Süddeutsche Zeitung

Der Seitensprung und seine Folgen:Rache ist weiblich

Lesezeit: 6 min

Frauen gehen fremd, genau wie Männer. Nur in einem Punkt sind sie schlimmer: So wie sie wird kein Mann sauer. Ein Gespräch mit dem Paartherapeuten Ragnar Beer über Untreue und die Konsequenzen.

Violetta Simon

Dr. Ragnar Beer ist seit 1996 Leiter des Projekts "Theratalk" an der Georg-August-Universität in Göttingen. Der Paartherapeut mit Forschungsschwerpunkt Sexualiät untersucht die Gründe und Auswirkungen von Untreue auf die Partnerschaft.

sueddeutsche.de: Warum gehen wir fremd - entspricht es unserer Veranlagung?

Ragnar Beer: Dass es in unserer Natur liegt, geben unsere Daten nicht her. Sie belegen jedoch, dass sexuelle Unzufriedenheit der häufigste Grund für einen Seitensprung ist. Bei zwei Drittel aller Paare ist einer von beiden unzufrieden.

sueddeutsche.de: Die sexuelle Zufriedenheit wiederum liegt bekanntlich in der Hand beider Partner.

Beer: Dennoch wird darüber am meisten geschwiegen. Obwohl unsere Gesellschaft stark sexualisiert ist, ist dieses Thema nach wie vor mit großer Scham behaftet. Den meisten Menschen fällt es leichter, über Sexszenen in einem Film zu spotten oder allgemeine Kommentare zum eigenen Sex abzugeben, als konkret die eigenen Bedürfnisse zu formulieren. Dabei wäre gerade das entscheidend. Wir wollen den Leuten klarmachen, was auf sie zukommt, wenn sie ihre sexuellen Wünsche vernachlässigen.

sueddeutsche.de: Immer wieder liest man vom "Volkssport Fremdgehen" und neuesten Studien, die angeblich belegen, dass die Anzahl der Seitensprünge gestiegen ist ...

Beer: Ich halte von solchen Studien nicht viel - kaum jemand gibt zu solchen Untersuchungen eine ehrliche Antwort am Telefon. Uns interessiert mehr: Welche Probleme ergeben sich daraus, wenn es passiert ist - für beide Seiten.

sueddeutsche.de: Aber Sie werden in Ihrer beruflichen Laufbahn doch mit Informationen in Berührung gekommen sein, die sich mit der Frage auseinandersetzen, ob heute häufiger betrogen wird als früher oder nur mehr darüber geredet wird?

Beer: Es ist müßig, darüber zu spekulieren. So viel kann ich sagen: Ich könnte mir vorstellen, dass heute eine größere Akzeptanz herrscht. Zudem leben wir in einer individualisierteren Gesellschaft als vor 50 Jahren, es gibt mehr anonyme Kanäle, um sich kennenzulernen.

sueddeutsche.de: Wir haben also mehr Gelegenheiten als früher?

Beer: Bedingt. Damals war der Mann den ganzen Tag in der Arbeit, die Frau zu Hause. Dann kam eben der berühmte Milchmann - so gesehen ist es kein großer Unterschied. Doch man lebt inzwischen mehr für sich, kann sich leichter verstecken, weil es weniger soziale Kontrolle gibt.

sueddeutsche.de: Eine Tageszeitung titelte kürzlich: "Jede zweite Ehefrau geht fremd" ...

Beer: Woher wissen die das?

sueddeutsche.de: Die berufen sich auf Ihre Theratalk-Studie.

Beer: Dann haben die wohl etwas falsch verstanden.

sueddeutsche.de: Moment, in dem Artikel steht, dass 55 Prozent der Frauen und 49 Prozent der Männer schon einmal eine Affäre hatten.

Beer: An unserer Studie nahmen aussschließlich Untreue teil. Davon sind 55 Prozent Frauen, 45 Prozent Männer. Mit dem Anteil der Untreuen in der Gesamtbevölkerung hat das nichts zu tun.

sueddeutsche.de: Angenommen, es wäre aber so: Ließe das darauf schließen, dass die Frauen in ihrer Sexualität selbstbewusster geworden sind?

Beer: Eine erhöhte Anzahl an Seitensprüngen stünde nicht gerade dafür, im Gegenteil. Denn, wie gesagt, einer der Hauptgründe ist ja die sexuelle Unzufriedenheit in der Partnerschaft - das immerhin haben Studien eindeutig belegt.

sueddeutsche.de: Haben Frauen, die eine Affäre haben, heutzutage noch ein Imageproblem?

Beer: Ich denke, jeder, der seinen Partner betrügt, hat ein Imageproblem. Wenn ein Paar zu mir kommt, sind beide völlig fertig und brauchen Hilfe. Was die Gesellschaft dazu sagt, ist in dem Moment nicht von Belang.

sueddeutsche.de: Nun ja, immerhin existiert bislang kein männlicher Begriff für "Flittchen" ...

Beer: Man muss da etwas unterscheiden: Männer brüsten sich eher damit, wenn sie jemanden rumkriegen. Aber nicht damit, dass sie ihre Frau betrügen.

sueddeutsche.de: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Seitensprung herauskommt?

Beer: Statistisch gesehen liegt sie bei um die 60 Prozent. Übrigens fliegen die Männer öfter auf: Bei 63 Prozent kommt die Affäre ans Licht, bei den Frauen sind es 58 Prozent.

sueddeutsche.de: Dann sind Frauen eiskalt und raffiniert?

Beer: Das würde ich nicht so formulieren. Frauen sind tendenziell sozial geschickter und daher auch sensibler, wenn sie betrogen werden. Deshalb können sie einen Seitensprung besser vertuschen. Man sollte annehmen, dass, je länger eine Affäre dauert, desto größer ist die Chance, dass sie bekannt wird. Das trifft aber nur für die Männer zu. Frauen können sich länger verstellen und besser geheimhalten, und zwar ganz gezielt.

sueddeutsche.de: Das heißt, die Wahrscheinlichkeit nimmt nicht zu, obwohl sie sogar mit ihren Freundinnen darüber sprechen?

Beer: Ja. Männer sind nicht so geschickt beim Lügen. Auch Lügen hängt eben mit sozialer Geschicklichkeit zusammen.

Rache ist weiblich

sueddeutsche.de: Bleibt die Frage: Wodurch genau fliegt man auf?

Beer: 44 Prozent der betrogenen Männer und 46 Prozent der betrogenen Frauen kommen dem Partner selbst auf die Schliche. Ein Drittel der Männer erfährt den Seitensprung direkt von der Partnerin, die Frauen können nur zu 25 Prozent auf so viel Offenheit hoffen. In etwa 20 Prozent aller Fälle erfährt der andere es durch Zufall.

sueddeutsche.de: Worunter leiden die Betrogenen am meisten, gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede?

Beer: Mein Eindruck ist, dass es keinen Unterschied gibt. Auch ein Mann leidet oft bereits schon dann, wenn seine Frau einen anderen "nur" küsst. Ein Klischee jedoch, auf das sich Männer oft berufen, hält sich hartnäckig: "Es war ja nur Sex!" Aber das zieht nicht. Es ist eher traurig, dass man sich auch noch rausredet.

sueddeutsche.de: Gibt es nicht auch Paare, die das wirklich trennen - echte Gefühle und reinen Sex?

Beer: Solche offenen Partnerschaften sehen ganz schnell anders aus, wenn es tatsächlich passiert. Viele Paare sagen dann oft: Dass es uns so trifft, hätten wir nicht gedacht.

sueddeutsche.de: Aber es gibt Paare, die leben das aus Überzeugung.

Beer: Ich würde auch nicht sagen, dass so etwas nicht funktioniert. Aber es ist ein Unterschied, sich das nur vorzustellen und es wirklich zu erleben.

sueddeutsche.de: Reagieren Frauen und Männer unterschiedlich auf Betrug?

Beer: Frauen reagieren gereizter und wütender. Hier liegt der einzige große Geschlechterunterschied, den wir gefunden haben. Etwa doppelt so viele Frauen wie Männer empfinden Hass gegenüber ihrem Partner, fast doppelt so viele Frauen (40 Prozent) wie Männer (22 Prozent) wollen den anderen für seinen Seitensprung bestrafen.

sueddeutsche.de: Und wie sieht es mit echter Rache aus - zerschneidet sie auch mal in Rage seinen Armani-Anzug?

Beer: 30 Prozent der Frauen, aber nur neun Prozent der Männer lassen ihre Wut am anderen auch wirklich aus. Rache ist also eher weiblich, das kann man so sagen.

sueddeutsche.de: Wie kommt das? In der Regel sind wir doch recht vernünftige Wesen.

Beer: Unsere Hypothese lautet: Männer haben mehr Erfahrung mit Wut und Aggression. Es gehört zum Mannsein dazu, sowohl Wut zu haben als auch Opfer von Aggression zu sein. Aufgrund dieser Erfahrung haben Männer gegenüber der Partnerin eine stärkere Aggressionsbremse.

sueddeutsche.de: Seitensprung-Agenturen boomen. Gibt es einen erhöhten Bedarf?

Beer: Ich glaube, diese Einrichtungen bieten nur eine weitere Möglichkeit. Im Prinzip ist die Agentur das, was früher der Zuhälter war. Nur, dass nun beide Seiten für den Sex bezahlen.

sueddeutsche.de: Die Agentur als Kuppler?

Beer: Ja, indem sie eine Hemmschwelle beseitigt, die einen Seitensprung verhindern würde. Die Agentur sagt: Wir bieten euch die Gelegenheit ...

sueddeutsche.de: ... also eine Art Marktlücke.

Beer: Ich bin kein Wirtschaftler, aber die würden das wahrscheinlich so ausdrücken. Bei jemandem, der sexuell unzufrieden ist, trifft so ein Angebot auf fruchtbaren Boden. Was die Betreiber nicht interessiert, sind die Konsequenzen daraus.

sueddeutsche.de: Eine Agentur ist auf den Vorsatz zu betrügen angewiesen. Einfach so, wie in einer Bar oder auf einem Fest, passiert das ja nicht.

Beer: Nur wenige Seitensprünge sind One-Night-Stands. Die meisten gehen über einen längeren Zeitraum, und da ist dann auch Vorsatz im Spiel.

sueddeutsche.de: Geben Sie uns einen professionellen Rat: Würden Sie einen Seitensprung gestehen?

Beer: Auf gar keinen Fall würde ich dazu einen festgelegten Rat geben. Das ist eine absolut individuelle Entscheidung, da mischen wir uns nicht ein. Mit Hilfe unserer Studien informieren wir die Leute lediglich darüber, was dafür oder dagegen sprechen könnte. Die Folgen, wenn es der Partner gesteht, sind jedenfalls nicht so heftig, als wenn es durch Zufall oder andere Umstände herauskommt. Das Vertrauen ist dann stärker beschädigt.

sueddeutsche.de: Also gar kein Rat vom Experten?

Beer: Natürlich ist klar: Am besten gar keinen Seitensprung anfangen. Der beste Weg ist, die Partnerschaft zu pflegen und vor allem die Sexualität, weil die ja besonders vernachlässigt wird. Das Bild vom notorisch Untreuen trifft nur auf die wenigsten Menschen zu. Es ist vor allem die sexuelle Unzufriedenheit, die den fruchtbaren Boden für die Gelegenheit zum Betrug bildet.

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