bedeckt München 23°

Ein Journalist erprobt eine Foltermethode:"Glaubt mir, es ist Folter"

Teilnehmende Beobachtung: Warum sich der britische Journalist Christopher Hitchens für Vanity Fair "waterboarden" ließ. Mit Video.

In seiner Reiseerzählung "El Sendador" beschreibt Karl May hingebungsvoll die Wasserfolter. Ein steter Tropfen, der aus einem Behältnis über dem Opfer auf dessen kahlrasierten Kopf trifft, wird es in kürzester Zeit zum Sprechen bringen, behauptet unser weltgewandter Abenteurer. Natürlich erntet er nur Hohn.

Christopher Hitchens durchlebte die Qualen des "Waterboardings" um der Aufklärung Willen.

(Foto: Screenshot: vanityfair.com)

Das Opfer ist bereits brutal misshandelt worden und hat - tapfer wie ein Indianer - eisern geschwiegen: "Diese Wassertropfen sollen das erwirken, was die Prügel nicht zu Stande gebracht haben?" fragt der ungläubige, aber belehrungswillige Pena. Doch wäre Karl May nicht Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, wenn er nicht auch hier und schon 1889 recht hätte: Selbst diese so simple Methode ohne eigentliche Schmerzzufügung kann wie grausamste Folter wirken.

Der nach dem Angriff vom 11. September 2001 ausgerufene "Krieg gegen den Terror" hat der Folter eine Renaissance beschert, von der die Inquisitoren vergangener Jahrhunderte nur träumen können. Heute geht es nicht mehr um einen brutalen Angriff auf den Körper des Delinquenten, in dem Folterknechte der Spanischen Inquisition wie der deutschen SS zu exzellieren vermochten, sondern darum, dem Opfer zuzusetzen, ohne es zu verletzen.

Vor allem durch die apologetischen Worte des US-Vizepräsidenten Dick Cheney hat sich herumgesprochen, dass die amerikanische Regierung ihre Gefangenen in Guantánamo mit dem "Waterboarding" quält. Die menschenfreundliche und menschheitsgeschichtlich recht neue Vorgabe, dass auch der Gefangene - und sei er ein Mörder und Vergewaltiger - unversehrt zu bleiben habe, wird, zumindest was die körperliche Verfassung angeht, in dieser avancierten Form der Folter streng gewahrt.

Legitimes Mittel

Im modernen Krieg ist nicht mehr alles erlaubt, es sei denn, es handelt sich um einen Krieg gegen unsichtbare Terroristen und um eine Regierung, die sich über die Genfer Konvention hinwegsetzt. Deshalb gilt das "Waterboarding" Cheney und den Seinen auch nicht als Folter, sondern als legitimes Mittel der Befragung. Wenn Terroristen vor laufender Videokamera ihre Opfer enthaupten und (ohne Kamerabegleitung allerdings) Anschläge gegen die Zivilbevölkerung planen, sollen nach herrschender Überzeugung alle notwendigen Mittel eingesetzt werden.

"Wenn man von der Tortur spricht", hat ihr Opfer Jean Améry geschrieben, "muss man sich hüten, den Mund voll zu nehmen." Der 59-jährige britische Journalist Christopher Hitchens hat sich dieser modernen Form von Folter so freiwillig wie sachlich unterzogen. Ein Journalist tut so etwas normalerweise nicht; seine Aufgabe besteht schließlich nicht in der Teilnahme, sondern in der Beobachtung. Aber gegen dieses Grundgesetz hat einst schon die Schriftstellerin Djuna Barnes verstoßen, als sie sich eine Magensonde einführen ließ, um am eigenen Leib zu erspüren, wie brutal die Zwangsernährung den Hungerstreik beenden sollte.

Todesangst in Sekunden

Auch Hitchens geht es bei seinem Experiment um Aufklärung. Er unterschreibt eine Vereinbarung, wonach ihm bewusst ist, dass die Prozedur, der er sich aussetzen will, eine "potentiell gefährliche Aktivität" sei, die zu "dauerhaften Verletzungen und sogar zum Tode führen" kann. Dann fährt er nach North Carolina in ein geheimes Camp (das so geheim nicht sein kann, weil immerhin ein Video der Recherche gedreht wurde), lässt sich die Augen verbinden, auf ein Brett schnallen und mit dem bandagierten Kopf untertauchen. Wie nicht anders zu erwarten, erlebt er allein schon durch die Atemhemmung Todesangst und betätigt das Rettungssignal, das den Feinden der USA nicht ohne weiteres zu Gebote steht. Aus dem Camp bringt Hitchens eine schlichte Botschaft mit: "Glaubt mir, es ist Folter."

Hitchens' Folter-Experiment im Video von Vanity Fair.

Dieser Körpereinsatz ist schon deshalb bemerkenswert, weil Hitchens zu den septembergefallenen Linken gehört, die sich nach dem Angriff auf das World Trade Center begeistert in George W. Bushs "Krieg gegen den Terror" stürzten. Mit seiner Beschreibung des "Waterboarding" schwört Hitchens keineswegs ab, aber er trifft die amerikanische Regierung da, wo es wirklich weh tut.

Neben dem Selbstversucher Hitchens ist nämlich Vanity Fair zu preisen, in dessen August-Ausgabe sein Bericht erscheint. Das Magazin feiert seinen jährlichen Höhepunkt mit einer Oscar-Party und versammelt dafür den gesamten, gerade vorrätigen Glamour von Tinseltown. Gleichzeitig, und das schafft kein deutsches Magazin, bringt es solche politischen Texte. Bush hin und bald weg, Amerika hat es besser.