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Zum Tod von Umberto Eco:Leicht dandyhafter Schmetterlingsjäger

Erst in späteren Jahren hat Eco sein Selbstverständnis als leicht dandyhafter Schmetterlingsjäger des kulturellen Lebens auch in seinem äußeren Habitus zum Ausdruck gebracht. Wenn er etwa, angetan mit Strohhut und Fliege, für Fotografen posierte, gab er den intellektuellen Buffo als idealtypisch mediterrane Einheit von Geistes- und Sinnenmensch.

Er, der so behände mit Begriffen jonglierte, betrat die Manege im Literaturzirkus, um als Poeta doctus all jene Denkfiguren und Theoreme zur anschaulichen Entfaltung zu bringen, die er als Professor verinnerlicht hatte. Schon der Titel von "Der Name der Rose" rekurriert auf die berühmte Balkonszene aus Shakespeares "Romeo und Julia" und erklärt die Differenz von Signifikant und Signifikat, sprachlichem Zeichen und Bezeichneten, zum klandestinen Generalthema des Romans.

Bücher des Jahres 2015

Das sind die wichtigsten Bücher des Jahres

Die Idee vom potenziell unendlichen Irrgarten

Der labyrinthische Bau der Klosterbibliothek im Buch ist natürlich ebenso von Jorge Luis Borges, dem Säulenheiligen einer Vorstellung von der Welt selbst als Text, inspiriert wie von den Poststrukturalisten Gilles Deleuze und Felix Guattari. Eco greift hier zurück auf deren Idee vom Rhizom, einem wurzelartig wucherndem Netzwerk als potenziell unendlichem Irrgarten. Unendlich, weil es zwischen Zentrum und Peripherie keinen Unterschied kennt und das Verfahren von Trial-and-Error an ihm zuschanden geht.

Die Bibliothek steht hier für Wissen als unveräußerliches Herrschaftsinstrument und verweist auf das eigentliche Mordmotiv: eine verloren geglaubte Schrift des Aristoteles über die Komödie, die nicht an die Öffentlichkeit dringen darf, weil sich die katholische Kirche davon in ihrer Autorität bedroht sieht. Schließlich ist das Lachen Ausdruck von Anti-Dogmatik, meldet Zweifel und Widerspruch an, Widerstand gegen alles Systemdenken.

In Ecos Buch steckt eine radikale Absage an die Unschuld der Literatur

Und Eco machte sich zum lachenden Anwalt dieser Revolte, zum Komödianten der Philosophiegeschichte, der nicht nur die Kirche meinte, sondern auch alle Spielarten geschlossener Theoriegebäude, die nach dem Ende der großen Erzählungen dem Zerfall geweiht sind. Und noch ein zweiter Gedanke kommt hier zur Geltung: Indem Umberto Eco ein Buch zum Mordwerkzeug macht, ein Buch, dessen Seiten mit Arsen präpariert sind, so dass jeder, der sich über die verbotene Lektüre beugt, sich selbst vergiftet, jedes Mal, wenn er den Finger anleckt, um eine Seite umzublättern - dann ist das eine radikale Absage an die Unschuld der Literatur selbst.

Eco variiert im Roman die Überzeugung von Roland Barthes und seinen Schülern, dass künstlerische Werke eben nicht inkommensurabel sind, rein individuelle Hervorbringungen genialer Einzelner, der gesellschaftlichen Entfremdung und den Dispositiven der Macht entzogen. Das falsche Leben ist eben auch dem Ästhetischen eingeschrieben, weshalb es keinen Unterscheid gibt zwischen Sein und Schein, Kunst und Leben. Einen Text zu verstehen heißt, die Welt zu verstehen, und umgekehrt. Und wer liest, ist immer auch Opfer ideologischer Vergiftung - dafür sind die Arsenseiten ein Emblem. Eco, der allein in seiner Privatbibliothek 50000 Bände versammelte, ging es nicht um Bücher, es ging ihm um die Lesbarkeit der Welt.

Bildung ist bei Eco kein Ballast

Zum Glück aber muss man all das nicht wissen, um den Roman wertzuschätzen. Eco lässt erkenntnistheoretische Exkurse locker mitlaufen und verwandelt sie in den süffigen Stoff einer Spannungslektüre, die zugleich nachholende geistesgeschichtliche Vertiefung ist. Bildung ist bei ihm kein Ballast, sondern leichteste Beiladung, ja Auftriebskörper. Denn "Der Name der Rose" ist Gegenwartskritik im Gewand der Mönchskutte, aber der Roman ist vor allem auch ein Krimi, und das verbindet ihn mit anderen Schlüsselwerken der Postmoderne.

In David Lynchs Film "Blue Velvet" dient ein abgeschnittenes Ohr, ästhetisch gesprochen ein Fragment, als Metapher für jenes eklektische Epochenbewusstsein, das statt Ganzheitlichkeit nur noch Versatzstücke kennt und das die Postmoderne mit dem Barock verbindet. In Peter Greenaways Film "Der Kontrakt des Zeichners", der im selben Jahr ins Kino kam, in dem "Der Name der Rose" erschien und tatsächlich zur Zeit des Barock spielt, wird ein Landschaftszeichner zum ahnungslosen Dokumentaristen eines Mordkomplotts. Und auch bei Patrick Süskind muss ein genialer Parfümeur morden, um aus dem Körpergeruch der Leichen das Lebenselixier zu destillieren und damit den Gipfel seines Schaffens zu erreichen.

Umberto Eco Was vom Tage bleibt
Umberto Eco

Was vom Tage bleibt

Im September 2015 erschien in Deutschland Umberto Ecos letzter Roman "Nullnummer". Im Interview sprach er damals über Nachrichten, das Lesen und die italienische Presse.   Interview von Lothar Müller