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Alternative Wohnformen:Mühseliges Leben in der Natur

Weniger Besitz, weniger Kosten, weniger Stress - dafür mehr Zeit, mehr Freiheit, mehr Nähe zur Natur, das war die Idee, als sich die beiden entschlossen, in eine selbst gebaute Jurte zu ziehen. "Von unserem Hab und Gut haben wir uns weitgehend getrennt", sagt David Schuster, "wir streben eine Reduzierung unseres Besitzes an."

Sechs Meter Durchmesser hat die kreisförmige Behausung, und darin findet fast alles Platz, was der Kleinfamilie gehört. Es ist nicht viel, was die drei zum Leben brauchen: ein Bett, ein paar Hocker, ein gusseiserner Holzofen, ein paar Küchenutensilien, diverses Werkzeug, ein Akkordeon, selbst geschnitztes Holzspielzeug, eine Kiste voll mit den nötigsten Klamotten.

Nadja arbeitete unter anderem als Zeitungsausträgerin

In einem einfachen Holzregal stehen zwölf Bücher: Pflanzenführer, Bilderbücher und "Leben in der Wildnis" von Éric Valli. In diesem Buch geht es um Menschen, die sich für andere Lebensmodelle entschieden haben als der Normalbürger - um eine ehemalige Punkerin, die wie eine Steinzeit-Jägerin lebt, um einen autarken Bauern, um einen ehemaligen Banker, der sich jetzt als Trapper in der Wildnis versucht.

Nadja und David waren im Gegensatz zu manchen ausgebrannten Gestalten in Vallis Buch nicht komplett zivilisationsmüde, als sie sich entschlossen, ganz in die Jurte zu ziehen. Sie haben schon immer ein naturnahes Leben geführt, sich für Handwerk, die Traditionen der Urvölker und alternative Lebensformen interessiert. Kennengelernt haben sie sich in Oberammergau auf der Holzschnitzer-Schule; danach zogen sie zusammen, zunächst in eine Wohnung.

Nadja arbeitete unter anderem als Zeitungsausträgerin, Museumswärterin und Bedienung; David absolvierte eine Ausbildung als Wildnis-Pädagoge und fing an, Bogenbau-Kurse und Wildnis-Seminare zu geben, mit denen er bis heute sein Geld verdient.

"Man gewöhnt sich dran"

Irgendwann baute er die erste Jurte - und Nadja war von dieser mobilen Wohnung gleich begeistert. "Die Natur hat tatsächlich eine heilsame Wirkung auf uns", sagt David Schuster, der mit seinen blonden langen Haaren und seinem Bart aussieht wie ein Jesus-Darsteller der Oberammergauer Passionsspiele. Er glaubt, dass die Jurte die seelische Zufriedenheit fördert: "Diese runde Hülle gibt Geborgenheit, alles ist lebendig hier - und es ist geradezu märchenhaft romantisch", schwärmt er. Wenn er in eine normale Wohnung kommt, fühlt er sich "eingekastelt", überall diese rechten Winkel, schrecklich.

Bei einem Besuch im Sommer kann man nur bestätigen, dass der Harmonie- und Romantikfaktor bei der Jurten-Familie recht hoch ist. Was aber, wenn es wochenlang durchregnet wie diesen Mai? Wenn es im Winter minus zehn Grad kalt ist und man trotzdem Wasser am Brunnen holen muss? Wenn man dauernd Holz hacken und einheizen muss? Und geht es einem nicht manchmal auf die Nerven, dass es nur einen Raum für alle gibt? Sind da nicht auch Ecken und Kanten, selbst wenn man in einem kreisrunden Zelt wohnt?

Sicher sei das Leben in der Natur manchmal mühseliger als in einer Wohnung mit Zentralheizung, Elektroherd und Kühlschrank, meint Nadja, "aber man gewöhnt sich dran". Jeden Morgen schleppt David Schuster einen Zehn-Liter-Eimer Trink- und Brauchwasser vom Brunnen zur Jurte, das reicht meistens einen ganzen Tag lang, auch für die Katzenwäsche mit Schüssel und Waschlappen. Eine Toilette gibt es im nahen Bauernhof, gebadet wird ein oder zweimal die Woche in einem Fluss oder im Bodensee.

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