Frühe Schwangerschaften Das junge Glück

Frauen schieben das Kinderkriegen oft hinaus - bis es zu spät ist. In Sachen Lebensplanung können sie viel von Müttern unter 20 lernen. Zwei Geschichten von jungen Frauen, die eine frühe Mutterschaft stark gemacht hat.

Von Harald Hordych

Und manchmal, insgeheim, wünscht Saskia aus Hamburg ihren besten Freundinnen nichts Gutes. Nämlich etwas, das sie selbst schon erlebt hat. Sie wünscht ihnen, schwanger zu werden, ohne es geplant zu haben.

"Er ist mir gut gelungen": Saskia mit ihrem Sohn Tom.

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Saskia hat Freundinnen, die warten und warten und warten. Auf den richtigen Zeitpunkt für das erste Kind, und während sie warten, werden sie, wenig überraschend, älter. Wenn sie noch länger warten, dann werden sie ihr erstes Kind vielleicht auf die Welt bringen, wenn Saskia schon Großmutter geworden ist; theoretisch ist alles möglich.

Saskia weiß aber, dass eines praktisch unmöglich ist, nämlich den idealen Zeitpunkt für die Geburt eines Kindes zu finden. "Den gibt es nicht", sagt sie und lächelt ein kleines bisschen, gerade eben genug, um zu zeigen, dass sie sich selbst ganz sicher ist. "Es gibt zu viele Sachen, die man glaubt, haben zu müssen. Wie einen Katalog, den man abarbeitet: Finanziell so gut wie möglich absichern. Eine gute Arbeit haben. Eine feste Beziehung. Mit dem Partner, mit dem man ein Kind haben möchte. Auf all das zu warten, ist gefährlich. Und dann, ab 35, tickt plötzlich die biologische Uhr."

Saskia Gatermann ist 27. Ihr Sohn Tom ist sieben.

Saskias Freundinnen sind jetzt Ende 20, Anfang 30. Bei Saskia hielt die sogenannte biologische Uhr das erste Mal an, als sie 20 war. Da brachte sie Tom auf die Welt. Tom war ein Wunschkind - das sie lieber ein paar Jahre später bekommen hätte. Schlecht verhütet, sagt sie lapidar.

Kann eine junge Mutter heutzutage so etwas wie ein Vorbild sein? Oder ist sie doch nicht mehr als ein exotisches Objekt für die Nachmittagstalkshow, wo sie über ihr vermeintlich verpfuschtes Leben berichtet? Kann sie in Zeiten, in denen Mütter immer länger warten, bis sie ein Kind bekommen, etwas vorleben, was bei dem Versuch, Karriere und Kind in einen Einklang miteinander zu bringen, fast in Vergessenheit geraten ist? Zum Beispiel den Mut, früh ein Kind zu bekommen?

Die Möglichkeit, Saskia in einem Café im Hamburger Stadtteil Tonndorf zu treffen, ist dem Buch "Teenager-Mütter" von Antje Diller-Wolff (Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2011) zu verdanken. Darin lässt die Journalistin elf junge Frauen aus ihrem Leben berichten. Es ist immer ein Leben, das durch die Geburt eines Kindes gehörig durcheinandergebracht wurde, weil der Zeitpunkt alles andere als günstig war. Kinder, die Kinder zur Welt bringen (wie gern gesagt wird), haben es sehr schwer. Zumal so etwas in unserer Gesellschaft als eine Art Verfehlung angesehen wird. Als asozial beschimpft zu werden, ist eine Erfahrung, die vielen nicht erspart geblieben ist.

Dieses Buch macht auch keinen Hehl daraus, dass die Skepsis unserer Gesellschaft gegenüber einer sehr frühen Mutterschaft durchaus gerechtfertigt ist. Antje Diller-Wolffs Protagonistinnen erzählen nicht selten traurige Geschichten.

Wenn Frauen in diesem Land deutlich früher als der Durchschnitt Kinder auf die Welt bringen, dann stecken allzu oft Armut, Alkoholismus, häusliche Gewalt, Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit oder ein bestimmtes Schicksal dahinter. Die Geschichten handeln überdies von der harten Erfahrung, dass es zwar zwei Menschen braucht, um ein Kind zu zeugen. Dass deswegen aber nicht zwangsläufig beide Beteiligten die Kraft finden, sich der großen Aufgabe zu stellen. In fast allen Fällen machte die frühe Schwangerschaft aus jungen Müttern junge Alleinerziehende.

Nichtsdestotrotz steckt in diesen früh von Überforderung, Frustration und Sorgen geprägten Lebensläufen auch etwas, das der Diskussion über weibliche Lebensplanung Impulse geben kann. Denn die Botschaft einer Frau wie Saskia lautet: Ein Kind früher als geplant zu bekommen, hat Vorteile - vor allem wenn es nicht zwangsläufig bedeutet, sich von seinen Zielen und Plänen verabschieden zu müssen.

Bei ihrer mündlichen Fachabiturprüfung lag der ein paar Wochen alte Tom neben ihr im Maxi-Cosi. Sie schloss ihr Studium in Sozialpädagogik ab. Heute berät sie in einer Beratungsstelle für Eltern von null bis drei Jahren mitunter junge Frauen, die dieses Schicksal mit ihr teilen. Saskia Gatermann ist glücklich mit ihrem beruflichen Erfolg - und ihrem Leben mit Tom: "Jetzt genieße ich das. Der ist mir gut gelungen." Vielleicht nicht alle, aber viele ihrer Freundinnen beneiden Saskia, dass sie beides hat.

Wenn deutsche Frauen heutzutage ihr erstes Kind bekommen, sind sie im Durchschnitt 30 Jahre alt. Fast jede fünfte Frau ist älter als 35. Und selbst diejenigen, die gar zum ersten Mal mit über 40 Mutterfreuden entgegensehen, sind keine Minderheit mehr. Abgesehen von den Vorteilen, die viele Frauen in der späten Mutterschaft sehen, gibt es auch Nachteile, die Frauen (und ihren Partnern) zu denken geben.

Die Gefahr, ein behindertes Kind zu gebären, ist - wie statistisch belegt - deutlich höher, die Belastungen von Schwangerschaft und Elternschaft müssen von älteren Menschen bewältigt werden, und wenn die Kinder erwachsen sind, sind die Eltern alt, zumindest viel älter als die Eltern-Generation der 60er und 70er Jahre, die danach (wenn sie wollten) noch mal durchstarten konnten.

Wenn, ja wenn der immer wieder nicht erfüllte, auf später aufgeschobene Kinderwunsch überhaupt noch erfüllt wird. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Sylvia Ann Hewlett schrieb ihr berühmtes Buch "Creating a Life -What Every Woman Needs to Know about Having a Baby and a Career", weil sie eigentlich ein ganz anderes schreiben wollte. Als sie die Interviews für ein Buch über beruflich erfolgreiche Frauen führte, stellte sich heraus, dass keine von ihnen Kinder hatte. Alle oder fast alle hatten Kinder gewollt: Keine hatte dieses Ziel erreicht.

Sylvia Ann Hewlett entschloss sich, ein Buch zu schreiben, das Frauen den Weg aufzeigt, wie sie Karriere und Kinder zur gleichen Zeit haben können (so wie Männer auch). Sie wollte ihnen eine Vorstellung geben, dass sich beides nicht zwangsläufig hintereinander abspielen muss. Die Autorin empfand den Erfolg ihres Buches als überwältigend - und als Zeichen, wie sehr Frauen auf ein Zeichen gewartet hatten. Anfang des Millenniums war bereits die Zeit angebrochen, als Arbeitgeber aufhörten, wie besessen auf die Stechuhr zu starren und Arbeitsleistung und Arbeitszeit als untrennbar zu betrachten. Sylvia Ann Hewlett machte deutlich, dass Arbeitgeber Modelle anbieten, die Frauen Kind und Karriere ermöglichen, zumindest in Amerika.

Aber was hat das alles, was haben ungewollte Schwangerschaften, Mutter-Kind-Heime, Zweifel, Krisengespräche für eine Aussagekraft in Zusammenhang mit dem Entschluss von häufig akademisch ausgebildeten, beruflich erfolgreichen, sozial abgesicherten Frauen zu tun, vielleicht doch früher Kinder zu bekommen? Auf den ersten Blick nicht viel.

Jeanette Holsten, 20, stammt aus einer kleinen Stadt, 40 Kilometer von Hamburg entfernt. Ihre Mutter war alleinerziehend und alkoholkrank. Jeanette war 13, als ihre Mutter ihr zum ersten Mal erlaubte mitzutrinken, wenn sie zu der Clique ging, die sich zum Saufen tagsüber auf einem Platz in Rotenburg/Wümme versammelte. "Dort fügte ich mich gut ein." Jeanettes Mutter hatte ihre Tochter mit 18 Jahren bekommen. Jeanette wurde mit 17 Mutter. Der Vater von Jeanettes Tochter trank, nahm Drogen, war wegen Diebstahl beim Jugendamt bekannt. Die Zeichen standen auf: Katastrophe.

Jeanette trägt ihre langen dunklen Haare offen, sie ist groß und lächelt oft, ein bisschen verlegen. Manchmal erinnert ihre Gestik an die eines Kindes, zum Beispiel wenn sie die Hände zwischen die Beine steckt oder sie unter ihre Oberschenkel klemmt, als wollte sie sie verstecken. Erst als sie von ihrem Beruf erzählt, befreien sich ihre Hände. Sie sind wichtig in Jeanettes Leben, sie waschen, reichen, tragen und halten. Jeanette hat eine feste Anstellung in einem Heim für behinderte Menschen. Ihr Praktikum hat sie so gut gemacht, dass ihr sofort eine Ausbildungsstelle angeboten wurde. Außerdem hat sie den erweiterten Realschulabschluss geschafft, und jeweils ein Jahr die Berufsfachschule Sozialpflege und das Fachgymnasium Gesundheit und Soziales besucht. Währenddessen hat sie ein Kind zur Welt gebracht und die Verantwortung dafür allein getragen. Und ihre Mutter beerdigt, die mit 38 an Leberzirrhose gestorben ist.