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Der Seitensprung und seine Folgen:Rache ist weiblich

sueddeutsche.de: Bleibt die Frage: Wodurch genau fliegt man auf?

Beer: 44 Prozent der betrogenen Männer und 46 Prozent der betrogenen Frauen kommen dem Partner selbst auf die Schliche. Ein Drittel der Männer erfährt den Seitensprung direkt von der Partnerin, die Frauen können nur zu 25 Prozent auf so viel Offenheit hoffen. In etwa 20 Prozent aller Fälle erfährt der andere es durch Zufall.

sueddeutsche.de: Worunter leiden die Betrogenen am meisten, gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede?

Beer: Mein Eindruck ist, dass es keinen Unterschied gibt. Auch ein Mann leidet oft bereits schon dann, wenn seine Frau einen anderen "nur" küsst. Ein Klischee jedoch, auf das sich Männer oft berufen, hält sich hartnäckig: "Es war ja nur Sex!" Aber das zieht nicht. Es ist eher traurig, dass man sich auch noch rausredet.

sueddeutsche.de: Gibt es nicht auch Paare, die das wirklich trennen - echte Gefühle und reinen Sex?

Beer: Solche offenen Partnerschaften sehen ganz schnell anders aus, wenn es tatsächlich passiert. Viele Paare sagen dann oft: Dass es uns so trifft, hätten wir nicht gedacht.

sueddeutsche.de: Aber es gibt Paare, die leben das aus Überzeugung.

Beer: Ich würde auch nicht sagen, dass so etwas nicht funktioniert. Aber es ist ein Unterschied, sich das nur vorzustellen und es wirklich zu erleben.

sueddeutsche.de: Reagieren Frauen und Männer unterschiedlich auf Betrug?

Beer: Frauen reagieren gereizter und wütender. Hier liegt der einzige große Geschlechterunterschied, den wir gefunden haben. Etwa doppelt so viele Frauen wie Männer empfinden Hass gegenüber ihrem Partner, fast doppelt so viele Frauen (40 Prozent) wie Männer (22 Prozent) wollen den anderen für seinen Seitensprung bestrafen.

sueddeutsche.de: Und wie sieht es mit echter Rache aus - zerschneidet sie auch mal in Rage seinen Armani-Anzug?

Beer: 30 Prozent der Frauen, aber nur neun Prozent der Männer lassen ihre Wut am anderen auch wirklich aus. Rache ist also eher weiblich, das kann man so sagen.

sueddeutsche.de: Wie kommt das? In der Regel sind wir doch recht vernünftige Wesen.

Beer: Unsere Hypothese lautet: Männer haben mehr Erfahrung mit Wut und Aggression. Es gehört zum Mannsein dazu, sowohl Wut zu haben als auch Opfer von Aggression zu sein. Aufgrund dieser Erfahrung haben Männer gegenüber der Partnerin eine stärkere Aggressionsbremse.

sueddeutsche.de: Seitensprung-Agenturen boomen. Gibt es einen erhöhten Bedarf?

Beer: Ich glaube, diese Einrichtungen bieten nur eine weitere Möglichkeit. Im Prinzip ist die Agentur das, was früher der Zuhälter war. Nur, dass nun beide Seiten für den Sex bezahlen.

sueddeutsche.de: Die Agentur als Kuppler?

Beer: Ja, indem sie eine Hemmschwelle beseitigt, die einen Seitensprung verhindern würde. Die Agentur sagt: Wir bieten euch die Gelegenheit ...

sueddeutsche.de: ... also eine Art Marktlücke.

Beer: Ich bin kein Wirtschaftler, aber die würden das wahrscheinlich so ausdrücken. Bei jemandem, der sexuell unzufrieden ist, trifft so ein Angebot auf fruchtbaren Boden. Was die Betreiber nicht interessiert, sind die Konsequenzen daraus.

sueddeutsche.de: Eine Agentur ist auf den Vorsatz zu betrügen angewiesen. Einfach so, wie in einer Bar oder auf einem Fest, passiert das ja nicht.

Beer: Nur wenige Seitensprünge sind One-Night-Stands. Die meisten gehen über einen längeren Zeitraum, und da ist dann auch Vorsatz im Spiel.

sueddeutsche.de: Geben Sie uns einen professionellen Rat: Würden Sie einen Seitensprung gestehen?

Beer: Auf gar keinen Fall würde ich dazu einen festgelegten Rat geben. Das ist eine absolut individuelle Entscheidung, da mischen wir uns nicht ein. Mit Hilfe unserer Studien informieren wir die Leute lediglich darüber, was dafür oder dagegen sprechen könnte. Die Folgen, wenn es der Partner gesteht, sind jedenfalls nicht so heftig, als wenn es durch Zufall oder andere Umstände herauskommt. Das Vertrauen ist dann stärker beschädigt.

sueddeutsche.de: Also gar kein Rat vom Experten?

Beer: Natürlich ist klar: Am besten gar keinen Seitensprung anfangen. Der beste Weg ist, die Partnerschaft zu pflegen und vor allem die Sexualität, weil die ja besonders vernachlässigt wird. Das Bild vom notorisch Untreuen trifft nur auf die wenigsten Menschen zu. Es ist vor allem die sexuelle Unzufriedenheit, die den fruchtbaren Boden für die Gelegenheit zum Betrug bildet.