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Zum Tod von Ennio Morricone:Klang des Kinos

Ennio Morricone arbeitete mit fast allen großen Regiestars – nur nicht mit Stanley Kubrick, weil Sergio Leone eifersüchtig war.

(Foto: Imago)

Der italienische Komponist Ennio Morricone ist im Alter von 91 Jahren in Rom gestorben. Er schrieb die Musik für über 500 Filme und wurde mit dem Western "Spiel mir das Lied vom Tod" weltberühmt. Eine außergewöhnliche Karriere.

Von Fritz Göttler

Es war einmal, im Jahr 1968, da ging ein harter Schnitt durch die Filmgeschichte. Ein klassisches Genre war zu Ende, und die pathetische Wehklage darüber kam aus Italien. "C'era una volta il West" hieß der Film, in Amerika "Once Upon a Time in the West". Als er bei uns in die Kinos kam, hieß er "Spiel mir das Lied vom Tod".

Er wurde schnell ein Kultfilm, für jene, die näher dran waren, war es eher ein Schock. Ein fürchterlicher Western, schrieb Wim Wenders, der mit dem amerikanischen Western aufgewachsen war, ihn verehrte und von ihm inspiriert war. Das Ende eines Handwerks.

Am stärksten wohl hat dieser Film sich weltweit ins Gedächtnis gebrannt durch die Musik, die Ennio Morricone ihm verpasst hat, Mundharmonika und Maultrommel, rasselnde Akkorde, ein elegischer Chor von Frauenstimmen, der all die verpassten Beziehungen und desavouierten Hoffnungen anklingen lässt, die das Leben in der Neuen Welt heimsuchen.

Seine Musiken sind wohl die einzigen, in denen dieses chorische Klagen nicht zum Gesäusel wird. Morricone, geboren am 10. November 1928 im römischen Viertel Trastevere, studierte Musik am Konservatorium Santa Cecilia, verdingte sich während des Studiums als Trompeter in Jazzclubs. Anfang der Sechziger fing er mit Musik fürs Kino an, mit Italo-Western, und mit denen ist er, obwohl er an einer Menge anderer Filme gearbeitet hatte, berühmt geworden. Über fünfhundert Filme hat er musikalisch betreut.

2007 wurde ihm ein Ehrenoscar überreicht, aber erst für eine seiner letzten Filmmusiken bekam er dann endlich einen richtigen Oscar, 2016, für "The Hateful Eight", wieder ein Western, von Quentin Tarantino. Ein sehr später Nachfahr des Italowesterns. Ein Bekenner. Für Morricone ein Moment der Wiederkehr. Der deutsche Playboy hat ihn ein wenig versaut, als er ein Fake Interview mit Morricone veröffentlichte, in dem dieser angeblich Tarantinos Filme als Müll bezeichnet hätte.

Für Leone hatte Morricone die Musik zu "Für eine Handvoll Dollar" und für "Ein paar Dollar mehr" gemacht, zwei Western mit Clint Eastwood, dann "Zwei glorreiche Halunken", mit Eastwood, Lee Van Cleef und Eli Wallach, außerdem "Ein Fressen für die Geier", mit Eastwood und Shirley MacLaine, eine ironische Paraphrase auf den Italowestern von Budd Boetticher und Don Siegel. Morricones Musik hat ein intensives Gespür für die Entwicklung im modernen Kino, sie ist gewissermaßen schon Nouvelle Vague, bevor das kommerzielle Kino und seine Produzenten dahinter kamen, wie er das meinte.

Er hatte keine Lust, Drehbücher zu lesen, die Regisseure sollten ihm die Handlung lieber erzählen

In den Sechzigern, am Ende des klassischen Studiosystems, fand das Kino mit den jungen europäischen Cineasten auf einmal wieder zu sich. Dramaturgie und lückenlos konstruierte Geschichten wurden obsolet, der Blick richtete sich verstärkt auf Bilder und Töne, auf die Details, aufs Dazwischen. Viele Filme der Sechziger erzählen auf ihre Weise von dieser Entwicklung. Auf einmal war die Zeit im Spiel, Zeit selbst wurde zur Materie des Kinos. Und vor dem Erzählen im Kino kam oft die Musik. Morricone ließ sich von seinen Regisseuren gern die Handlung erzählen, schrieb seine Musik, ohne das Drehbuch zu lesen, oft gab es noch gar keins, und die Akteure spielten dann, während aus dem Play-back am Set diese Musik erklang. Die Dialoge wurden nachsynchronisiert. Ennio Morricone, sagte Leone gern, sei sein bester Drehbuch- und Dialogschreiber.

Nach dem "Lied vom Tod" war Morricone auf der ganzen Welt gefragt als Komponist. Er machte Filme mit Henri Verneuil, angefangen mit dem "Clan der Sizilianer", mit Phil Karlson den Partisanenfilm "Das Wespennest", mit Maximilian Schell "Der Richter und sein Henker", mit Terrence Malick "In der Glut des Südens", mit Pedro Almodóvar "Fessle mich", mit Brian de Palma "The Untouchables", mit Richard Fleischer "Red Sonja", mit Sam Fuller "White Dog". Für diesen Film schrieb er das Stück "Gewissheiten und Ungewissheiten eines Hundes." Eng verbunden blieb er aber sein Leben lang dem italienischen Kino und seinen Filmemachern, den genreverliebten wie den politischen. In Bernardo Bertoluccis "Prima della rivoluzione" orchestrierte er die Turbulenzen von 68 als Gaukelspiel, in Dario Argentos frühen Thrillern lullte er uns erst mal behaglich ein, um den grausamen Schrecken danach zu steigern, immer wieder setzte er sich mit Pasolini zusammen, um die Musik für dessen Filme zu besprechen. Geduldig erfüllte er die Wünsche des Filmemachers, eine kleine Melodie von Mozart oder Bach in den Score einbauend. "Pasolini war scheu mir gegenüber", erzählte er, allen gegenüber. Eine triste Scheu. "Er öffnete sich nicht." Momente von Diskretion, von Zurückhaltung und Zögerlichkeit sind von unerwarteter Schönheit auch in Morricones Werk.

Morricone steckt mit seinen Scores, mal opulent, mal minimalistisch, ein Feld ab, eine Atmosphäre, einen Rhythmus. Bei ihm gibt es kein Vorwärtsdrängen, eher ein Pulsieren. Er verweilt beim Augenblick, das verleiht seiner Musik einen Grundton von Ironie.

Manche seiner Regisseure haben das nicht gleich mitgekriegt, Leones effekthascherische Kameraarbeit ist eine Tour de Force der Selbstbehauptung. Mit einem anderen Meister der Selbstbehauptung kam die gemeinsame Arbeit leider nicht zustande. Morricone sollte die Musik gestalten für "Clockwork Orange". Um sich zu vergewissern, dass alles klappen würde, rief Kubrick kurz davor bei Leone an, und der erklärte, Morricone sei doch gerade bei ihm beschäftigt.

Natürlich war Morricone mit der Arbeit für Leones Film längst fertig. Am Montag ist Ennio Morricone im Alter von 91 Jahren in Rom gestorben.

© SZ vom 07.07.2020

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