Familien-Newsletter:Soll man Kinder zu Demos mitnehmen?

Dem Nachwuchs beizubringen, dass man für Demokratie auch etwas tun muss, ist eine gute Sache. Doch sollte man dabei nicht aus den Augen verlieren, dass Veränderung als allererstes Sache der Erwachsenen ist.

Ein Newsletter von Moritz Baumstieger

Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der Süddeutschen Zeitung, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,

soll man Kinder mit zu politischen Kundgebungen nehmen?

Mir stellte sich diese Frage vergangenen Sonntag aus ganz praktischen Gründen: Ich wollte in die Münchner Innenstadt zum Demonstrieren, mein Sohn wollte zu seinem Freund Josef, das Bundesligaspiel Bayern gegen Bremen schauen. Weil beide Events nacheinander stattfanden und mit derselben U-Bahnlinie erreichbar waren, wollten wir sie verbinden - und steckten wie Tausende andere Münchner erst einmal fest. Glücklicherweise sind wir rechtzeitig ausgestiegen und zu Fuß gegangen.

Ich kann nachvollziehen, dass manche Menschen es eher befremdlich finden, wenn Dreijährige "FCK NZS"-Schilder aus dem Buggy recken und Fünfjährige "Ganz München hasst die AfD" skandieren. Da lässt man seine Kinder nicht taufen, damit sie ihre Glaubensentscheidung später selbst und aus freien Stücken treffen können, gibt höchstens klitzekleine Hinweise, was bei der Frage "TSV 1860 oder FC Bayern?" die richtige Sichtweise ist, animiert sie dann aber dazu, politische Parolen nachzuplappern, die sie nicht oder nur in Teilen verstehen. Andererseits ist es natürlich gut, wenn schon Kinder lernen, dass man sich engagieren muss, wenn man Erhaltenswertes auf dieser Welt bewahren und Veränderungswürdiges verbessern will. Mareen Linnartz und Ronen Steinke diskutieren die Frage, ob man Kinder mit zu Demos nehmen soll, in diesem Pro und Contra.

Als ich etwa so alt war wie mein Sohn heute - neun Jahre, dritte Klasse - habe ich in unserem Ort eine Petition zum Erhalt eines Biotops an den Bürgermeister geschrieben und mit einem Gemälde illustriert. Der Tümpel wurde dennoch zugeschüttet und ein Bahnsteig für den Ausbau der S-Bahnstrecke darüber gebaut. Im Sinne meines Verständnisses von Umweltschutz damals war das eine Katastrophe ("Wo sollen jetzt die Kröten wohnen?"), im Sinne der Verkehrswende vielleicht doch ganz sinnvoll.

Wie sich man erfolgreich für "die gute Sache" einsetzt (was immer die sein mag), bringt der jungen Generation heute ein ganzes Genre an Kinder- und Jugendbüchern bei, wie meine Kollegin Kathleen Hildebrand beobachtet hat. Sie fragt sich nur: Ist es eine gute Idee, der kommenden Generation all die schweren Rucksäcke aufzubürden? Bevor wir unsere Kinder zu Aktivisten drillen, sollten wir vielleicht selber versuchen, die Probleme der Welt zu schultern.

Was denken Sie? Ich freue mich, wenn Sie mir schreiben.

Ein schönes Wochenende wünscht

Moritz Baumstieger

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