davon abhängen könne, wie sie sich in diesem Moment verhalten.

Wie wichtig das richtige Handeln der Schüler und Lehrer bei einem Amoklauf ist, hat im November 2017 ein Amoklauf in Nordkalifornien gezeigt. Dabei versuchte der Attentäter auch, in eine Grundschule einzudringen. Die befand sich allerdings schnell im Lockdown-Modus. Der Täter feuerte etliche Schüsse auf die Schule, doch niemand wurde getötet.

"Es besteht kein Zweifel, dass das schnelle Handeln der Schulverantwortlichen dafür gesorgt hat, dass unzählige Leben gerettet worden sind", sagt Phil Johnston, der stellvertretende Sheriff im Bezirk Tehema. Schüler und Lehrer hätten sich vorbildlich verhalten, sie hätte die Klassenzimmer verbarrikadiert und sich an den exakt richtigen Orten versteckt. Daran, was ohne Lockdown passiert wäre, will Johnston gar nicht denken.

Sie sind sinnvoll, diese Lockdown-Übungen, da sind sich Politik, Polizei und Bevölkerung ausnahmsweise mal einig. Manchen Eltern geht das aber nicht weit genug. Sie fordern vehement, die Lehrer endlich mit Schusswaffen auszustatten, damit sie sich gegen einen Attentäter wehren können - auch an der Schule meines Sohnes.

Gefahr gehört zum Alltag im Paradies

Wollt ihr wirklich noch in diesem Land leben, fragen uns immer häufiger auch unsere Freunde aus Deutschland. Wir reagieren darauf mit einer Mischung aus wegschauen und schönreden. Wir blenden die Tatsache, dass Erdbeben, Waldbrände und Attentäter in Hermosa Beach zur Realität gehören gerne aus und beruhigen uns mit Studien, die den Schülern bei Lockdown-Übungen präsentiert werden. Diese besagen, dass die Wahrscheinlichkeit doch sehr gering ist, dass es einen selbst erwischt.

Vielleicht ist das Verstörende an diesen Übungen nicht, dass es sie gibt, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie angekündigt und durchgeführt werden - und der lapidare Umgang von Schülern, Lehrern und Eltern damit. Gefahr gehört nun mal zum Alltag in diesem Paradies, also nimmt man sie gleichmütig hin wie Sonnenschein und Ozean.

Mein Sohn spricht auf dem Heimweg über den Drill, wie er über Mathe spricht: nicht besonders aufregend, nicht besonders interessant, muss man halt durch. Er wisse durch das Videospiel "Fortnite", bei dem es ums Überleben auf einer Insel gegen 99 Attentäter geht, wo man sich am besten versteckt, wenn jemand eine Waffe hat und man selbst nicht. Er kenne deshalb den Unterschied zwischen Pistole, Schrotflinte und Schnellfeuerwaffe. Man ist eine Sekunde lang froh über die Entscheidung, ihm das Spielen erlaubt zu haben - und bemerkt dann, wie dumm dieser Gedanke doch ist zu glauben, dass ausgerechnet ein Spiel wie Fortnite dabei helfen könnte, einen Amoklauf zu überleben.

Mein Sohn weiß, dass es Amokläufe gibt in diesem Land. Er weiß, dass es auch seine Schule treffen kann. Er weiß, was er bei einem Amoklauf tun muss: weglaufen, verstecken, kämpfen, notfalls mit Glasscherben und Murmeln.

© SZ vom 15.12.2018
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