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Finanzkrise in Spanien:Nachbarn protestieren mit Trillerpfeifen und Transparenten

Am nächsten Morgen um acht, in der Calle Sierra de Palomeras. Sozialer Wohnungsbau im Südosten von Madrid, ein Klinkerblock. Im vierten Stock tigert Ahmed el Jaidi durch seine kleine Wohnung. Er hat vier Kinder, sie sind gerade alle aus dem Haus, die großen in der Schule, die kleine Tochter ist mit der Mutter zu Verwandten gegangen, sie soll nicht mitbekommen, was heute passiert. "So was läuft ja oft rabiat ab", sagt Jaidi. Mit "so was" meint Jaidi die vielen Tausend Räumungen, die in Spanien stattfinden: Ein Gerichtsvollzieher kommt in Begleitung der Polizei und wirft die Familie auf die Straße, ein Schlüsseldienst tauscht die Schlösser aus, das war's.

Das Haus, in dem Jaidi lebt, wurde vor einem Jahr privatisiert, die Miete hat sich seither verdoppelt. Im Januar wurde Jaidi nach 20 Jahren als Reinigungskraft entlassen. Er sagt, die Firma schulde ihm eine Abfindung. Jetzt hat er 8000 Euro Mietschulden. "Was soll ich machen, entweder die Kinder werden satt, oder ich zahle Miete." In der Küche steht ein gepackter Koffer, für den Fall, dass sie nachher tatsächlich räumen.

Vor dem Haus stehen sechzig, siebzig Leute mit Transparenten, Trillerpfeifen: Studenten, Rentner, Nachbarn. Auf der anderen Straßenseite scheinen vier Polizisten auf Verstärkung zu warten, nervös schauen sie die Straße auf und ab. Hier oben, vor Jaidis Wohnungstür, haben sich 15 Leute mit einer schweren Eisenkette aneinandergebunden. Zwei Frauen verriegeln von innen die Treppenhaustür, sie singen "No pasaran!"

Dem Gerichtsvollzieher einen Schritt voraus

Einer zeigt seine blauen Flecken her, in der Nierengegend, an den Oberarmen: eine Entmietung vor drei Tagen. Zuweilen greift die Polizei hart durch. Die meisten, die hier im Treppenhaus sitzen oder vor der Haustür stehen, haben schon einige solcher Aktionen hinter sich: Sie alle sind Aktivisten der Plataforma de Afectados por la Hipoteca (PAH, Plattform der Hypothekengeschädigten), eines Vereins, der sich zum Ziel gesetzt hat, einzelne Räumungen zu verhindern und die Räumungen generell politisch verbieten zu lassen. Auf der Webseite der Plattform kann man sehen, wo der Gerichtsvollzieher mit Polizei im Schlepptau an diesem Tag klingeln wird.

Wo sind die Vertriebenen alle hin? Und wo soll Ahmed nun hin? Die meisten schlüpfen bei Verwandten unter. Ahmed zuckt mit den Schultern. "Ich habe Geschwister, aber Platz für fünf Leute hat keiner von denen."

Vor zwei Tagen hat sich ganz in der Nähe von Ahmeds Wohnung eine Frau das Leben genommen, nachdem sie die Räumungsankündigung im Briefkasten gefunden hatte. Sie hinterlässt sechs Kinder. Und 957 Euro Mietschulden.

Serie von Selbstmorden

Als es losging mit den Selbstmorden, sagten die Banken, das seien psychisch labile Menschen, die mit ihren Depressionen halt zum Therapeuten hätten gehen sollen. Aber die Fälle häuften sich. Oder berichten nur die Medien mehr darüber? Die PAH führt auf ihrer Website eine "Liste der Selbstmorde aufgrund der Krise". Die letzten drei Einträge stammen vom 10., 17. und 27. September. Auch Matilda, die 62-jährige Schuldnerin aus dem Stuhlkreis, hat versucht, sich umzubringen. Andererseits stehen auf der Liste gerade mal 15 Fälle aus fünf Jahren. Und es ist sehr schwer, solche Taten monokausal zu begründen.

Vor dem Haus wird es laut: Vier Mannschaftswagen der Polizei rollen an, die Männer, die aussteigen, sind in voller Kampfmontur, Helme mit Plastikvisieren, Knieschützer, Stiefel. Die Demonstranten ziehen sich in den Hauseingang zurück, sie halten ihre Spruchpappen wie Schutzschilder vor sich: "Vecino, despierta, desahucian en tu puerta!" Nachbar, wach auf, sie räumen vor deiner Tür.

Vor dem Haus verhandelt ein Anwalt der Plattform mit dem Gerichtsvollzieher: Ahmeds ehemaliger Arbeitgeber schuldet ihm noch eine Abfindung, er war 20 Jahre bei der Firma angestellt. Der Anwalt kann es beweisen, er hat eine Kopie von Ahmeds altem Arbeitsvertrag dabei. Der Gerichtsvollzieher, dem die ganze Situation unangenehm ist, sieht sich das Schreiben an, schaut kurz zu den Demonstranten rüber, winkt ab und einigt sich dann mit dem Anwalt. Die Polizisten, die schon die Visiere runtergeklappt und nur noch auf ihren Einsatzbefehl gewartet haben, steigen wieder in die Mannschaftswagen ein. Die Menge jubelt, die Leute umarmen einander, einer ruft den Polizeiwagen hinterher: "Wie viele wollt ihr noch umbringen?!" Jaidi dankt allen per Megafon. Es ist ein Jubel, als hätte Jaidi gerade seine Wohnung überschrieben bekommen.

Sieg auf Zeit

Wie gesagt, Ahmed el Jaidi hat Mietschulden von 8000 Euro. Wie er bis zum 6. November das Geld auftreiben soll, weiß keiner. Da wird dann endgültig geräumt. Was macht er dann? El Jaidi zuckt mit den Schultern. "Ich hol' jetzt erst mal meine kleine Tochter nach Hause." Und die Demonstranten? Was machen die? "Wir kommen am 6. November wieder."