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Bertelsmann-Studie:Deutschland fehlt die Toleranz

Flüchtlinge aus Afrika in Deutschland gelandet

Diese Flüchtlingskinder sind aus Afrika nach Deutschland gekommen. Migration hat keinen Einfluss auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft - das widerlegt die Studie. Ein wichtiger Faktor ist dagegen die Toleranz. daran fehlt es in Deutschland.

(Foto: dpa)

Wie gut sind die Menschen untereinander vernetzt? Vertrauen sie einander? Und akzeptieren sie unterschiedliche Lebensstile? Eine internationale Vergleichsstudie hat herausgefunden, dass der Zusammenhalt in Deutschland nicht so schlecht ist wie gedacht. Und das, obwohl die Bundesrepublik in einem wichtigen Teilbereich ausgesprochen schlecht abschneidet.

Es ist Wahlkampf, und so gut wie alle Parteien, ob CDU, CSU, SPD, Grüne oder Linke, sprechen von "sozialer Gerechtigkeit", sogar die FDP in der Variante "Leistungsgerechtigkeit". Überparteilich reagieren sie so auf das Gefühl vieler Wähler, dass es im Land eben nicht mehr gerecht zugeht. Und auf die laut Umfragen von drei Viertel der Bürger geteilte Sorge, dass diese Gesellschaft immer weiter auseinanderfällt: in oben und unten, reich und arm, Ost und West, Migrantenghettos und Wohlstandsenklaven, in Stämme, Gruppen und Grüppchen, deren Lebensstile und Lebensauffassungen kaum noch etwas miteinander zu tun haben, jeder gegen jeden und jeder für sich allein.

Es geht also um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland, und den halten die Deutschen mehrheitlich für gefährdet.

Eigener Index

Ganz so schlecht aber ist es um den Zusammenhalt im Land doch nicht bestellt. Deutschland steht im internationalen Vergleich zwar nicht top da, aber soeben noch im oberen Mittelfeld. Und in den Jahren der Schuldenkrise ist der Zusammenhalt der Bundesbürger sogar gestiegen. Das stellt ein neue, umfangreich angelegte Vergleichsstudie zur Lage des Gemeinsinns in 34 Industriestaaten fest.

Für dieses "Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt", das die Bertelsmann-Stiftung an diesem Dienstag vorstellt, haben Sozialwissenschaftler der privaten Jacobs University Bremen einen eigenen Index entwickelt, der anschaulich und vergleichbar machen soll, was wie stark eine Gesellschaft zusammenhält.

Ergebnis: Was den Zusammenhalt betrifft, stehen skandinavische Staaten im internationalen Vergleich ganz oben und Länder Südosteuropas ganz unten. In Dänemark hält die Gesellschaft demnach am engsten zusammen, sogar noch etwas besser als in Norwegen, Finnland oder Schweden. Auf den nächsten Plätzen folgen klassische Einwanderungsländer angelsächsischer Prägung wie Neuseeland, Australien, Kanada und die USA. In Rumänien, Griechenland und Bulgarien dagegen driften die gesellschaftlichen Gruppen am weitesten auseinander.

Freunde, Vertrauen, Akzeptanz

Deutschland findet sich zwischen Österreich und Großbritannien auf Platz 14 dieser Tabelle. Vergleicht man, wie es die Studie tut, Werte aus den vergangenen 25 Jahren, geht es mit den Deutschen und ihrem Zusammenhalt sogar leicht aufwärts.

Doch um diese Tabellenspiele geht es den Forschern um die Soziologen Klaus Boehnke und Jan Delhey erst in zweiter Linie. Vor allem versuchen sie, mit ihrem neuen Index messbar zu machen, was auf den ersten Blick eigentlich unmessbar zu sein scheint: eben das Maß, in dem eine Gesellschaft zusammenhält. Vorbilder sind Kennziffern wie der Index für menschliche Entwicklung, mit dem die Vereinten Nationen das Wohlergehen der Bevölkerung bewertet.

Worin besteht also das, was die Bremer Wissenschaftler die "Qualität des solidarischen Miteinanders in einem territorial abgegrenzten Gemeinwesen" nennen? Für die Forscher sind das drei Dinge: belastbare soziale Beziehungen zwischen den Menschen, deren emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen sowie die Verantwortung der Einzelnen für das Gemeinwohl.

Den Forschern geht es also erstens darum, wie die Menschen mit Freunden oder anderen Menschen vernetzt sind, wie sie ihren Mitmenschen vertrauen, und darum, wie bereitwillig sie unterschiedliche Menschen und deren Lebensstile akzeptieren - Einwanderer etwa. Gerade auch diese Toleranz zählen die Forscher zu den grundlegenden Faktoren, die moderne Gesellschaften, die ja vielfältig sind, zusammenhalten.

"Zusammenhalt ist Glück"

Es geht ihnen zweitens darum, wie sehr die Menschen sich als Teil der Gesellschaft identifizieren, wie sehr sie Staat, Politikern, Richtern, Polizisten oder Ärzten vertrauen und für wie gerecht sie ihre Gesellschaft halten. Und drittens darum, in welchem Maße die Menschen den anderen Hilfe leisten, wie gut sie Gesetze und Regeln einhalten und wie sehr sie sich in der Gemeinschaft engagieren.

Das haben die Wissenschaftler an 58 Einzelfaktoren festzumachen versucht - von der Frage, ob jemand gerne Menschen anderer Hautfarbe als Nachbarn hätte, bis zu dem Punkt, inwieweit die Leute Verkehrsregeln befolgen. Aus zwölf internationalen Umfragen, Erhebungen und anderen Datensätzen haben sie dazu die Ergebnisse seit 1989 zusammengesucht und schließlich schrittweise zusammengefasst und daraus ihren Index errechnet.

Reichtum stärkt Zusammenhalt

Gibt es erst eine solche Maßzahl, können Sozialwissenschaftler nicht nur vergleichen, wie stark oder schwach der Zusammenhalt im Volk oder in bestimmten Bevölkerungsgruppen ist und wie er sich entwickelt. Sie gewinnen auch Daten, die erkennen lassen, welche Faktoren den Zusammenhalt in einem Land stärken und welche ihn schwächen. Der Ländervergleich soll darum nur ein erster Schritt sein. Künftig wollen die Forscher das Maß des Zusammenhalts auch innerdeutsch nach Bundesländern, Ost und West, Nord und Süd, Stadt und Land wichten.

Bereits die jetzt vorgelegten Zahlen liefern Ergebnisse, von denen einige zunächst wenig überraschend erscheinen, andere dafür umso mehr. Dass Reichtum und eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Einkommen den Zusammenhalt stärken, geht etwa aus der Studie ganz klar hervor. Reichere Staaten liegen in der Tabelle tendenziell auf vorderen Plätzen, ärmere hinten. Wo die Einkommen stark auseinanderklaffen wie etwa in Griechenland oder Polen, ist es auch mit dem Zusammenhalt nicht so weit her.

Allerdings ist es keineswegs so, dass allein voll ausgebaute Wohlfahrtsstaaten nach skandinavischem Modell den Zusammenhalt garantieren. Der ist nämlich nach den Zahlen der Bertelsmann-Studie auch in Staaten wie den USA, in denen große Löcher im staatlichen Sozialnetz klaffen, überdurchschnittlich stark.

Überraschend deutlich widerlegt die Studie Befürchtungen, dass starke Zuwanderung das innere Gefüge einer Gesellschaft gefährdet. So leben etwa in Ländern wie Kanada, Australien oder der Schweiz besonders viele Einwanderer, der gesellschaftliche Zusammenhalt ist trotzdem hoch - ganz anders als in Rumänien oder Bulgarien, wohin es kaum Migranten zieht. Insgesamt kommt die Studie zu dem Schluss, dass ein höherer oder niedrigerer Migrantenanteil keinerlei bemerkenswerten Einfluss auf den Zusammenhalt in einem Land hat. Vielmehr kommt es darauf an, wie bereitwillig eine Gesellschaft die Vielfalt ihrer Mitglieder und Kulturen akzeptiert.

Mehr Zusammenhalt, positivere Lebenseinstellung

Daran aber hapert es in Deutschland. Bei der Akzeptanz von Vielfalt stehen die Deutschen nur im Mittelfeld. Schlimmer noch: Die Toleranz hat laut den Ergebnissen der Studie im Ländervergleich der vergangenen 25 Jahren abgenommen. Das ist für die Macher der Erhebung das Ergebnis, das die Deutschen am dringendsten korrigieren müssen: "Vielfalt ist der Schlüssel für die Welt von morgen", sagt Liz Mohn, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung. Das Land brauche qualifizierte Zuwanderer, "auch deshalb müssen wir die Akzeptanz und Wertschätzung von Vielfalt fördern, damit Menschen anderer Herkunft, Kultur oder Religion sich bei uns wohlfühlen können."

Überhaupt: Die Vermutung, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt vor allem auf einem intakten Gerüst kultureller und moralischer Werte beruht, bestätigen die Ergebnisse der Untersuchung eben nicht. Sie weisen vielmehr in die entgegengesetzte Richtung: Nicht in allen, aber eben doch in signifikant vielen Ländern, in denen Religion im Alltag eine wichtige Rolle spielt, etwa in Rumänien, Griechenland, Polen oder Italien, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt eher gering. In allen sechs Ländern, in denen der Zusammenhalt am stärksten ausgeprägt ist, spielt Religion dagegen im täglichen Leben der Bewohner eine vergleichsweise geringe Rolle.

Und noch eines zeigen die Zahlen des Radars eindeutig: In Ländern, in denen der Zusammenhalt stark ist, bewerten die Menschen ihr eigenes Leben viel positiver als andernorts - woraus die Autoren der Studie den nicht ganz wissenschaftlich formulierten Schluss ziehen: "Zusammenhalt ist Glück."