Zum 70. Geburtstag Wenn die Sonne über Schwabing aufgeht

Antje Kunstmann ist 1949 in Bad Kissingen geboren. In diesem Frühjahr wurde ihr der Kulturelle Ehrenpreis der Stadt München verliehen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Was wäre München und was die deutsche Verlagswelt ohne Antje Kunstmann?

Von Alex Rühle

Die Frau kommt aus dem Feiern gar nicht mehr raus. Im März erst wurde Antje Kunstmann der Kulturelle Ehrenpreis der Stadt München verliehen. Am Applaus der Festgemeinde konnte man während des Festakts sehen, wie sehr sich da ein ganzer Saal voller Münchnerinnen und Münchner ehrlich mitfreute. Weil es einfach ein Riesenglück ist, dass es in dieser rundum gemütsberuhigten Stadt jemanden wie diese Verlegerin gibt. Die keine Ruhe gibt. Die sich quer durch all die Jahrzehnte treu geblieben ist. Die sich auch mit 69 noch aufregen kann über soziale Missstände. Und die gleichzeitig auch mitten im hektischsten Verlagstrubel sagen kann, ach, was soll das alles, lass uns erst mal reden, und guck mal hier, so ein wunderschönes Buch ...

Jetzt muss sie anscheinend schon wieder feiern. Wobei der Anlass eigentlich gar nicht wahr sein kann. Wenn man in der SZ-Redaktion erzählt, dass man gerade an einem Geburtstagsartikel sitzt, heißt es jedes mal, hör auf, 70 wird die, gibt's ja nicht. Sag unbekannterweise Grüße! Also erst mal lauter anonyme Grüße aus der Zamdorfer Peripherie mitten ins und ans Herz dieser Stadt.

Das Programm ist bis heute kämpferisch - und erfrischend wie ein kühl gezapftes Bier

Es gibt ja diese Münchner Kunstmannmythen: Dass in den ehemaligen Verlagsräumen in der Georgenstraße früher mal eine Wirtschaft und später dann eine Studentenzeitschrift zu Hause war, was sich beides in die DNA des Verlags durchgepaust zu haben scheint: Das Programm ist bis heute sozialpolitisch kämpferisch und gleichzeitig erfrischend wie ein kühl gezapftes Bier. Dass das ganze Verlegerinnenabenteuer anfing als politisch engagierte Verlagsgemeinschaft, mit der Lehrertochter und Pädagogikstudentin Kunstmann, die im Raith-Verlag aus dem Stand eine feministische Buchreihe betreuen durfte. 1976 dann der erste eigene Verlag, gemeinsam mit Peter Weismann. Vertretersitzungen am Küchentisch und als erstes ein Buch über die Geschichte der Frauenbewegung. Oder das kommunistische Manifest in Comicform.

Man merkt Antje Kunstmann, anders als anderen Überlebenden der 68er-Zeit, die politische Herkunft nicht an überbordendem Schlaubischlumpfgerede an, sondern an wachem politischem Interesse. Die NSU-Protokolle hat sie sicher nicht herausgegeben, weil man damit Millionärin wird, sondern weil sie das Thema umgetrieben hat. Irene Götz' bestürzendes Buch über Altersarmut bei Frauen aus dem aktuellen Programm ist ein Dokument über gefährliche soziale Segregation; oder man denke an die Bücher von Björn Bicker, der übrigens ein Hohelied singt auf die Lektorin Antje Kunstmann, die eine "Präzisionsleserin" sei: "Wir saßen mal über einem von ihr lektorierten Manuskript, das komplett rot war von ihren Anmerkungen und sie erklärte mir, wie der Text besser funktionieren könnte. Ich sagte verschüchtert: ,Wir müssen das nicht machen, Antje, wenn du das so schlecht findest.' Da sah sie mich verwundert an und sagte: ,Wieso? Das wird ein super Buch.'"

Wenn sie hier als politische Verlegerin gefeiert wird, ist das natürlich nur der eine Teil der Wahrheit. Kunstmann hatte bei all ihrem Engagement nie was Vergrämtes, vielleicht könnte sie mal die SPD beraten, wie man das hinkriegt, sich treu bleiben in Sachen sozialem Engagement und trotzdem so ein schwungvoll neugieriger, bunter Mensch bleiben. Wenn München, diese totsanierte SUV-Stadt, an einigen Ecken immer noch leuchtet, dann hat Kunstmann mit ihren Feiern und geselligen Abendrunden sicher mehrere Watt dazu beigetragen. Sie ist, wieder O-Ton Björn Bicker, "so ziemlich der großzügigste Mensch, den ich kenne". Sie versucht, bei diesen Abendrunden nie selbst im Mittelpunkt zu stehen, sondern gleichmäßig Licht auf alle Gäste scheinen zu lassen. Und sie ist eine so gute Gastgeberin, dass viele ihrer Autorinnen und Autoren schon mal erlebt haben, wie schön das aussieht, wenn die Sonne über Schwabing aufgeht.

Jetzt müsste man eigentlich noch ein langes Namensdefilee herunterleiern, all die Autorinnen und Autoren, die man nur dank ihres Riechers im Deutschen kennenlernen durfte, Rafael Chirbes, Barbara Ehrenreich, Roberto Bolaño ... Sie hat Wolf Erlbruch zu seinem schönsten Buch verleitet, "Ente, Tod und Tulpe". Und wer auf der Messe in Frankfurt, in all dem stroboskophaften Irrsinn, einfach nicht mehr kann, der verfüge sich kurz an den Kunstmannstand, da steht sie, wie ein Fels in der Brandung, hat ein offenes Ohr, vielleicht auch einen Tee und sagt, guck mal hier, so ein wunderschönes Buch ...