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Adoption:Waisenkinder sollen von russischen Familien adoptiert werden

Und drei Jahre danach? Was haben die Kampagnen bewirkt, die Moskau startete, um die Bürger zu Adoptionen zu ermuntern? Hat sich die Einstellung der Gesellschaft zu ihren Waisenkindern gewandelt? Die Behörden melden Erfolge. Waren Ende 2012 etwa 120 000 Kinder zur Adoption freigegeben, sind es Anfang 2016 nur noch 69 000. Ein Erfolg des Gesetzes der Schufte?

Ein Hinterhof im Zentrum der russischen Hauptstadt. In einem niedrigen Gebäude aus der Zarenzeit arbeitet die Stiftung "Freiwillige helfen Waisenkindern". Grauer Linoleumboden, bunte Kinderzeichnungen an den Wänden. Elena Alschanskaja hat die Organisation vor zwölf Jahren gegründet, nachdem sie gesehen hatte, in welchen Zuständen Kinder leben müssen, die von ihren Eltern zurückgelassen werden. Eine Frau mit rundem Gesicht und zupackenden Armen sitzt auf einem Hocker im Spielzimmer und beginnt mit ruhiger Stimme zu erzählen. Sie muss ein bisschen ausholen, denn die Lage der Waisen in Russland hängt von mehr ab als nur vom Dima-Jakowlew-Gesetz, um das es so viel Streit gab.

Bis Anfang der 2000er Jahre sei die Situation in der Tat sehr schlecht gewesen, erzählt sie. Die Russen haben kaum Kinder adoptiert, eine Adoption durch Ausländer war fast die einzige Chance, eine neue Familie zu finden. Die neuen Regeln des Kapitalismus wirkten in Kombination mit den Überresten des sozialistischen Systems auf üble Weise zusammen: Im Sozialismus galt eine Erziehung im Kollektiv als Ideal, in den frühen Tagen der Sowjetunion wurde gar dafür geworben, Kinder in Heime zu geben, um sie von der Gesellschaft erziehen zu lassen statt von der bürgerlichen Familie.

Als die Welt nach der Öffnung des Landes mit Entsetzen sah, welche Zustände in den Kinderheimen herrschten, gab es zwar den Willen zur Veränderung, aber keine Erfahrung und kein Geld. Adoptionsagenturen verdienten daran, kinderlosen Paaren im Westen zu ihrem Glück zu verhelfen. Und korrupte Beamte verdienten daran, für die Formalitäten ein kleines Extra einzustreichen.

Der Staat versuchte dann, die eigenen Bürger mit Werbung und mit Geld zu Adoptionen zu motivieren. "Es gab einen regelrechten Wettbewerb zwischen den Regionen, einige zahlten bis zu einer Million Rubel, das waren damals noch 25 000 Euro", sagt Elena Alschanskaja. Erst 2011 wurden verpflichtende Elternschulen eingeführt. "Vorher wurden die Eltern nicht nur mit Geld gelockt, es wurden auch keinerlei Anforderungen gestellt." Man konnte ein Kind annehmen, das Geld einstreichen und das Kind nach einer Weile wieder abgeben, wenn es sich als zu anstrengend herausstellte. Gleichzeitig wurden schon damals Adoptionen durch Ausländer eingeschränkt.

Neuer Umgang mit elternlosen Kindern

Die Kampagne zeigte Wirkung: Tatsächlich nahmen seit Mitte der Nullerjahre mehr und mehr Bürger Waisen auf. Gleichzeitig kämpften Initiativen wie Alschanskajas Stiftung für einen neuen Umgang mit den allein gelassenen Kindern. 2011 beschloss der Gesellschaftsrat, ein beratendes Gremium der russischen Regierung, dem auch Elena Alschanskaja angehörte, eine Reform: Wichtigstes Ziel ist es, Eltern so zu unterstützen, dass sie ihre Kinder gar nicht erst weggeben. Wenn sie es doch tun, sollen die Einrichtungen den Kontakt zwischen Eltern und Kindern fördern.

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22 Jahre nachdem sie zur Adoption freigegeben wurde, machte sich Ashley Comer auf den Weg, um ihre leibliche Mutter kennenzulernen. Mit ihrer Kamera dokumentierte sie das emotionale Treffen.

"Wir gingen davon aus, dass es viele Jahre dauern wird, bis diese Beschlüsse umgesetzt würden", sagt Elena Alschanskaja. "Aber dann hat das Dima-Jakowlew-Gesetz den Prozess beschleunigt." Wieder stand Russland vor der ganzen Welt als ein Land dar, das sich nicht gut um seine Kinder kümmerte. Aber diesmal war Geld da und Erfahrung. "Natürlich war das Gesetz eine politische Entscheidung, die mit den Waisen gar nichts zu tun hatte. Aber die große Aufmerksamkeit hat geholfen, die bereits beschlossenen Reformen umzusetzen." Seit 2015 werden auch die Waisenhäuser neu organisiert: An die Stelle großer Gruppen mit zwanzig und mehr Kindern sollen familienähnliche Einheiten mit höchstens sechs Kindern treten.

Die Veränderung brauche Zeit, sagt Alschanskaja: "Die Erzieher sind dafür nicht ausgebildet, gerade wurde der erste Studiengang für spezialisierte Pädagogen eingerichtet", aber die Richtung der Reform, die Bürgerinitiativen mit dem Staat ausgehandelt haben, sei richtig.

Wenn sie entscheiden dürfte, würde sie Auslandsadoptionen nur für Kinder erlauben, die nur im Ausland behandelt werden können, sagt Elena Alschanskaja. Zumindest für eine gewisse Zeit. So will es auch die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen: An erster Stelle stehen die leiblichen Eltern. Wenn sie das Kind nicht versorgen können, sollte es am besten von Verwandten aufgenommen werden. Fallen diese auch aus, bleibt eine Pflege am Heimatort, damit zumindest der Kontakt zur Familie möglich ist. Erst wenn das nicht gelingt, käme eine Adoption im Land oder als letzte Option ins Ausland in Frage. "Wenn wir wissen, in welchem Land ein Kind behandelt werden kann, soll es dorthin ausreisen dürfen. Am Ende ist es wichtiger zu überleben, als Kontakt mit der Oma zu haben."