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Dem Geheimnis auf der Spur:Der Stall von Bethlehem

The Holy Night (The Nativity of Christ), c. 1513. Artist: Altdorfer, Albrecht (c. 1480-1538)

Die atmosphärischen Begleiterscheinungen der Weihnacht werden in Albrecht Altdorfers Gemälde zum Ereignis.

(Foto: Ullstein / Staatliche Museen Berlin)

Maler wie Albrecht Altdorfer haben die Lücken im biblischen Text auf ihre Weise gefüllt und so der Weihnachtsgeschichte Leben eingehaucht.

Von Gottfried Knapp

Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge." Mehr ist in der Bibel über die Geburt Christi nicht zu erfahren. Ja, in zwei der vier Evangelien wird das für die christliche Heilsgeschichte so zentrale Ereignis nicht einmal erwähnt. Da aber die Geburt in Bethlehem einer der bewegendsten Momente im Erdenleben unseres Heilands ist und die Kirche die Niederkunft des Erlösers zum großen christlichen Fest gemacht hat, mussten Künstler, die sich des beliebten Motivs annahmen, zu "Krippe" und "Herberge" nahezu alle weiteren sprechenden Details hinzuerfinden.

Eines der wichtigsten war die Nacht, die sie aus der bei Lukas direkt anschließend erzählten "Verkündigung an die Hirten" herüberholten. Mit Hilfe der eilenden Hirten und der jubelnden Verkündigungsengel konnte also aus der kärglich beschriebenen Herbergsgeburt die von Engeln bevölkerte, von Lichtern und Klängen erfüllte Weihnacht werden.

Um aber die Herberge, diesen unprägnanten Ort der Geburt, mit sinnlichen Elementen auszustatten und der von Lukas erwähnten Krippe einen tieferen Sinn zu geben, haben Theologen aus dem erst im siebten Jahrhundert verfassten Pseudo-Matthäus-Evangelium Ochs und Esel herübergeholt. Die beiden friedlichen Stallbewohner brachten nicht nur kreatürliche Wärme mit an die Futterkrippe, sie ließen sich - als Verkörperungen des Judentums und des Heidentums - auch allegorisch trefflich ausdeuten. Aus der anonymen Herberge war nun also ein Stall geworden, der die Maler zu ganz unterschiedlichen Erfindungen inspirierte.

Herberge und Stall - das spürten alle, die sich des Themas annahmen - wirkten dann besonders abweisend, wenn sie zusätzlich auch noch verwahrlost waren und in Trümmer lagen. Außerdem ließ sich durch Ruinen symbolisch andeuten, dass Jesus in eine Welt hineingeboren wurde, die kaum Überlebenschancen bot, die durch das Erscheinen des Messias zum Untergang bestimmt war.

Aus den in den Schriften genannten Bildelementen haben sich die Künstler im Lauf der Jahrhunderte ganz unterschiedlich bedient. Die Ikonenmaler der orthodoxen Kirchen etwa haben die Geburt Christi immer in eine Höhle verlegt, in eine grubenartige Vertiefung, in der Maria ausgestreckt daliegt. Sie folgten dabei der Bemerkung im Pseudo-Matthäus-Evangelium, dass Maria "am dritten Tag nach der Geburt" die "Höhle" verlassen habe und "in einen Stall" gegangen sei.

Die Maler Italiens haben den unwirtlichen Örtlichkeiten der Geburt stets eine ästhetische Würde zu geben versucht. Wenn sie nicht, wie Correggio und die Maler des Barocks, das Weihnachtsgeschehen in eine dunkle, alle architektonischen Details verschlingende Nacht verlegten, haben sie meist ein auf Stützen stehendes Notdach wie einen bekrönenden Baldachin über Maria und das Kind gebreitet.

Die originellste Variante dieses Typus hat wohl Piero della Francesca um 1460 geschaffen. Bei ihm sind unter dem löchrigen Dach, das den Hintergrund bildet, Ochs und Esel und drei Männer zu erkennen. Die ganze Aufmerksamkeit gehört aber den Figuren im Vordergrund. Maria kniet vor dem Jesuskind, das nackt auf dem Saum ihres blauen Mantels liegt. Über dem Kind erheben sich fünf stattliche Engel, die singen und mit Lauten musizieren. Selten ist das Zusammenwirken von Musikern, das Konzertieren, suggestiver beschworen worden als in dieser harmonisch zusammengedrängten Engelgruppe, und selten haben die im Bild suggerierten Klänge besser zum abgebildeten Geschehen gepasst als hier.

Um zu zeigen, wie viel direkter sich mittel- und nordeuropäische Maler in die Unorte Stall und Ruine vertieft haben, wenden wir uns dem altdeutschen Maler zu, der sich wie keiner seiner Zeit mit atmosphärischen Phänomenen auseinandergesetzt hat. Albrecht Altdorfer hat in seinen beiden szenisch extrem unterschiedlichen Versionen von "Christi Geburt" auf Ochs und Esel verzichtet. Im Gemälde von 1507 (Kunsthalle Bremen) tut sich zwischen den reifbedeckten Ruinenwänden ein unwirtlich weiter und kalter Raum auf, in dessen Gespensterlicht die am linken Bildrand knieende Maria und das am Boden liegende Kind fast verloren wirken. Joseph reckt sich am rechten Bildrand in die Höhe und weist mit hochgehobener Laterne auf die Leiter, die, von Putten besetzt, steil hinaufführt zum Heuboden, von dessen morschen Brettern weitere Engel heruntergrüßen.

In der um 1511 gemalten Version, die wir hier abbilden (Gemäldegalerie Berlin), ist die von Pflanzen überwucherte Ruine zum alles beherrschenden Motiv geworden. Die kaputten Mauern und Balkenkonstruktionen sind mit geradezu aufsässiger Genauigkeit geschildert. Maria und Joseph aber, die hinter einem halbwegs sicher wirkenden Mauerrest Schutz gesucht haben, schrumpfen in dem auftrumpfenden architektonischen Chaos zu Inkarnationen irdischen Leids zusammen. Lediglich das Licht, das vom Kind ausgeht und die Eltern streift, scheint etwas Hoffnung in den finsteren Winkel zu bringen. Doch welches welthistorische Wunder sich an diesem abweisenden Ort ereignet, teilen die anderen Lichtquellen im Bild mit. Links über dem Ruinendach stürzt in einer Lichtwolke der Engel vom Himmel, der den Hirten und damit den Menschen die Frohbotschaft verkündet. Darüber ist das Gestirn aufgegangen, das die drei Weisen an diesen verwunschenen Ort führen wird. Und hoch über dem Neugeborenen stimmen drei Engel den Jubel an, der von dieser Nacht ausgeht. Dramatischer als in diesem Bild kann man menschliche Not und himmlische Freude in der Weihnacht wohl kaum aufeinanderprallen lassen.

© SZ vom 22.12.2018

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