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Zum Tod von José Saramago:Seine zweite Laufbahn

Als Saramago zwei Jahre alt ist, zieht die Familie nach Lissabon. Der Vater wird, ein typischer Landflüchtling, Polizist. Den Gymnasiumsbesuch muss der Sohn mangels Geld abbrechen, er wechselt auf eine Berufsschule, absolviert eine Lehre als Maschinenschlosser. Doch immer wieder kreuzt die Hochkultur Saramagos Weg. Ausgerechnet der Polizeidienst des Vaters ermöglicht ihm den preisgünstigen Besuch von Theater- und Opernaufführungen. Später wird die Stadtbibliothek zum Fluchtpunkt der Abende nach der Arbeit als Maschinenschlosser im Lissabonner Zivilkrankenhaus.

Der linke Kolumnist

Saramago wechselt zum Schreibbüro des Krankenhauses, arbeitet im Büro der Sozialversicherung der keramischen Industrie, lernt aber Mitte der fünfziger Jahre im legendären Cafe Chiado auch Intellektuelle kennen, schreibt Gedichte, wird Journalist bei einer Tageszeitung. Doch nachdem die portugiesische Revolution 1975 die sozialistische Perspektive verliert, wird der linke Kommentator Saramago entlassen. Seine zweite Laufbahn als Romanschriftsteller beginnt.

Immer wieder thematisiert Saramago portugiesische Geschichte, mal mythisch postmodern, mal verbunden mit der Diskussion künstlerisch-politischen Engagements. Der Maler im "Handbuch der Malerei und Kalligraphie" lebt im Umfeld der portugiesischen Revolution. Im "Todesjahr des Ricardo Reis" geht es um die Haltung der Intellektuellen angesichts des Machtantritts von Salazar. Manchmal geht Saramago, etwa in der "Belagerung von Lissabon" aber auch bis ins zwölfte Jahrhundert zurück.

Allen Büchern seit "Hoffnung im Alentejo" gemeinsam ist, dass, jedes auf seine Weise, die beeindruckende Einheit von Leben und Werk Saramagos bezeugt. Wozu allerdings auch Saramagos seither omnipräsenter, vielwisserischer Erzähler gehört, der das verwirrende Geschehen der Handlung gesprächig in verstehbare Bahnen lenkt. Das ist manchmal weniger postmodern als altväterlich, um den Leser besorgt. Saramagos Ziel ist der berühmte kantische Ausgang aus nicht immer selbstverschuldeter Unmündigkeit, der auch sein literarisch überzeugendstes Buch "Die Stadt der Blinden" bestimmt, in dem die Bewohner einer Stadt erblinden, vermutlich, weil sie für vieles blind waren, obwohl sie alles sahen. Hier spielt Saramago seine Stärke, mit wenigen Details eine unheimliche, packende Atmosphäre herzuzaubern, virtuos aus.

Saramago galt, gerade in Portugal, als schwierig. Nach dem Skandal um seinen Roman "Das Evangelium nach Jesus Christus" von 1991, den die Kirche als blasphemisch ansah, verließ der bekennende Atheist mit seiner dritten Frau, der Journalistin Pilar del Rio, das Land, zog nach Lanzarote, ins unbeliebteste Ausland: Spanien. Vergangenes Jahr kam noch einmal ein großes Buch heraus. Saramagos "Kleine Erinnerungen", eine schmale, wunderbare Autobiographie seiner Jugend, die man als Einstieg gut empfehlen kann.

© SZ vom 19.06.2010/kar
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