Zuwanderung:Partizipation ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration

Sämtliche historischen Fälle, die heute als Beispiele einer gelungenen Integration gelten können, beruhten auf der Partizipation der Flüchtlinge. Als Ende des 17. Jahrhunderts 170 000 Hugenotten aus Frankreich flohen (fast 100 000 von ihnen über Frankfurt am Main, das damals etwa 30 000 Einwohner zählte - das kann man tatsächlich als Flüchtlingskrise bezeichnen), entsandten sie Vermittler oder beauftragten bereits emigrierte Interessensvertreter, um über die Bedingungen der Aufnahme und der Ansiedlung zu verhandeln. Der wichtigste aufnehmende Staat im Alten Reich, Brandenburg-Preußen, ließ es außerdem zu, dass die Hugenotten in der Regierung und am Hof repräsentiert wurden und dort eine eigene Verwaltungseinheit mit Sonderrechten bildeten (das Commissariat Français).

Ein weiteres Beispiel aus der europäischen Geschichte sind die Flüchtlinge und Vertriebenen in der Nachkriegszeit, die in der Bundesrepublik zeitweilig ein für ihre Angelegenheiten zuständiges Ministerium bekamen, hohe Regierungsämter bekleideten (in denen belastete Altnazis überwogen - das soll hier nicht verschwiegen werden) und ihre Interessen über eine eigene Lobby, die Vertriebenenverbände, verfolgen konnten.

Die Integration war also nicht nur zweiseitig, sondern beruhte in diesen beiden und etlichen anderen Fällen zudem auf Aushandlungsprozessen. Das war nicht zuletzt in jenen Phasen von Bedeutung, als die Integration nicht nach Wunsch verlief, stagnierte oder retardierte. So erfüllten sich die wirtschaftlichen Erwartungen der aufnehmenden Staaten an die Hugenotten nur bedingt, darüber waren beide Seiten enttäuscht. Aber über die Repräsentanten der Flüchtlinge konnte man sich über die jeweils aktuellen Probleme austauschen und diese leichter bewältigen.

Was wissen wir über die Interessen der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten?

Auch in der Nachkriegszeit wussten die Flüchtlingsorganisationen oft am besten, was gebraucht wurde, Wohnungen statt Behelfsunterkünfte, Arbeitsplätze, Kredite für Unternehmensgründungen, Schul- und Universitätsstipendien und andere Maßnahmen, die zumindest der jungen und der nächsten Generation einen sozialen Aufstieg ermöglichten. Zugleich wäre ein solcher bi- und multilateraler Integrationsdiskurs eine Gelegenheit, die Vorstellungen und Werte der unterschiedlichen Flüchtlingsgruppen kennenzulernen (darunter die Israelfeindschaft, die etwa Syrer und Iraker seit der ersten Schulklasse durch die staatliche Propaganda eingebläut bekamen. Hier ist statt Integration grundlegende Aufklärungsarbeit gefordert).

Historische Erfahrungen aus lange zurückliegenden Perioden lassen sich nie direkt auf die Gegenwart übertragen, aber was wissen wir heute über die Interessen der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten? Haben sie eine Stimme in der öffentlichen Debatte? Können Sie an dem Integrationsgesetz mitwirken, das doch auf sie zugeschnitten sein soll?

Vielleicht ist das auch gar nicht erwünscht, denn dann würde sich schnell herausstellen, dass zum Beispiel für die Integrationskurse, an denen eigentlich alle Asylbewerber teilnehmen sollten, im Jahr 2015 weniger als zehn Prozent der benötigten Plätze zur Verfügung stand (hier verspricht das Integrationsgesetz offenbar Besserung). Bei den Sprachkursen liegt das Problem ebenfalls im Angebot und nicht in der Nachfrage, die man selbstverständlich zur Pflicht erklären kann, etwa im Blick auf die Gewährung von Sozialleistungen. Doch die aufnehmende Gesellschaft müsste das dann ihrerseits als Verpflichtung verstehen und entsprechende Angebote bereitstellen.

Überhaupt erscheint es ratsam, Integration als Angebot zu betrachten und den Begriff nicht mit Pflichten, Zwängen und Sanktionsdrohungen zu überfrachten, die in diesem Kontext fehl am Platz sind und anders kommuniziert oder umgesetzt werden können. Wenn Integration zu einer Chiffre für eine Zwangsassimilation verkommt und im Befehlston eingefordert wird, muss man damit rechnen, dass sie bei den Betroffenen auf Skepsis stößt.

Strafen kann man androhen, aber sie werden das Fernziel der Integration beschädigen, wenn sie damit in einen direkten Zusammenhang gebracht werden. Außerdem sind Drohungen letztlich nur Ausdruck der eigenen Unsicherheit, die auch die bereits ansässige Bevölkerung verängstigt und spaltet. Unter den Flüchtlingen, die gerade jetzt am Anfang bleibende Erfahrungen mit der Mehrheitsgesellschaft und ihrem Staat machen, können sie Tendenzen zur Abkapselung begünstigen und zur Herausbildung jener Parallelgesellschaften beitragen, die seit Jahren beschworen werden.

Wir müssen vergangene Fehler vermeiden

Man kann aus der Geschichte nicht leicht lernen, aber man kann zumindest die Wiederholung vergangener Fehler vermeiden. Dazu gehört, dass die Zwangsassimilation von Zuwanderern oder Minderheiten noch keinem modernen Staat gelungen ist, egal wie er organisiert war. Integration ist ein langfristiger Prozess, der oft erst im Wechsel der Generationen gelingt. Ein Schlüsselfaktor war stets die soziale Mobilität, die im Fall der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen durch den Lastenausgleich und andere Maßnahmen gefördert wurde.

Die Chance (oder zumindest das Versprechen), sozial aufzusteigen, gehört zu den Erfolgsrezepten der klassischen Einwanderungsländer, das Versprechen wirkt aber seit einiger Zeit sogar in den USA nicht mehr so wie früher. Das liegt jedoch an Ursachen, die weit über die aktuelle "Flüchtlingskrise" hinausgehen und die gesamte wirtschaftliche und politische Ordnung der westlichen Welt betreffen.

Philipp Ther ist Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Die Geschichte der Migration ist einer seiner Forschungsschwerpunkte.

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