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Tim Hetherington und Chris Hondros:Sie gaben dem Grauen menschliche Gestalt

Die in Libyen getöteten Kriegsfotografen haben Licht in das Kriegsgrauen gebracht. Nichts scheuen die Kriegstreiber mehr als Aufklärung, als Bilder von Verheerung, Tod und Vernichtung.

Bernd Graff

"Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um." Ein alter Sponti-Spruch, Wolf Biermann hat ihn einst berühmt gemacht. Eigentlich ein Spiel mit dem Widerspruch. Denn mutmaßlich kommt ja der um, der sich in Gefahr gebracht hat. Gedacht ist es hier anders: Da die Gefahr da und sowieso groß ist, gewissermaßen unabänderlich wie ein verhängnisvolles Schicksal, muss man ihr eben ins Auge blicken. Man muss genau hinsehen. Ihr standhalten, sie dokumentieren, um sie aus der Sphäre der Angst in die des Bewusstseins, der Sprache, vielleicht sogar der Aufklärung zu holen. Die Aufklärung heißt auf Englisch enlightenment. Eine Erleuchtung, sie bringt Licht ins Dunkel.

Fotografen arbeiten mit Licht. Ihre einzige Ressource ist Licht. Kriegsfotografen wie die gerade in der heftig umkämpften libyschen Stadt Misrata umgekommen Kollegen Tim Hetherington und Chris Hondros haben Licht in das Kriegsgrauen gebracht, haben dokumentiert, was die Welt sonst nur weiß, aber nicht sieht. Das ist ein ungeheures Verdienst. Denn nichts scheuen die Gräuel des Krieges und seine Betreiber mehr als Aufklärung, als Sichtbarkeit, als Bilder von Verheerung, Tod und Vernichtung. Denn es sind immer Bilder, die die Menschen verstehen. Nicht bloß abstrakte Tatsachen.

Sagen wir so: Erst Kriegsbilder belegen den Krieg als Krieg.

Einige der ersten Kriegsfotografen, Alexander Gardner und Mathew Brady, die den Amerikanischen Bürgerkrieg dokumentierten, griffen dabei sogar in die vorgefundene Wirklichkeit des Schreckens ein: Sie arrangierten die Körper gefallener Soldaten so, dass sie ein deutlicheres, klareres, mit einem Wort ein prototypisches Bild von den Verheerungen der Schlachten erhielten. Das Bild "Soldiers on the Battlefield" aus dem Jahr 1862 wirkt darum wie ein von Brady erzeugtes, gemaltes Tableau. Ein Vernichtungsgemälde mit den Leichen Gefallener in verwüsteter Landschaft. Der "gefallene Scharfschütze", den Alexander Gardner 1863 fotografierte, dokumentiert zugleich die Verwundbarkeit des Menschen wie die steinerne Unerbittlichkeit des Krieges. Gardner betitelt denn auch seine Gefallenen-Bilder wie Gemälde: Eines heißt "Die Ernte des Todes": Das Schlachtfeld, nicht mehr urbar gemachtes Feld des Korns und des Lebens, sondern der Vernichtung.

Auch wenn das Verfahren der Leichendrappierung und damit der unmittelbaren Ästhetisierung des Grauens heute undenkbar wäre, sind es doch seitdem Fotografien, die den Krieg dokumentieren und ihn im Gedächtnis halten. Die Bilder, die Robert Capa, Gerta Taro und das Fotografenduo Namuth/Reisner vom Spanischen Bürgerkrieg schossen, sind Embleme des Kampfes, fotografische Kompositionen, die Heroismus und leidenschaftliche Freiheitsliebe wie die Bereitschaft, sich für Ideale zu opfern, repräsentieren sollten. Ausdrücklich 'sollten'. Spätestens seitdem trägt Kriegsfotografie auch den Ruch von visualisierter Propaganda.

Dennoch haben Kriegsbilder, ganz gleich, ob sie die Landung amerikanischer Truppen in der Normandie am sogenannten Omaha Beach vom 6. Juni 1944 festhielten - auch hier sind es Robert Capas Bilder, die im Gedächtnis bleiben - oder den Vietnamkrieg, etwa in den unmittelbaren, erschütternden Bildern von Eddie Adams, die er um 1968 in Saigon schoss, Eisenstaedts "Kuss" vom Times Square der paradierenden US-Truppen nach dem Sieg über Nazi-Deutschland, bis hin zu den heutigen Arbeiten James Nachtweys immer zuerst auch eine Brückenfunktion: Sie überwinden mit ihrer scheinbar distanzlosen Ästhetik die Kluft zwischen dem fernen, anonymen Krieg und dem sich zumeist unbeteiligt wähnenden Betrachter. Sie übermitteln Zeugenschaft.

Bilder, die das dauerhaft leisten, sind Ikonen. Es sind damit keine bloßen Dokumentationen einer einzelnen Schlacht, eines singulären Sterbens und Trauerns, eines individuellen Schicksals. Sie werden - wie etwa Hetheringtons erschöpfter US-Soldat in Afghanistan - zu dauerhaften Zeichen. Emblemen, die sogar über die einzelne Kriegssituation hinauswachsen. Erst so werden sie feste Bestandteile des kulturellen Gedächtnisses. Damit sind sie überhöht. Es sind Sublimationen, Sinnbilder für den Krieg schlechthin, ganz gleich, ob er in Vietnam, Irak oder am Omaha Beach tobt. Diese Abstraktion, die Überhöhung des Augenblicks, der damit aufhört nur dokumentiert zu sein, aber kann man den Fotografen nicht vorwerfen. So funktionieren Menschen. Und so wollen sie funktionieren. Man kann den Fotografen nicht anlasten, dass sie Licht in das Grauen bringen.

Kriegsfotografen sind Augenkorrespondenten der Gefahr, in die sie sich begeben haben. Mit Tim Hetherington und Chris Hondros hat die Welt zwei Berichterstatter verloren, die dem Grauen doch immer wieder menschliche Gestalt und Gesicht zurückgegeben haben. Ihr Tod macht die Gefahr wieder ein Stück gefährlicher.

© sueddeutsche.de/bön/gba
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