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Zum Tod von Christopher Hitchens:Hol' den Vorschlaghammer

Bei den meisten Menschen provoziert der Anblick eines Denkmals andächtiges Innehalten, bei Hitchens den Ruf nach einem Vorschlaghammer. So beim ehemaligen Außenminister Henry Kissinger, weil dieser bei Kriegsverbrechen von Verbündeten Amerikas mitgeholfen haben soll. Dem Ehepaar Clinton warf er Lügen und angeblich unsaubere Geschäfte vor - und erklärte die first family im Titel seiner Abrechnung zur worst family.

Auf seinem Kreuzzug gegen Mutter Teresa brachte er es bis in den Vatikan. Die Kirche lud ihn ein, in der Tradition des advocatus diaboli Argumente gegen die Seligsprechung vorzutragen und angebliche Wunder in Frage zu stellen. Für ihn war selbst die albanische Nonne, die in Indien den Armen half, kein Engel - sondern eine eiskalte Missionarin, deren einziges Ziel es war, unter den Schwächsten der Gesellschaft neue Katholiken zu rekrutieren. Seliggesprochen wurde sie natürlich trotzdem.

Seine Prinzipien Meinungsfreiheit, Aufklärung, Wissen statt Aberglaube waren international, doch nur in den Vereinigten Staaten sah er sie verwirklicht: 2007 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Von der Linken hatte er sich bereits am 11. September endgültig verabschiedet: Die islamistischen Terroristen sah er als Wiederkehr der Tyrannen und Faschisten, gegen die er schon immer gekämpft hatte. Er unterstützte den "Krieg gegen den Terror" und den Einmarsch im Irak als Kampf gegen den Irrsinn von Diktatoren und religiösen Ideologen.

Doch er war ein Verbündeter, den sich Amerikas Konservative nicht gewünscht hatten. Mit der gleichen Wut und Scharfzüngigkeit, mit der er auf die Vernichtungsphantasien islamistischer Zellen losging - die tatsächliche Terrorgefahr im Post-9/11-Amerika überschätzte er wohl völlig -, verspottete er Sarah Palin, Michele Bachmann und alle anderen, die dem säkularen Amerika ihre primitive Version des Christentums aufdrängen wollen.

Es war genug Stoff für mehr als ein Leben: Hitchens versteckte seinen Freund Salman Rushdie, als die Mullahs ihn per Fatwa für vogelfrei erklärt hatten. In Beirut schlugen ihn syrische Nationalisten zusammen, weil er deren Sticker mit einem hakenkreuzähnlichen Parteilogo von einer Laterne gekratzt hatte. Und er stand an der nordirakischen Front mit kurdischen Rebellen, als die Offensive gegen Saddam mit US-Unterstützung rollte. Ausgerechnet Hitchens, der sich als Freidenker vermarktete, war ein embedded journalist geworden, der nicht Schlechtes sehen wollte im planlosen Angriff auf ein ethnisch zersplittertes Land am anderen Ende der Welt. Doch auch in seinem heißgeliebten Amerika sah er die Freiheit des Einzelnen bedroht.

Der nanny state, der seine Bürger mit übertriebenen Verboten vor sich selbst beschützen will, wurde in den Augen von Hitchens' durch New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg personifiziert. In seinem Artikel I fought the Law in Bloombergs New York führt Hitchens den Irrsinn dieses Denkens vor - indem er versucht, in der Stadt eine Zigarette zu rauchen.

Sein Verständnis von individueller Freiheit wurde ihm am Ende zum Verhängnis: Christopher Hitchens starb am Donnerstag im Alter von 62 Jahren in Houston an einer Lungenentzündung, Folge seines Speiseröhrenkrebses. Er rauchte Kette, gerne auch bei Vorträgen in amerikanischen Hörsälen, lange bevor die Serie Mad Men die Kippe im Mundwinkel wieder cool machte. Von seinem Vater hatte er die Vorliebe für Schnaps übernommen. Getrunken wurde eigentlich immer. Er schrieb einmal, viele Leute fragten sich, wie er "jeden Tag genug trinken könne, um ein durchschnittliches Maultier zu töten oder zu betäuben". Über die Toten nur Gutes.