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Zum Tod von Zaha Hadid:Zaha Hadid baute Häuser, die fliegen können

Zaha Hadid

Sie sei "ein Planet mit einem eigenen, einzigen Orbit", so beschrieb Rem Koolhaas die Architektin Zaha Hadid.

(Foto: AP)

Sie war die erste Frau, die es in die Riege der Stararchitekten schaffte, stand für Exzentrik und Superlative. Mit 65 Jahren ist Zaha Hadid jetzt überraschend gestorben.

Es ist ein Schock. Man kann es nicht anders formulieren. Denn Zaha Hadid war so etwas wie der weibliche Star in der ewig männlichen Architektenwelt. Dafür hat sie gekämpft, quasi mit jedem Strich und vermutlich noch mehr, als sie in ihren Entwürfen gegen den rechten Winkel vorgegangen ist. Sie war die unangefochtene Sprengmeisterin unter den Baukünstlern, aber vor allem war sie die einzige Frau, die es in die erste Riege der Stararchitekten geschafft hat, gekürt mit dem Pritzker Preis, den sie 2004 - natürlich als erste Frau - erhielt, und mit einem mehrere Hundert Mitarbeiter starken Büro, das ihr half, ihre Gebäude über den Erdball zu verteilen.

Dass überhaupt jemals einer ihrer Entwürfe gebaut würde, war lange nicht klar. Geboren 1950 in Bagdad, träumte sie zwar schon als Kind davon, Architektin zu werden, doch bis ihr erster Entwurf aus ihrem Lieblingsmaterial Beton stand, brauchte es Jahrzehnte. Auch das zeigt ihren Durchsetzungswillen, denn Zaha Hadid wollte Häuser bauen, die fliegen können.

Und genauso sehen auch die Gebilde auf ihren Zeichnungen und Gemälden aus, die sie lange vor ihrem ersten Bau berühmt gemacht haben. Pfeilschnell schießen die Linien da über das Blatt. Bloß keine Wiederholung, nur kein Innehalten. Wie Suprematismus auf Speed.

Ihre Projekte sahen aus wie flüssiges Quecksilber

Dass es diese Formen jedoch schon immer in den dreidimensionalen Raum gedrängt hat, zeigt vielleicht schon Zaha Hadids erstes Studienfach. Denn bevor sie nach England emigrierte, studierte sie zunächst Mathematik in Beirut. In London dann besuchte sie eine der besten Architekturschulen der Welt, die Architectural Association. Dort lernte sie jemanden kennen, der ihr im Einzelkämpfertum, aber auch in der Exzentrik in nichts nachsteht: den holländischen Architekten Rem Koolhaas. Erst war er ihr Lehrer, dann machte er sie für sechs Monate zur Partnerin in seinem Büro. Koolhaas war es denn auch, der das System Zaha Hadid mit am besten beschrieb. Sie sei "ein Planet mit einem eigenen, einzigen Orbit".

Doch just die Achtzigerjahre waren die Zeit, in der einige dieser autarken Planeten durch den Architekturkosmos schossen. Alle mit dem Etikett ausgestattet, nur Unbaubares zu entwerfen, und alle so davon überzeugt, mit ihren Entwürfen endlich längst überholte Traditionen aufbrechen zu können, dass sie ihre Bauten lieber auf dem Papier sahen als von der Realität zum Kompromiss geschliffen. Die heute legendäre Ausstellung "Deconstructivist Architecture" 1988 in New Yorker Museum of Modern Art versammelte diese Planeten: Koolhaas war darunter, Frank Gehry, Daniel Libeskind, Peter Eisenmann, Wolf Prix, Bernhard Tschumi und Zaha Hadid. Wieder einmal die einzige Frau, natürlich.

In der Ausstellung zeigte sie ihren Entwurf "The Peak" von 1982-1983, ein Fitnessstudio auf Hongkong Island, das sich ins steil abfallende Gelände so einkeilt wie ein Adlernest. Noch heute, in Zeiten der digitalen Entwurfsmethoden, wo Computer dabei helfen, auch die schwindsüchtigsten Konstruktionen zu errichten, wirkt "The Peak" wie flüssiges Quecksilber. Kein Wunder, dass potenzielle Bauherren davor zurückschreckten.

Das Warten hat sich gelohnt

Das Warten hatte sich gelohnt. Rolf Fehlbaum, der Chef des Designunternehmens Vitra, ließ Zaha Hadid, die eigentlich einen Stuhl für ihn entwerfen sollte, auf dem Firmengelände gleich die Feuerwehrwache errichten. Was seit 1993 dort steht, ist vielleicht sogar ihr bestes Werk. Jeder spitzzulaufende Winkel sitzt. Die papierdünnen Betonwände wirken wie berauscht von ihrer eigenen Bewegung. Noch heute, 20 Jahre später, hat sich diese Kraft bewahrt.

Nicht alle konnten damit etwas anfangen. Weil Zaha Hadids Angriff auf den rechten Winkel nicht mal vor den Waschräumen halt machte, sollen sich die Feuerwehrmänner geweigert haben, einsehbare Toiletten zu benützen. Heute finden Veranstaltungen in der ehemaligen Feuerwehrwache statt.

Wer den Superlativ wollte, wählte Zaha Hadid

Doch der Mut wuchs, Bauherren versprachen sich von Zaha Hadid den großen architektonischen Auftritt, gerne wie eine Diva, so wie die Architektin selbst, die schon mal ihren Büropartner Patrik Schuhmacher eineinhalb Stunden warten ließ. Wer den Superlativ wollte, wählte Zaha Hadid. Und alle bekamen ihn. Innsbruck mit der vermutlich schnellsten Skischanze der Welt, Wolfsburg mit seinem futuristischen Wissenschaftszentrum, Leipzig mit der windschnittigen BMW Welt und Rom mit dem MAXXI, einem Museum, dessen bestes Ausstellungsstück das Gebäude selbst ist. Mitte der Nullerjahre wurde Hadids Architektur organischer, fließender, ihre Oper in Guangzhou - ihr erster Bau in China - genauso wie ihre Uni in Wien.

Und vielleicht ist es das, was man Zaha Hadid vorwerfen kann. Dass ihre Formensprache so deutlich war, dass diese irgendwann die Funktion überdeckte - und den Ort, wo das Gebäude stand. Die Kritik daran wuchs in den vergangenen Jahren, parallel zur Anzahl der Projekte, die sie zeitgleich weltweit verfolgte. Auch in Ländern, die es mit Menschenrechten nicht so genau nahmen. Zaha Hadid wollte sich nicht einschränken lassen, sie wollte experimentieren. Bis zuletzt. Jetzt ist sie mit 65 Jahren in Miami an einem Herzinfarkt gestorben.